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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-07 · Heft 45 (7.11.1889) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 45 (7.11.1889)
Date
1889-11-07
Page
Seite 710 (sequence 10)
Language
German
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710 nicht bloß um die Beschaffung von Localitäten, sondern es fehlen auch speciell am Jom Kippur die Functiouäre u. s. w. u. s. w., aber schließlich muß die Frage denn doch gelöst werden, wenn man nickt will, daß die Jugend ohne alle Reminiseenzen an diese heilige Zeit heranwachse. Wie bekannt, halten einige Männer, die Herz und Sinn für Juden und Judenthum haben, vor einigen Jahren die Absicht von einem Gelehrten eine Ethik des Judenthums zu veröffentlichen und wollten dadurch dem Antisemitismus Halt gebieten. Im Laufe der Zeit hat man „Glaubenssätze" :c. veröffentlicht, und in den jüngsten Tagen erschienen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre", die zahlreiche Unterschriften von Männern, die den verschiedenen Parteien im Judenthum angehören, tragen. Es hat sich zwar Opposition gegen diese Schematisirung erhoben, was jedoch nicht hindert, daß, wie bemerkt, Fort- und Rückschrittsmänner dieselben unterschrieben. Ob damit dem Antisemitismus der Boden entzogen wird, ist allerdings fraglich. Eine hier erscheinende antisemitische Zeitung macht zu den veröffentlichten „Grundsätzen" die höhnische Bemerkung: Die Juden haben ihre Moral entdeckt. Die Zeitschrift zur Bekämpfung des Antisemitismus, herausgegeben von Dr. Carl v. Kißling in Linz, veröffentlicht die kurzgefaßte Religions- und Sittenlehre für die israelitische Jugend von Dr. G. Wolf. Die erste Auflage dieses Lehrtextes erschien nämlich 1870, zu einer Zeit, wo von Antisemitismus noch keine Spur war, und soll dieser Lehrtext, der so zu sagen ohne Nebenabsicht geschrieben wurde, den Beweis von der Erhabenheit der Moral des Judenthums geben. Nach alle dem, was wir erlebt haben, bin ich weit entfernt davon, Sanguiniker zu sein. Nachdem jedoch in Berlin, von wo das Unheil ausging, die Kreuzzeitung mit ihrer Sippe sammt Stöcker vom deutschen Kaiser aufs Haupt geschlagen wurde, ist wohl anzunehmen, daß auch hier bald dem Spuk ein Ende gemacht werden wird. Wien, 25. October. Auch ein Zeichen der Zeit! Der Professor des Strafrechtes an der Wiener Universität, Salomo Mayer, legte, gekränkt durch seine Uebergehung bei den letzten Besetzungen, seine Professur unter freiwilliger Verzichtleistung auf Pensionsbezüge nieder. Mayer übersiedelt nach Paris, um sich dort als Advocat für internationales Recht niederzulassen. Wien, 27. Oktober. (Privatmitth.) Kaum hat das Studienjahr an der hiesigen Universität recht begonnen, und schon sind Excesse der Studirenden zu verzeichnen, ja gelegentlich des gestrigen „Corpsbummels" kam es zu argen Ausschreitungen. Unsere Corps, die sich fast ausschließlich aus „Nurdeutschen", d. h. Antisemiten von der Schönererschen Couleur zusammensetzen, treiben es seit Jahren entsetzlich. Als Professor Maaßen im Landtag eine Rede hielt, welche den jungen Herren nicht convenirte, zischte man ihn aus, und ein Theil der Deutschlieberalen und ihrer Presse war schwach genug, den Bubenstreich förmlich zu billigen. Als man dem verstorbenen Minister Glaser, dem größten Kriminalisten, der je an der Wiener Universität gelehrt hatte, eine Büste setzte, gab es neue Skandale — Glaser gehörte dem jüdischen Stamme an, war ein getaufter Jude. Die bekannten Knolz-Schönerer-Sitzungen des Abgeordnetenhauses wurden von den Herren Studenten viel fleißiger besucht, als die Kollegien ihrer Professoren. Die Corpsstudenten bilden ein ständiges Contiugent der Gallerie der Besucher des Abgeordnetenhauses und Zischen dort nach Herzenslust. Abgesehen von der medicinischen Facultät, in der der Antisemitismus erst sporadisch vorkommt, sind die Studienergebnisse an der hiesigen alma mater in der letzten Zeit keineswegs erfreuliche gewesen, und kein Geringerer als Baron Lemayr hat auf die ungenügende Ausbildung speciell der absolvirten Juristen hingewiesen, aber die antisemitische Thätigkeit der Herren ist dafür eine um so regere. Wer nicht zum deutsch-nationalen antisemitischen Programm schwört, wird von den Studenten aufs Korn genommen. Die Ordnung an der hiesigen Universität wird wieder hergestellt, beziehungsweise erhalten werden. Die akademischen Behörden kennen die Rädelsführer und werden ihnen das Handwerk legen. Wien, 28. Oktober. Wie die „Allgemeine" meldet, ist auch seitens des Justizministeriums an die hiesigen Gerichtsbehörden ein Erlaß ergangen, worin diese aufgefordert werden, gegen die antisemitischen Excedenten mit allergrößter Strenge vorzugehen. Der an die Polizeibehörden in Betreff der antisemitischen Ausschreitungen gerichtete Erlaß ist vom Statthalter Grafen Kielmansegg unterzeichnet. „Narodni Listy" melden aus Wien: Den Polizeibehörden wurde in Folge der letzten deutsch-nationalen und antisemitischen Excesse in den Vorstädten und Vororten Wiens der strengste Auftrag ertheilt, allen deutsch-nationalen und antisemitischen Ausschreitungen in schärfster Weise entgegenzutrelen. Die Polizeibeamten, welche in Wähler- und Volksversammlungen als Regierungsvertreter fuugiren, haben für die Aufrechthaltung der Ordnung alle Vorsichtsmaßregeln zu treffen, alle Demonstrationen der Versaminlung und der Redner zu überwachen und nicht nur deutsch nationale Ausschreitungen, sondern auch Beleidigungen der gesetzlich anerkannten Konfessionen nicht zu dulden und dieselben zu verhindern. Ebenso wurde die Polizeimannschaft unbedingt angewiesen, sofort jene Persönlichkeiten in Haft zu nehmen, welche sich in dieser Richtung vergehen. Wien, 28. Oct. Der Statthalter Graf Kielmansegg empfiehlt in einem Erlaß an die Unterbehörden denselben strenges Vorgehen gegen deutschnationale und antisemitische Ausschreitungen.

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