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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-07 · Heft 45 (7.11.1889) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 45 (7.11.1889)
Date
1889-11-07
Page
Seite 709 (sequence 9)
Language
German
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709 Prediger am vorigen Freitag anstimmte. Er erklärte dabei das Cartell für „alten Plunder" und sagte u. A. wörtlich: „Wenn es heißt, die Christlich-Socialen beabsichtigen, später wieder ins Leben zu treten, so muß ich sagen: mau kann die Todten nicht nicht wieder aufwecken. Wer sich selbst mordet, der ist todt; wer todt ist, wird nicht wieder lebendig. Man soll von den Todten nichts Uebles reden. Was die christlich-sociale Partei, namentlich ihre Blätter gegen uns gethan haben, wollen wir daher vergessen. Wir fordern vielmehr die Christlich-Socialen auf, jetzt, nachdem ihre Partei todt ist, als echte Brüder zu uns überzutreten. Wir werden die Letzten sein, die ihnen ihre Vergangenheit in irgend einer Weise nachtragen wollen." Dresden, 20. October. Ein recht seltsamer Vorgang ist folgender: Das „Sächs. Wochenbl." brachte vor einiger Zeit eine Correspondenz, in welcher die hiesigen Kaufleute Schlesinger und Renner angegriffen wurden. Die Staatsanwaltschaft sah in diesem Artikel eine Beleidigung der Genannten und übernahm die Verfolgung dieses Artikels im „öffentlichen Interesse". Aber, und jetzt beginnt das Seltsame, obgleich beide Kaufleute, wenn überhaupt beleidigt, vollständig gleich stark beleidigt sind, da gegen beide die gleichen Anklagen erhoben wurden, lag für die Staatsanwaltschaft nur in der Beleidigung Renner's ein „öffentliches Interesse" vor, Schlesinger ist auf den Weg der Privatklage' angewesen. Manche Leute wollen den Grund zu dieser merkwürdigen Unterscheidung darin erblicken, daß Renner „Christ", Schlesinger aber „Jude" ist. Wir als loyale Staatsbürger sind natürlich weit entfernt, der Staatsanwaltschaft zuzutrauen, daß sie aus antisemitischen Motiven dieses zweierlei Maß in Anwendung bringt, vermögen aber auch nicht zu sagen, worin sonst der Grund für ihr verschiedenes Vorgehen zu finden ist. Düsseldorf, 26. Okt. (Privatmitth.) Es ist vielfach die Meinung verbreitet, daß in Preußen die Juden von der Berechtigung Landwehroffizier zu werden, ausgeschlossen sind. Dem gegenüber haben jüngst bei dem hiesigen Husarenregiment von zehn Bewerbern vier diese Berechtigung erhalten, und diese vier waren zwei Juden und zwei Christen. Der eine Jude gehört einer Familie an, in welcher auch der älteste Sohn diese Anwartschaft besitzt, die er jedoch in München, wo er studirt und gedient hat, erhielt, und bekanntlich werden in Bayern in dieser Beziehung den Bekennern des Judeuthums gar keine Schwierigkeiten gemacht. Bielefeld, 26. Oct. (Privatmitth.) Unser Mitbürger, der Rentner Herr Markus Jordan, der zur Zeit die Freiheitskriege mitgemacht, vollendete heute sein 110. Lebensjahr. Der ehrwürdige Greis, der allerdings seit Jahresfrist nicht mehr aus seinem Hause gekommen, erfreut sich — abgesehen von einer in neuerer Zeit aufgetretenen Schwerhörigkeit — guten Wohlseins, regen Appetits und gesunden Schlafs, liest noch ohne Brille, nimmt mit Freuden die zahlreichen Glückwünsche, die ihm von nah und fern zugehen, entgegen und betheiligt sich gern an der Unterhaltung, wenn er auch häufig deren Faden verliert. — Da Seine Majestät der Kaiser wiederholt sein Interesse und seine Theilnahme für den hochbetagten Mann, der sicherlich der älteste Mensch in seinen Staaten ist, kundgegeben, hat die Familie an das Civilcabinet Sr. Majestät die Anfrage gerichtet, ob vielleicht ein Bild des Herrn Jordan eine willkommene Gabe sein würde, worauf der Bescheid gekommen ist, daß der Kaiser gern dieses Bild entgegenuehmen werde. Das wohlgelungene Porträt ist vor Kurzem im Zimmer des Herrn Jordan photographisch ausgenommen worden und wird in den nächsten Tagen nach Berlin abgehen. Die seit vielen Jahren an diesem Tage ausgesprochenen Wünsche für das fernere Wohlergehen des seltenen Greises erneuern wir hiermit in herzlicher Theilnahme. S. Blumenau. Oesterreich-Ungarn. Wien, 21. Oktober. Statthalter Graf Kielmansegg empfing gestern eine Abordnung der israelitischen Kultusge> meinde, um deren Glückwünsche zu [einem Amtsantritte entgegenzunehmen. Bei diesem Anlasse erklärte Graf Kielmansegg, daß er K'enntniß habe von jener Eingabe, welche die Kultusgemeinde an die Regierung gerichtet habe. Er stehe ganz auf dem Standpunkte der Staatsgrundgesetze und verurtheile entschieden jede Aufreizung, die geeignet ist, Unfrieden in die Bevölkerung zu tragen. Wien, 23 October. (Privatmitth.) Kurz vor dem Beginn der jüngst verflossenen hohen Festtage wurden zwei neuerbaute Bethäuser eröffnet, das eine im 9. Bezirke und das andere im Vororte Währing. Man würde jedoch sehr irren, wenn man glauben wollte, daß alle Jene, welche an den hohen Festtagen ihre Andacht in einem Gotteshause verrichten wollten, Platz fanden. Nach wie vor gilt hier wie in andern Großstädten der Spruch Am meisten zu bedauern ist es, daß für die Jugend, für die im Laufe des Jahres ein besonderer Jugendgottesdienst abgehalten wird, der in vielen Gemeinden Nachahmung gefunden hat, gerade an den hohen Festtagen nicht gesorgt wird. Die Schüler und Schülerinnen in den Volks- und Bürgerschulen, sowie die Schüler der Mittelschulen sind an diesen Tagen frei vom Schulunterrichte, aber da für sie kein Raum im Gotteshause ist und es manchen Eltern schwer fällt, Sitze zu kaufen, so vernachlässigt ein großer Theil der Jugend die Schule, ohne am Gottesdienste Theil zu nehmen. Wir verkennen nicht, daß es schwer fällt, dieses Problem zu lösen. Es handelt sich 45

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