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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-07 · Heft 45 (7.11.1889) · p. Seite 708

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 45 (7.11.1889)
Date
1889-11-07
Page
Seite 708 (sequence 8)
Language
German
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708 Deutschland» Berlin, 25. Oktober. Wie seiner Zeit mitgetheilt wurde, schrieb ein Kaufmann in Gera an einen Mandanten des irrthümlich für einen Juden angesehenen Rechtsanwalts Dr. Sello (der ausgezeichnete Vertheidiger in der Angelegenheit des Neustettiner Synagogenbrandes), daß er einen jüdischen Mandatar als solchen nicht anerkennen könne, weil derselbe vermöge seiner Abstammung und Religion verpflichtet sei, die Christen zu betrügen. Rechtsanwalt Dr. Sello beantragte darauf bei der Staatsanwaltschaft beim Berliner Landgericht!, unter der Ausführung, daß durch die in dem qu. Brief enthaltene Aeußerung nicht nur er, sondern der ehrenwerthe Stand, dem er angehöre, in der Berufsehre schwer verletzt sei, die Einleitung der öffentlichen Klage gegen den Briefschreiber. Diese lehnte die Staatsanwaltschaft aber mangels Vorliegens eines öffentlichen Interesses kurz ab, und auch die hiergegen bei der Oberstaatsanwaltschaft am Kammergerickt angebrachte Beschwerde blieb ohne Erfolg, weil diese Behörde die Auffassung vertrat, daß durch den inkriminirten Brief nur die Rechtsanwälte jüdischer Confession beleidigt seien, weil aber ein Strafverfahren nur eingeleitet werden könne, wenn von den Verletzten ein Strafantrag vorliege, was aber nicht der Fall ist. Gegen diesen Bescheid legte Rechtsanwalt Dr. Sello weitere Beschwerde bei dem Justizminister Dr. v. Schelling ein, und wurde in der Rechtfertigungsschrift geltend gemacht, daß durch den inkriminirten Satz auch die nicht jüdischen Rechtsanwälte getroffen würden, indem ihnen das Zusammenwirken mit offenkundigen Betrügern zum Vorwurf gemacht werde. Gestern hat nun der Beschwerdeführer den Bescheid erhalten, daß die Staatsanwaltschaft beim Landgericht I. angewiesen sei, die öffentliche Klage gegen den Briefschreiber zu erheben. (Und wie steht es um die Privatklage, welche ein jüdischer Rechtsanwalt erhoben, und die jedenfalls eine Bestrafung herbeiführen müßte?) Berlin, 25. Oct. Bei der Erbauung der neuen Synagoge war von vornherein die Freilegung des hierauf in seiner Wirkung berechneten Bauwerks ins Auge gefaßt. Gegenwärtig beginnt der Abbruch der beiden vor einiger Zeit angekauften Nachbarhäuser Oranienburgerstraße Nr. 29 und Nr. 31, von denen da^ erstere bisher dem Fiskus gehörte. Ein Theil des nach Abbruch der beiden Häuser zur Verfügung stehenden Platzes wird dem jüdischen Krankenhause überwiesen. Während der letzten Festtage war die Synagoge übrigens geschlossen, weil vor einiger Zeit ein Theil der Deckenverkleidung sich losgelöst hatte und in das Gotteshaus hinabgestürzt war, so daß eine mühsame Reparatur nothwendig wurde. (Es ist doch bemerkenswerth, wie leichtfertig in unsrer Zeit gebaut wird, wie der oftmalige Einsturz bei Neubauten erweist. Wenn nun ein solcher Deckeneinsturz während eines Gottesdienstes geschehen wäre!) Die Antisemiten machen die krampfhaftesten Anstrengungen, sich immer noch als Partei aufzubauschen, und dadurch noch Anhänger zu erhalten! Die bisherigen Führer zweiten Ranges suchen dabei an die Stelle Stöcker's zu treten, freilich ohne dessen Begabung. Die Antisemiten-Versammlung, welche am 23. d. in der „Tonhalle" stattfand und zu deren Besuch Major Blume Namens der conservativen Gesammtvertretung aufgefordert hatte, zeigte durch ihre Zusammensetzung und besonders durch die gehaltenen Reden, daß statt des Herrn Stöcker die antisemitischen Führer von der „reinen" Gruppe das tonangebende Element in der conservativen Partei Berlins geworden sind. Liebermann von Sonnenberg erklärte: Wir haben die Führung übernommen. (Jubel.) Den Nationalliberalen werden wir den Garaus machen (stürmischer Beifall). Wenn Miguel candidiren will, werden wir ihm an der Hand von Glagau heimleuchten. Von den Freisinnigen und Socialdemokraten werden zahlreiche das nächste Mal antisemitisch wählen, ich kann Ihnen dafür bürgen (!?), daß in dieser Beziehung starke Ueberraschungen bevorstehen. (Erneuter Jubel.) Trotz seiner Angriffe auf die Nationalliberalen gab Redner der Hoffnung — anscheinend ernsthaften — Ausdruck, daß die Nationalliberalen die Antisemiten in patriotischer Gesinnung unterstützen würden und daß „auf der bezeichneten Basis" das Kartell in Berlin zu Stande komme. Recht häufig hatte Herr v. Liebermann sich mit Zwischenrufen auseinanderzusetzen. Einen Unterbrecher, der schließlich hinausgewiesen werden sollte, nahm Herr v. Liebermann in Schutz, da dieser ein höchst gutgesinnter Mann sei und nur der deutschen Erbneigung zum Trunk etwas gehuldigt habe. Diese Eröffnung wurde mit Bravo ausgenommen. Zweiter Redner des Abends war Dr. Paul Förster, der die Versammlung wenig zu interessiren vermochte. In der Versammlung soll auch Professor Wagner anwesend gewesen sein. Zur Aufrechthaltung der Ordnung war eine starke, im Tunnel postirte Schutzmannschaft aufgeboten. Berlin, 29. October. Nach Liebermann v. Sonnenberg mußte selbstverständlich auch Böckel suchen, die Hinterlassenschaft Stöckers anzutreten und zeigen, daß er noch da sei. Sehrfreundlich war das Sterbelied nicht, das er dem Herrn Hof-

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