Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 707 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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707 großen Publikum mundgerecht oder vielmehr pikant ist. Daß wir zu diesem Ausrufe nicht unberechtigt sind, wird man aus dem Folgenden erkennen. In dem Hefte der Revue des Deux Mondes vom 15. October 1889 läßt ein Herr Arv^ide Barine einen sehr langen Artikel los, welchen er „Ein polnische Jude" betitelt. Wer ist dieser polnische Jude? Der bekannte Philosoph Salomon Maimon, der 1753 in dem elenden Dörfchen Nieszwic in Lithauen geboren ward und im November 1800 auf einem Gute des Grafen von Kalkreuth Neu-Siegersdorf verstarb, wo ihm der, dem Philosophiren geneigte Graf eine friedliche Zufluchtsstätte gewährt hatte. Und warum schreibt der französische Autor über seinen Artikel nicht Salomon Maimon, sondern ein polnischer Jude? Mit vollem Rechte. Denn in demselben lesen wir zwar fortwährend von Salomon Maimon, aber nur als polnischen Juden, nicht von dem Philosophen. Dieser Maimon hatte seine Jugend im größten Elend und außer seinen talmudischen Kenntnissen in völliger Unwissenheit verbracht. Aber der Geist erwachte in ihm, der philosophische Geist und trotz der ungenügendsten Hülfsmittel rang sich dieser in ihm empor, trieb ihn nach Deutschland, wo er sich, ohne ordentliche Studien zu machen, viele Kenntnisse erwarb, sich längere Zeit in Berlin aufhielt, dann wieder Jahre lang sich umhertrieb bis nach Amsterdam und zurück, bis ihn der edle Graf gewissermaßen auffing und nach feinem Gute brachte, wo er die letzten Jahre seines doch nur kurzen Lebens in Ruhe verbrachte. Außer einer Menge philosophischer Abhandlungen in der „neuen" und der „deutschen Monatsschrift" und einiger kleinen Schriften über die mannigfaltigsten philosophischen Gegenstände haben wir zwei Hauptwerke von ihm; einen hebräischen, aussührlichen Eommentar zum ersten Theile des More Nebuchim mit einem Abriß der Geschichte der Philosophie ny:r>) Berlin 1791, Sutzdach 1828, sowie Versuch über die Transeendeutalphilosvphie, Berlin 1790, eine Schrist, welche selbst die Aufmerksamkeit Kant's weckte und von ihm ein günstiges Urtheil erfuhr. Daß Salomon Maimon keine unbedeutende Stellung in der Fortentwickelung der Kant'schen Philosophie einnimmt, dies hat K. Fischer im fünften Bande seiner Geschichte der neueren Philosophie erwiesen, wo er ihm zwei Capitel widmet. Bon alledem weiß Herr Barine gar wenig zu sagen und thut es mit einigen Phrasen ab. Aber Maimon hat das Unglück gehabt, seine „Lebensgeschichte" zu schreiben, welche K. P. Moritz in zwei Theileu, Berlin 1792 und 1793 herausgab. In diesem Buche theilt uns Maimon seinen ganzen Lebensgang, all' sein Thun und Lassen mit größter Unverfrorenheit mit. Wir hatten einmal den Gedanken, dieses selten gewordene Buch unter den Schriften des „Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur" heranszugeben; aber als wir wieder einen Blick in dasselbe gethan, wiesen wir diese Idee weit von uns. Herr Barine nahm nun dasselbe vor und schrieb es für seinen „polnischen Juden" vielfach aus. Denn das ist Zweck und Inhalt seines großen Artikels, die polnischen Juden in ihrem Elend, ihrem Schmutz, ihrer Unwissenheit, noch dazu aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, zu schildern, obschon er bemerken muß, daß trotz alledem die mißhandelten polnischen Inden sich durch ihren Glauben an die Herrlichkeit des jenseitigen Lebens und des zukünftigen Messiasreiches innerlich weit über ihre barbarischen Bedrücker erhoben fühlten. Und dann geht es an die Geburt, das Elternhaus, die Jugend, die Heirath, das Erwachen des Geistes, die ersten Studien, die Wanderung nach Deutschland und die noch schlimmere Wanderung durchs Leben von Salomon Maimon, und alle seine Bettelhaftigkeit, feine Bagabondirsucht, sein leiblicher und sittlicher Schmutz, der ihn überall unerträglich machte, wird uns in breiter Schilderung vorgeführt. Wie gesagt, nicht einmal der Kontrast, der sich in der Darstellung seiner philosophischen Arbeiten und Leistungen, der Eigenthümlichkeit seiner Ideen ergeben hätte, wird un§ zur Entschädigung für dieses Schmutzbild gegeben. Wir fragen, warum läßt man den armen, unglücklichen Pilger nicht in seinem Grabe ruhen? Warum, wenn man ihn der Vergessenheit entreißen will, zeichnet man ihn nicht in den höheren Gaben, die er gespendet und die ihm so viele Kämpfe gekostet, sondern führt ihn nur in seiner abschreckenden Mißgestaltung, in seiner widerwärtigen Verkommenheit auf die große Schaubühne des allgemeinen Lesepublikums? Die Antwort liegt in den Worten, mit welchen wir begannen. — — Die deutsche Berlagsaustalt in Stuttgart zeigt uns an, daß in der nächsten Zeit ein neues Werk von Georg Ebers erscheinen wird, „Josua, eine Erzählung aus biblischer Zeit." Wir können aus unserem be-! sonderen Interesse heraus auf diese neue Dichtung des vietgewandten Autors gespannt sein. Daß derselbe aus Egypten und der Wüste Sinai, wo er sich ausgehalten und lange Zeit seine Poetischerl Gestalten wandeln ließ, jetzt nach Palästina begiebt, kann nicht verwundern.