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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-07 · Heft 45 (7.11.1889) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 45 (7.11.1889)
Date
1889-11-07
Page
Seite 706 (sequence 6)
Language
German
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706 erkannt werden. Es konnnt nämlich hinzu, daß diese Vorträge eine ganz bestimmte Tendenz verfolgen, und unter der Einwirkung einer solchen kann niemals eine Schriftauslegung objectiv werden. Die orthodoxe Partei in der protestantischen Kirche bezeichnet sich als „positiv", woraus von selbst folgt, daß die anti-orthodoxe Richtung „negativ" sein sott. Diese nämlich leugnet eben die kirchlichen Dogmen, besonders die Gottheit Jesu, und die Wirksamkeit der Sakramente und der „guten Werke", d. h. der äußeren Kirchlichkeit. Hiergegen streitet Schwalb. Die Negation der angeführten Momente giebt er zu, aber er findet gerade hierin das Positive, nämlich die Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes und die Nothwendigkeit des inneren religiös-sittlichen Lebens. Bon hier aus gehen seine Betrachtungen über das aus, was die h. Schrift über den Propheten Elias aussagt. Er sieht in demselben die Personificirung des ganzen Propheteuthums, die Negation des Heidenthums und die Positivität des Glaubens an den einzigen Gott, an den allmächtigen und attweisen Schöpfer der Welt und der Wesen in ihr. Hierauf geht schon der erste Bortrag „der Prophet verschließt den Himmel," wie er 1. Kön. 17, 1 „in diesen Jahren sott weder Thau noch Regen fallen, es sei denn ans mein Wort" auslegt. Elias will das Heidenthum, dessen Cultus und die damit verbundenen Freudenfeste und Orgien unterdrücken und das Volk zur ernsten Einkehr anhalten, das heiße ihm „den Himmel verschließen, Regen und Thau verweigern." Die Bekämpfung der Vielgötterei und Götzenbildnerei sieht der Redner als den Inhalt des gesummten Propheteuthums von Moses bis auf Maleachi an, hebt aber mit allem Nachdruck hervor, daß zwar hierin eine Negation liege und eine solche haben auch Jesus, die Apostel, die Reformatoren geübt und üben noch die heutigen Anti-Orthodoxen. Hierin liege aber gerade die positive Erkenntniß, die wahre Positivität. Wir können Herrn Schwalb hierin vollkommen Recht geben und müssen ihn doch wesentlich der Einseitigkeit zeihen. Es ist durchaus unrichtig, die Tendenz und die Thätigkeit der Propheten allein aus die Anerkenntnis; des einzigen Gottes beschränken zu wollen. Man braucht nur z. B. die ersten Capitel des Jesaias zu lesen, um sich zu überzeugen, daß neben diesem das wesentliche Streben der Propheten und wofür sie ihre ganze Kraft einsetzten, die sittliche Besserung und Läuterung des Volkes, die Herstellung des Rechtes aus allen Gebieten des moralischen und socialen Lebens, die Uebung der Liebe und Barmherzigkeit gewesen, einem Strei beit, von welchem sie alle durchdrungen waren und dem ihre feurigsten Reden gelten. Diese, gewiß positive Seite des Prophetenthums läßt Schwalb ganz außer Acht und bemerkt nur beiläufig, daß in den Reden Jesu kein einziger Satz vorkomme, der nicht bereits im alten Testament, besonders bei den Propheten, vorhanden wäre. Für die Propheten war die Erkenntniß des wahren Gottes von der höchsten und reinsten Sittlichkeit, als der engsten Consequenz jener niemals getrennt. Gerade hierin macht Elias in dem, was uns über ihn überliefert worden, eine Ausnahme, und mußte sie machen, weil er eben mitten in die zweideutige Haltung des Volkes Israel zwischen Monotheismus und Polytheismus, zwischen Jehovah und Baal gestellt war und mit gewaltigem Eifer die heidnischen Neigungen des Königs und des Volkes zu bekämpfen hatte. Deshalb ist es aber auch einseitig, den biblischen Elias als die Personificirung des gesammten Propheteuthums anzusehen und auszugeben. Die prophetische Moral ist ein Ideal, das zugleich den realen Verhältnissen völlig entspricht, d. h. welches von dem wirklich sittlichen Menschen zur Richtschnur seines Wandels genommen und ausgeführt werden kann. Es stellt an die menschliche Natur keine Forderungen, die zu erfüllen über sie hinausgeht, wie es mit der Moral des neuen Testamentes vielfach der Fall ist. Wir können daher diese neueste Schrift des Herrn Schwalb eben nur als eine Tendenzschrift ansehen, welche immerhin eine Etappe in der Annäherung des Christeuthnms au das Judenthum betrachtet werden kann und insofern auch unserer Aufmerksamkeit empfohlen ist. — — Die soeben ausgegebene jüngste Lieferung (Juli bis September 1869) der Revue des Etudes juives enthält außer den Fortsetzungen in den früheren Lieferungen begonnener Abhandlungen eine solche von Isidore Loeb, neue Forschungen über die Bildung und Zusammenordnung der 18 Benedictionen mit sehr annehmbaren Resultaten; von G. Thiaueourt über die Aussagen des Tacitns, die Juden betreffend im Anfang des 5. Buches der Historien, nachweisend die Unzuverlässigkeit und Parteilichkeit des römischen Geschichtschreibers und aus welchen Quellen er dabei wohl geschöpft habe. Theodore Rainach bespricht eine jüdische Inschrift von Narbonne, Isidore Loeb, den Leuchter mit sieben Armen, Gr ätz den eigentlichen Zweck in der Correspondenz zwischen den spanischen und proveuealischeu Juden und den Juden von Konstantinopel, welche Correspondenz in einer früheren Lieferung mitgetheilt worden; Kaufmann giebt Auszüge aus dem alten Gemeindebuche von Metz und Bruzzoue Documente über die Juden in den päpstlichen Staaten und in Piemont, Privilegien nämlich, welche einzelnen Juden namentlich zur Errichtung von Banken ertheilt wurden und zwar in einer Menge von größeren und kleineren Städten. Mau sieht, daß sich diese Revue in consequenter Weise auf dem vorgezeichneten Wege fortbewegt, möglichst viele Details als Materialien zur Geschichte, zur Literatur- und Eulturgeschickte der Juden heranzuschaffen.-Da in unserer Zeit sehr Biele schreiben und eine Unzahl von Zeitschriften gefüllt werden müssen, so sucht man aus allen Winkeln selbst das Verkommene und Vergessene hervor, wenn es nur dem

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