Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 705 (sequence 5)
- Language
- German
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705 die NothwendigkeiL solcher vorgeschriebenen Gebete. Denn abgesehen davon, inwieweit sie für einen gemeinsamen Gottesdienst unentbehrlich sind, so geben sie einerseits die Gebetstimmung und bieten andererseits dem Betenden den Ausdruck seiner Gesinnung und Gefühle; auch erhalten sie den Betenden längere Zeit in dieser Sphäre, während das Gefühl, das so warm ist, um selbst den Ausdruck zu finden, schnell vorübergeht. Das kann ein Jeder an sich erleben, daß, wenn er längere Zeit im Beten verbringt, seine Empfindung wohl von der Höhe etwas herabsinkt, aber doch immer wieder den Anstoß, sich zu erheben, empfängt. Was nun die kurzen, bei jeder Erscheinung oder vor jedem Genuß zu sprechenden Benediktion betrifft, so liegt es in ihrer Natur, daß sie gerade zu augenblicklicher Andacht wecken; sie treten mitten im gewöhnlichen Leben an uns heran, reißen uns für einen Augenblick aus demselben heraus und lassen uns einen Aufblick nach oben, zum Schöpfer alles Wunderbaren, zum Geber alles Guten, zu der ewig wohlthuenden Gottesmacht thun. Gerade diese Benediktionen werden daher zumeist mit einem andächtigen Gefühle gesprochen, weil sie sich über einen augenblicklich wirklichen Gegenstand erstrecken. Auch an ihnen, wenn wir gerecht sein wollen, bezeugt sich die Einsicht in die Menschenseele und in ihr Bedürfen, welche die Meister der Tradition besaßen. Vom ästhetischen Standpunkte — abgesehen von den mit den Benediktionen verbundenen Gebeten — ist eine Vergleichung mit den Erzeugnissen der jüdischen Hymnologie nicht anzustellen. Denn diese zeichnen sich durch die Erhabenheit der Ideen, die Zartheit und Tiefe der Empfindung und den Schwung der Sprache aus, während die Segenssprüche knapp und bündig und realistisch allein aus den Gegenstand gerichtet sind, den sie betreffen. Gerade in dieser Kürze, Klarheit und Bestimmtheit liegt ihre Meisterschaft. Deshalb schließen sie sich an die feststehende Formel in der Regel mit einem Participium praesentis an. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 25. October. Wir haben heute von einer Schrift zu sprechen, deren Verfasser unseren Lesern nicht ganz unbekannt ist. „Elias, der Prophet. Ein althebräisches Epos, besprochen in elf Predigten von Moritz Schwalb, D. theol. Prediger an der reformirten Kirche St. Martini zu Bremen. (Leipzig, Wigand 1889.)' Im Jahre 1883 hielt der Verf. einen Vertrag über „Christenthum und Judenthum" in Berlin, welcher, wenigstens auf einige Zeit, vielfaches Aufsehen erregte, und den wir, in Verbindung mit einem ähnlichen Renan's, in dem ersten Leitartikel Nr. 46, Jrg. 1883 ausführlich besprachen. Herr Schwalb gehört zu denen, welche j den christlichen Dogmen den Glauben versagen und sich eigentlich nur noch zum Lehrinhalt des Judenthums bekennen. Er sucht nicht, wie so viele andere christliche Theologen, jene Dogmen durch allegorisirende Ausdeutung festzuhalten, sondern in seiner einfachen und etwas herben Weise lehnt er sie vollständig von sich ab und verlangt von den Juden nur, daß sie dem Menschen Jesus Achtung, ja Verehrung widmen. In der Strömung der Zeit wurde jenem Vortrage bald Vergessenheit zu Theil. In der vorliegenden Schrift tritt nun der Verf. mit gleicher Ueberzeugung auf, jedoch mit einer anderen Tendenz. Vor Allem müssen wir den Offenmuth, die Rücksichtslosigkeit, die Ueberzeugungsfestigkeit dieses an einer reformirten Kirche wirkenden Predigers rühmend anerkennen. Nur in der Freistadt Bremen mag seine Stellung unangegriffen bleiben und mehr oder weniger muß er doch eine gewisse Gemeinde, die mit ihm übereinstimmt, um sich haben; in anderen Ländern würde er sicher nicht in seinem Amte gelassen werden. Er nimmt ungefähr die Stellung ein, welche Uhlich einnahm, bevor er aus der Kirche ausscheiden mußte; späterhin ging Uhlich noch weiter. Bevor wir in die vorliegende Schrift eingehen, wollen wir noch bemerken, daß über den Propheten Elias auch Gotthold Solomon 19 Predigten (Hamburg, 1840) herausgegeben, und es müßte sehr interessant sein, diese beiden Reihen von Kanzelvorträgen über denselben Gegenstand zu vergleichen. Allerdings hat Schwalb wenig mehr von dem behalten, was man gewöhnlich unter einer „Predigt" versteht. Es sind Reden oder Vorträge, ohne jede Form und Gliederung und ohne allen Schmuck der Rede, die er uns bietet. Da er jeden Wunderglauben verwirft, auch sich nicht darauf einläßt, einen geschichtlichen Kern aus der vermeintlichen Dichtung oder Legende herauszuschälen, so bleibt ihm dennoch nur der Weg der Allegorie übrig und diesen beschreitet er unverweilt. Dies ist ein altes Hilfsmittel, das wir schon bei dem Alexandriner Philo finden, und welches bereits das Targum und der Midrasch in Anwendung bringen, diese beiden jedoch bei vollster Gläubigkeit und nur in der Absicht, noch besondere ethische Gedanken in freier Bewegung an den Text anzuknüpfen, ohne diesem in seinem Wortsinn nahe treten zu wollen. Dies ist nun bei dem reformirten Prediger nicht der Fall, sondern er hält seine allegorisirende Auslegung für die einzig richtige. Weil er sie sich so denkt, hält er jede andere für unrichtig. Allein bei solcher subjectiven Exegese ist die mannigfaltigste Art der Ausdeutung möglich, und es werden kaum zwei, die diesen Weg verfolgen, mit einander übereinstimmen. Wir erkennen wohl an, daß in manchen Details der Verf. viel Scharfsinn bezeugt; seine gesummte Ausdeutung ist aber durchaus gesucht und kann von uns wohl dem Drusch, dem momentanen Predigtbedürfniß zugestanden, in keiner Weise aber als vollgültige Auslegung an-