Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 704 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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704 des Erdbodens ff. schafft"; endlich 3) bei dem Vollzug eines Gebotes, wie bei dem Eintritt des Sabbaths oder eines Festes und bei einzelnen Verrichtungen. Bei dieser letzteren Art wurden nun die Worte hinzugefügt: „der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat". Hiermit war die Bildung der Benedietion ihrer allgemeinen Form nach beendet, und die Worte, welche den einzelnen Gegenstand, den Zweck des Segensspruches ausdrücken, sind von einer bemerkenswerthen Bündigkeit und Schärfe, alles Ueberflüssige und Sentimentale ist fern gehalten. — Was ist nun die dogmatische Bedeutung dieser Benediktionen? . . . Durch die Einschiebung des Wortes „Du", also „gepriesen seist Du" ist, indem der Segensspruch dem Einzelnen aufgegeben ist, der innige und der unmittelbare Zusammenhang des Menschen und zwar als Individuums mit Gott hergestellt, das Bewußtsein dieser Verbindung mit Gott geweckt und zu tiefem Gefühle gebracht. Die ungleich größte Zahl dieser Segenssprüche wird, auch im öffentlichen Gottesdienste, vom Individuum und außerhalb jenes für Dinge, die ihm persönlich und zeitweise begegnen, gesprochen. Was er schaut, er sieht es als ein Werk Gottes, was er erlangt, er hat es als eine Gabe Gottes anzuerkennen und mit einem Dankworte zu begleiten, was ihm widerfährt, 5. B. eine gute oder böse Nachricht, er empfängt es aus der Hand Gottes und preiset ihn dafür, sich dem Richterspruche Gottes (nox v~)/ dem gerechten und treuen, unterwerfend. In allen Momenten und Situationen des Lebens also wird die Seele des Juden durch den ihm vorgeschriebenen Segensspruch zu Gott empor gerufen, empor gehoben, mit ihm in Zusammenhang gebracht und angeleitet, in Allem ein Werk, eine Gabe, eine Fügung Gottes zu sehen. Aber das Judenthum verfolgt überall die zweifache Tendenz, neben der unmittelbaren Verbindung mit Gott niemals die Ehrfurcht vor Gott, das Bewußtsein seiner Unendlichkeit und Vollkommenheit außer Acht zu lassen. Es will beides stets vereinigt haben, damit einerseits keine knechtische Furcht die Menschenseele erfülle, keine Vernichtung des Menschenbewußtseins vor der Allmacht Gottes, andrerseits aber auch keine Gefühlsschwelgerei eintrete, welche den Gottesbegriff herabziehen und vermenschliche!: könnte. Darum fügt die Benediction an das innige „Du" sofort „Ewiger, der ewig Seiende", der Unendliche in Zeit und Raum, zieht ferner den Namen „Gott" heran und setzt „Regierer der Welt" hinzu. Doch darf nicht übersehen werden, daß auch in die Mitte dieser erhabenen Bezeichnungen ein gewisser individueller Zug, gewissermaßen rnildernd, eingefügt wird, indem es nicht „Gott", sondern „unser Gott" heißt, d. h. Gott, den wir erkennen und anbeten und der uns seinen Segen, feine Führung, seinen gnädigen Schutz gewährt. Das Individuum versetzt sich hier in die Gemeinschaft derer, welche mit ihm den Gott, der hier durch heilige Worte benannt wird, anerkennen und anbeten. Nicht eine Ausschließlichkeit ist beab-! sichtigt, denn „unser" hat keine bestimmten Grenzen, wie etwa -„Gott Israels" und dehnt sich aus auf alle Menschen, die | sich zu diesem Gotte bekennen. Aber es verbindet doch wieder i diesen Ewigen, diesen Regierer der Welt mit uns Menschen,! setzt ihn abermals in unmittelbare Verbindung mit uns, wenn; auch mit dem Individuum nur in der Gemeinsamkeit der j Bekenner. An diese Anrufung Gottes, an dieses „Regierer der Welt", d. h. Schöpfer und Erhalter der Welt und Vorsehung, welche den Entwickelungsgang der Welt, aller Wesen in ihr, der Völker und der einzelnen Menschen leitet, an diesen knüpft sich nun der einzelne Gegenstand, über welchen die Benediction ausgesprochen wird. Wir sehen also, daß hier nicht etwa blos dieser einzelne Gegenstand mit den Gefühlen der Bewunderung oder des Dankes, denn diese sind doch der Zweck des Segensspruches, betont, sondern stets, der Zusammenhang desselben mit der ganzen Welt Gottes bewahrt wird. — Wenn aber die Verrichtung eines Gebotes der Gegenstand der Benediktion ist,! so wird dieselbe noch durch zwei andere Gedanken eingeleitet, nämlich den allgemeinen, daß diese Gebote zu unserer Heiligung bestimmt sind und schon durch ihren Bestand eine Heiligung derer, welchen sie auferlegt werden, enthalten, und daun daß diese Gebote göttlichen Ursprungs seien. Beides trifft selbstverständlich nur diejenigen, welche sich dem Vollzüge des Gebotes als der Erfüllung einer Pflicht unterziehen j und auch diese werden als eine Gemeinsamkeit angesehen j unb durch „uns" bezeichnet. Diese beiden Gedanken sind so j mit dem Judenthume verwachsen, daß wir sie nicht weiter zu! verfolgen brauchen. — Wer die von uns angeführten Formeln genauer erwägt,; wird finden, daß wir keineswegs etwas hineingelegt haben, was nicht folgerichtig von den Urhebern und Anordnern dieser Segenssprüche gedacht und beabsichtigt worden. Dies erwies sich auch aus den Wirkungen. In dem frommgesinnten Juden hatten stets die beiden Empfindungen neben-! einander Raum, die tiefste Ehrfurcht vor Gott und die kindlichste Liebe zu Gott; der Jude wußte sich stets seinem Gotte nahe, fühlte sich von ihm erfüllt, getragen, geschützt und hatte doch eine unbeschränkte Ehrerbietung vor dessen ' Majestät und Vollkommenheit. Dies ist es eben, was wir immer als ein Merkmal des Judenthums bezeichneten, daß es ebenso den Verstand durch seinen Gottesbegriff, wie das Herz mit seinen Empfin- . düngen befriedigt. Man wird nun einwenden, daß diese Benediklionen durch die beständige Anwendung zur bloßen Gewohnheit und deshalb andachtslos gesprochen werden, wie dies mit allen vorgeschriebenen Gebeten der Fall sei. Selbstverständlich kann dies für zahlreiche Fälle und Individuen nicht geleugnet werden, aber dies verhindert nicht