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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-07 · Heft 45 (7.11.1889) · p. Seite 703

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 45 (7.11.1889)
Date
1889-11-07
Page
Seite 703 (sequence 3)
Language
German
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703 alle europäischen Staaten immerwährend ihre Waffenmacht vergrößern, fort und fort ihre Heere vermehren und ihre Grenzen mit Festungen größten Stils umgürten. Haben sich doch selbst die kleineren Staaten, deren Neutralität erklärt und garantirt ist, bewogen gefunden, diesem Beispiele nachzueifern, und so wird z. B. die Friedensstraße, welche den Norden und den Süden Europas mit einander verbindet, die Gotthardtstraße, mit Befestigungen umpanzert. Wie sehr die Völker von den dadurch verursachten Lasten beschwert und ihre Kräfte verzehrt werden, braucht man nur anzudeuten. So stehen sich das eifrige Verlangen nach Frieden und das stete Wachsen des Militarismus in unserer Zeit schroff gegenüber, und Niemand kann voraussehen, ob sich dieser Zustand durch die Entwickelung der Verhältnisse oder durch Katastrophen gefährlichster Art ändern werde und wir uns in fortschreitender Civilisation den Idealen nähern, welche schon die Propheten Israels verkündet haben und deren Träger! der jüdische Stamm in allen Zeiten gewesen.! Ein zweiter, tief eingreifender Charakterzug der Gegen-! wart, welcher nicht wenig den inneren Frieden der Völker be-? droht, ist die sog. „Lohnbewegung" oder die Strikes, welche die Arbeitnehmer ausführen, um höhere Löhne und verminderte Arbeitszeit zu erlangen. Seit einer Reihe von Jahren kamen! solche Ausstünde vor, aber örtlich, beschränkt und von zweifelhaftem Erfolge. In der jüngsten Zeit aber haben sich zu. solchen Zwecken die Massen verbunden, eine Unterstützung der! Strikenden organisirt und ganze Provinzen in diesen Strudel; hineingerissen. Die Dockarbeiter von London und die Berg-j leute von Westfalen und Rheinland. Schlesien und Sachsen,! die nach vielen Tausenden Zählen, haben ihre Arbeitgeber { zur Erhöhung ihrer Löhne gezwungen. Dieses Beispiel droht j irn nächsten Jahre massenhafte Nachfolge zn bewirken und die meisten Gewerke zu der gleichen Bewegung fortzureißen. Ersichtlich ist es, daß hierdurch die Industrie in hohem Grade geschädigt wird. Ob gerade bei so enormer Ausdehnung der Lohnbewegung die Unterstützung für die Arbeitnehmer eine irgend ausreichende sein könnte, ob nicht vielmehr für sie Mangel und Noth daraus entstehen würden, ist kaum fraglich. Aber nicht minder leiden die Arbeitgeber darunter, deren Anstalten stille stehen und deren Absatzquellen hierdurch sich verlieren müssen. Selbst nach geschehener Verständigung wird das allgemeine Publicum der Consumenten in Mitj Leidenschaft gezogen, denn selbstverständlich müssen die erhöh-! ten Löhne und Kosten durch Steigerung der Preise allere Producte, durch eine allgemeine Vertheuerung auf die Schul-! tern der Consumenten abgewälzt werden. Und hierin liegt j ein Resultat, welches die Arbeitnehmer um die Frucht ihrer Ausstände bringen und eine Verbesserung ihrer Lage illusorisch machen wird. Denn wenn eine Preissteigerung aller Erzeugnisse eintritt, so haben die Arbeitnehmer, die ja ebenso viele Consumenten sind, von der Lohnerhöhung keinen Vortheil. Wenn, um ein Beispiel anzuführen, in Folge jener Bewegung der Bergleute die Kohlenpreise bei vergrößerter Nachfrage bedeutend gestiegen sind, so empfinden dies die Arbeitnehmer in vollem Maße mit. Wenn die Handwerker genöthigt sind, die Preise für ihre Arbeiten zu erhöhen, so sind die Arbeitnehmer davon in gleicher Weise betroffen, wie alle anderen Stände. Was daher durch jene Strikes für sie gewonnen wird, wird auf diese Weise wieder gänzlich absorbirt. Auch hier also findet eine Spannung statt, deren Ausgleich noch Niemand abzusehen vermag, und die mit mancherlei Katastrophen droht, welche schweres Leid herbeiführen können. Hoffen wir, daß die Entwickelung der Dinge zu einer friedlichen Lösung führen werde. Die Segenssprüche. Die Segenssprüche (mm:: Benedictionen) bilden eine charakteristische Eigenthümlichkeit des jüdischen Gebetkultus. Sie durchziehen die ganze jüdische Liturgie und umgeben das Leben des Juden wie mit einer religiösen Blumenguirlande. Sie sind so ein beredtes Zeugniß für die schöpferische Kraft und zugleich für die Einheitlichkeit der Tradition auf diesem Gebiete. Aber sie besitzen auch eine wesentliche dogmatische Bedeutung, und von diesem Gesichtspunkte aus sie einer Betrachtung zu unterziehen, wird von Interesse sein. — Die Formel des Segenssprüche ist 'n mms1 in: „gepriesen seist du, Ewiger"; diese kommt in der h. Schrift nur zwei Mal vor und zwar in dem, einer sehr späten Zeit — nach Nehemia — angehörigen Psalm 119, 12 in einer allgemeinen Phrase und 1. Chron. 29, 10 zum Beginn einer theologischen Rede, welche der Chronist dem Könige David in den Mund legt. Gerade hieraus gehl hervor, daß diese Formel als Benediktion der traditionellen Gestaltung angehört, da sonst in der Schrift nur in: und zwar in feierlichen Reden vorkommt. Jndeß wurde diese Formel allein nur in kurzen Segenssprüchen, welche einen größeren abschließen, gebraucht, in den eigentlichen Benedictionen erscheint die Formel erweitert durch die Worte li?;: nm'lN „unser Gott. Regierer der Welt", welche sich an die häufig in der h. Schrift vorkommende Formel lehnt v&x 'n in:. Aber auch hierbei blieb man nicht stehen. Die Segenssprüche nämlich kann man nach ihrem Inhalt in drei Klassen theilen: 1) bei irgend einer Naturerscheinung, einer bleibenden z. B. „der die Erde über die Wasser gewölbt" oder bei vorübergehenden, wie Donner, Blitz und Sturm; 2) bei jedwedem sich uns darbietenden Genüsse, wie „der Brod aus der Erde sprießen läßt", „der die Frucht des Baumes, des Weinstocks, 45*

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