Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 702 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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702 Pflichten, welche das Staatsgesetz ihnen auferlegte und die für sie oft so überaus drückend waren, getreulich erfüllten und von den Rechten, die ihnen zugestanden wurden, den gesetzlichen Gebrauch machten. Die Geschichte bewährt dieses Zeugniß so gut wie ausnahmslos. Warnt doch schon der Spruchredner die Israeliten, sich den Empörern niemals zuzugesellen, und der talmudische Grundsatz „das Staatsgesetz ist Gesetz" verpflichtet sie zu diesem Gehorsam. Wir können ihn aber auch zur Treue gegen das Vaterland ausdehnen. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben sie diese bewährt und sie standen selbst nicht an, die Waffen zur Vertheidigung des Vaterlandes zu ergreifen, wo man ihnen dieses gestattete, wie in Neapel, Prag, den deutschen Freiheitskriegen. Als einziges Gegenbeispiel pflegt man anzuführen, daß bei dem Eindringen der Araber in Spanien die Juden im westgothischen Reiche den Arabern entgegen gekommen seien. Man vergesse aber nicht, wie die Westgothen, die doch selbst Eindringlinge waren, die Juden aufs Furchtbarste bedrückten und verfolgten. Da war es doch ganz natürlich, daß sie für diese Unterdrücker und Verfolger keine Sympathien haben konnten. Gewiß, die Juden waren von jeher an die Uebung des Gesetzes, an den Gehorsam gegen dieses gewöhnt und übertrugen so die Pflichttreue von der religiösen in die politische Sphäre. In denjenigen Staaten, in welchen ihnen die bürgerliche Gleichstellung unangegriffen gewährt ist, sehen wir die Juden nach ihren individuellen Ansichten sämmtlichen Parteien angehören. Dies ist besonders in England der Fall, wo deren sich ebenso unter den Torys wie unter den Whigs, wohl auch unter den Radikalen finden. Sie bewahren sich hierbei stets eine gewisse Selbständigkeit, die ihnen nur zur Ehre gereichen kann. Sie gehörten z. B. in nicht geringer Anzahl zu den Liberalen unter der Führung Gladstone's. Als dieser sich aber, wie man allgemein meinte, gegen das Interesse; Großbritanniens für die Homerule-Partei erklärte, trennten sie sich ‘mit vielen anderen Liberalen von der Partei Gladstone's ab, was dieser ihnen sehr übel nahm, so daß er einige Ar- ’ tikel in feindseligem Sinne gegen sie schrieb. Dies hatte aber keine Nachwirkung und ist längst vergessen. Daß in anderen Staaten die Juden durch die Angriffe gewisser Parteien auf ihre Gleichstellung zu der sog. Opposition gedrängt werden, kann gewiß nicht als gegen die Gesetze und die Vaterlands. j treue laufend angesehen werden, da sie sich hierbei sicherlich! innerhalb des Gehorsams gegen die bestehenden Gesetze verhalten. Verbinden wir dieses obige Zeugniß mit anderen, in; jüngster Zeit in die Oeffentlichkeit gekommenen, wie des päpst- ' lichen Nuntius am Wiener Hofe, des russischen Erzbischofs von Odessa, des Kaisers Franz Josef in seiner Ansprache an! die galizische Geistlichkeit, des Prof. Eduard Sueß in Wien,! der konservativen Stimme, die wir in vor. Nummer mitge- Aheilt und Anderer, die sich direkt oder indirekt gegen den Antisemitismus aussprachen und denselben für verwerflich erklärten, so können wir hoffen, daß sich auch die allgemeine Stimmung von ihrer Antipathie gegen uns wieder erhole und sie von sich abschütteln werde. CharaKterziige vom Tage. Der Czar hat Berlin besucht und, wie man berichtet, war der Verlauf ein freundschaftlicher, vertraulicher. Jetzt nun vollbringt der deutsche Kaiser seine Römerfahrt, nicht wie die römischen Kaiser deutscher Nation mit großen Heerhaufen, um Italien zu unterwerfen und bald wieder zu verlieren, sondern um nach einem Besuche des Königs Humbert von Genua aus die Westküste Italiens, entlang zu fahren, durch die Meerenge von Messina um den Peleponnes herum, auf dessen Höhen noch Ruinen der Burgen der fränkischen Feudalherren stehen, nach Athen, während seine erlauchte Mutter mit den Prinzessinnen längs der Ostküste Italiens sich ebendahin begeben hat. Von Athen wird der Kaiser nach Konstantinopel gehen, um in dem alten Byzanz den Sultan zu begrüßen, dieses weltliche und geistliche Oberhaupt der Jslanutm, wenigstens der großen Seete der Sunniten. Alle die Vorkommnisse dieser Art bezeugen den Wunsch der Souveräne, in Frieden mit einander zu verkehren, ihre Absicht, Frieden zu halten. Und nicht weniger lebt unverkennbar das Verlangen nach Frieden in allen Völkern Europas. Ein jedes derselben fühlt das Beoürfniß nach Frieden, weiß, daß es bei einem Kriege, selbst einem siegreichen, nichts gewinnt und viel verliert, und von der Begierde, seine Territorien zu vergrößern, ist keines beseelt. Allerdings begehren viele Franzosen, Elsaß-Lothringen zurück zu gewinnen und die Niederlage von 1870 wieder gut zu machen; aber sie fühlen doch, daß sie, isolirt, sich den Gefahren eines Krieges nicht aussetzen dürfen, die sie in dem letzten Kriege so schwer empfunden. Das russische Volk hat kein Verlangen, sich in kriegerische Verwickelungen mit seinen Nachbarn einzulassen, indeß die russische Politik uach der Herrschaft über die Donau- und Balkanländer und über den den Türken gebliebenen Besitzstand in Europa und Asien trachtet. Die europäische Politik stellt sich dem entgegen, hat jene kleinen Staaten nach ihren Nationalitäten als Bollwerke gegründet oder doch bestätigt und will das türkische Reich nicht aufgeben. In diesen beiden Momenten liegt der Grund jener dauernden Spannung, welche zwischen den Staaten Europas herrscht und die entgegengesetzte Tendenz zu jenem Verlangen nach Frieden mit Fürsten und Völkern bewirkt. Da sehen wir denn