Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227817--46620-3266195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine 3 cilung des Iudmlhums. Ein unparteiisches Orzan siir alles jiidische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,80 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipp son in Zonn. Expedition: -Leipzig, Kospitalstraße 2. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an Vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 7. November 1889. Nr. 45. JabaU. Leitende Artikel: Ein Sieg und ein Zeugniß. — Charakterzüge vom Tage. — Die Segenssprüche. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Düsseldorf, Bielefeld. - Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris.— Rußland: Petersburg, Odessa. — Rumänien: Constantsa. — Großbritannien: London. Südamerika: Aus der Argentinischen Republik. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Vermischtes. — Berichtigung. Bonn, 3. November. Ein Sieg und ein Zeugniß. Man berichtet aus London vom 25. Okt.: „Der neue Lordmayor, Sir Henry Jsaacs, wurde gestern im Oberhause dem Lorokanzlex vorgestellt, um von demselben die Genehmigung der Königin zu seiner Erwählung zum Lordmayor entgegenzunehmM, Der Citysyndikus, Sir Thomas Chambers, hob in feinet Ansprache an-den Lordmayor hervor, Sir Henry Jsaacs wäre der-dritte Israelit, welcher das hohe Amt eines ersten Beamten der Hauptstadt bekleide. Lord Halsbury bezeichnete es in seiner Antwort als einen Triumph der bürgerlichen und religiösen Freiheit A daß die Wahl der Bürger Londons auf einen Juden gefallen sei. Genau vor 700 Jahren, im Jahre 1189, wurden die.Juden infolge eines Ausbruches fanatischer Verfolgungssucht und Bigotterie aus England vertrieben. Jetzt empfange er (der Lordkanzler) als Vertreter der Königin einen Juden als ersten Beamten der größten Stadt der Welt. Die Juden hätten sich stets durch Gehorsam gegen die^ Gesetze jedwedes Landes, in welchem sie lebten, ausgezeichnet." Gewiß liegt in diesem,.Vorgänge ein Sieg über die ganze antisemitische Bewegung, die freilich in Großbritannien nicht denA geringsten Anklang gefunden hat. Auch in Frankreich, Amerika und Australien haben bereits mehrfach Juden das Amt eines Bürgermeisters und noch mehrere das des Bürgermeisters - Adjunkten bekleidet. Selbst in Ungarn ist es in kleinen Städten vorgekommen. Jndeß ist dies mit der Stellung eines Lordmayors von London in keiner Beziehung zu vergleichen, da, abgesehen von der Größe der Stadt, die Funk- - tionen dieses Amtes viel ausgedehntere sind und z. B. auch! richterliche Funktionen umfaßt. Wenn der Lordkanzler einen Rückblick auf die Vergangenheit wirft, so dauerten die Folgen jener Verbannung für die Juden ein halbes Jahrtausend, erst nach und nach ging nach der Erlaubniß, sich niederzulassen, die vom Protektor Cromwell ausging, die Verbesserung ihrer bürgerlichen Stellung vor sich. Das englische Volk selbst war es, welches die letzten Schranken niederwarf und die Gesetzgeber nöthigte, den Stempel auf die völlige Emanzipation zu drücken, indem jenes Juden nicht allein zum Amte des Sherifs, des Alderman und des Lordmayor, sondern auch in das Unterhaus wählte, als noch die Testakte den Eintlitt derselben in das Parlament hinderte. Jetzt sitzen mehrere Juden im Hause der Gemeinen und e i n Jude im Hause der Lords. Gewiß muß mit der Zeit dies auch auf die Staaten Mitteleuropas, in welchen trotz der bezüglichen Verfassnngsbestimmnng den Juden Hindernisse im Wege stehen, mit der Zeit Einfluß üben. Der Lordkanzler verbindet mit der Bestätigung des neuen Lordmayors ein weitgreifendes Zeugniß zu Gunsten der Juden. Ec thut dies aus freiem Willen, da die Bestätigung es nicht erfordert hätte. Die Juden hätten sich zu allen Zeiten und in allen Ländern durch den Gehorsam gegen das Gesetz ausgezeichnet. Dies heißt nichts Anderes, als daß sie diejenigen 45