Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 698 (sequence 14)
- Language
- German
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698 schätzen angesichts der günstigeren Verhältnisse, unter welchen die religiöse Unterweisung in früheren Jahren erfolgte- Heute stehe uns nur wenig Zeit dafür zu Gebote, nichtsdestoweniger sei unsere Aufgabe jetzt eine größere denn ehemals. Früher hatte die Religionsschule eine starke Stütze am Hause, die sie aber nunmehr größtentheils entbehre. Die alte Methode des Bor- und Nachübersetzens verwirft der Redner und plaidirt für die Grammatik als Trägerin des ganzen hebräischen Unterrichts auf allen Stufen und zwar nach dem pädagogischen Satze: „Vom Leichteren zum Schwereren". Er illustrirt seine Ausführungen an Beispielen. Auf der Unterstufe will er den Artikel, das Verbindungswaw mit den Possesivpronomen als Susfixa und den pronomina pevsonalia in elementarer Weise durchnehmen, auf der Mittelstufe das Substantiv und das Verb behandelt wissen und die Beispiele zu den Uebungen in den Uebersetzungsstoffen der betreffenden Stunden gesucht haben. Es komme hier hauptsächlich darauf an, das Kind zur Auffindung des Stammwortes zu führen. Das Kind der Oberstufe soll das Verb vollständig konjugiren können, doch soll das mechanische Lernen und Hersagen der Paradigmen vermieden werden. Der Lehrer muß vor den Augen des Kindes die Konjugation entstehen und gleich beim Uebersetzen in Anwendung bringen lassen; denn die Grammatik soll ja nur ein Hülfsmittel beim Uebersetzen sein. Der Referent verspricht sich in der Behandlung des hebräischen Unterrichts, wie sie ihm vorschwebt, eine leichtere Arbeit für den Lehrer und die Erreichung eines weit höheren Zieles. — Nicht unberücksichtigt will Referent die Neginoth haben. Als Verbindungs- und Trennungszeichen müsse sie der Schüler kennen lernen. Der Unterricht in der Grammatik sei in den Uebersetzungsstunden einzufiechten, ohne daß diese in besondere Grammatikstunden verwandelt würde». Nur in der mehrklassigen Schule seien besondere Stunden für die hebräische Grammatik anzusetzen; diese seien aber so zu legen, daß die Grammatikstunde unmittelbar nach einer Uebersetzungsstunde komme, damit man zu den in der Grammatik auftretenden Regeln und Formen sofort Beispiele von den, den Schülern bereits bekannten Wörtern bringen kann. Auch an diese Arbeit schließt sich eine anregende lange Debatte an. Herr Dr. Buchhvlz konnte aus der Arbeit nicht genügend ersehen, was der Referent in den einzelnen Schuljahren durchgenommen haben will und in welcher Reihenfolge; ebenso vermißt derselbe, wie die Kinder in den letzten Schuljahren übersetzen sollen, ob vorübersetzt werden muß, oder ob die Schüler unter Benutzung der Lexika es erlernen. Redner ist der Ansicht, das Vorübersetzen sei nicht ganz zu entbehren und für Grammatik müsse wohl eine Stunde bleiben, wenn die vom Referenten bezeichneten Ziele erreicht werden sollen, indeß muß Herr vr. Buchholz dieselben im Hinblick auf die dem hebräischen Unterricht zur Verfügung stehende Stundenzahl als zu weit gesteckt halten. Fink- Aurich meint, es sei ein Hauptmoment außer Acht gelassen, nämlich der Umstand, daß uns gerade bei diesem Unterricht fast gar keine genügenden Hilfsmittel zu Gebote ständen, außerdem muthe man dem Kinde Dinge zu, die selbst Erwachsenen, wie wir aus eigener Erfahrung wüßten, große Schwierigkeiten bereiten. Schweitzer-Papenburg hält den grammatischen Unterricht für ganz überflüssig und verspricht sich mehr Erfolg von der alten Methode des Vor- und Nachübersetzens. Besonders hält er die Schwierigkeiten bei den Verben für unüberwindlich. Wolff-Aurich widerspricht dem Vorredner und hält den grammatischen Unterricht für unentbehrlich, nur müsse ein gewisses Maß eingehalten werden. Frankenstein-Osnabrück bezweifelt, daß die eingeübten grammatischen Regeln re. das Kind zum selbständigen Uebersetzen bringen könnten. Mangelhaftes Lesen sei auch ein Hinderniß hierzu. Seine praktische Thätigkeit bestärke ihn in dieser Ansicht. Herr vr. Buchholz erwidert Fink, der Unterricht in der Grammatik sei doch nicht so schwer, wie dieser ausgeführt habe. Es sei an den lateinischen Unterricht in den Gymnasien zu denken, woselbst schon neunjährige Knaben die grammatischen Schwierigkeiten überwinden müßten. Levy-Norden meint, das Beispiel von den Gymnasien passe nicht für unsere Schulen, denn dort würden schon in Sexta 9 Stunden auf den lateinischen Unterricht verwendet, und selbst wenn das Kind die grammatischen Regeln inne habe, so wende es dieselben beim Uebersetzen doch nicht in dem Maße an, wie der Referent ausführte. Fink-Aurich hält seine erstere Behauptung aufrecht und betont nochmals, wie gerade die hebräische Sprache viel größere Schwierigkeit biete, als z. B. die lateinische, was bei Kindern des schulpflichtigen Alters sehr ins Gewicht falle. — Ref. Selig - Emden vertheilt in seinem Schlußworte den Sprachstoff auf die Schuljahre und sagt dann, es wäre gut, wenn er an einer Lehrprobe zeigen könne, was er in seiner Arbeit dargestellt habe. Er sei weit entfernt, die Construction eines Satzes allein vom Kinde finden zu lassen, vielmehr müssen die Lehrer thätig eingreifen, jedoch so, daß das Kind zum selbständigen Denken veranlaßt werde. Sprachstudien lägen ihm ferne. — Die Conferenz einigte sich alsdann zu folgenden Thesen: I. Es ist unbedingt nothwendig, daß in jeder jüdischen Schule Unterricht in hebräischer Grammatik ertbeilt werde, da derselbe es ermöglicht, trotz der knapp bemessenen Zeit, in Gebet- und Pentateuch-Uebersetzen dennoch ein höheres Ziel zu erreichen.