Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 695 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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695 Amerika. NewrHttk, 5. Oct. Man schreibt der „Franks. Ztg." von hier: Hervorragende Israeliten versammelten sich hier vor einigen Tagen, um darüber zu berathen, wie ihren zahlreich eingewanderten und einwandernden Glaubensgenossen aus Rußland, Polen, Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern geholfen werden könnte. Da es ihnen unmöglich ist, die Einwanderung dieser zu schnell und zu zahlreich hereinströmenden Bevölkerung zu vermindern, erachten sie es für ihre Pflicht, ihr in materieller und geistiger Hinsicht beizustehen. Es wurde in der Versammlung erklärt, daß jährlich über 25,000 Israeliten hier ankommen, ungefähr 20,000 davon hier bleiben und daß sich ungefähr 100,000 in der unteren Stadt angesammelt haben. Dem Wohlthätigkeitssinn der zahlreichen begüterten Israeliten wird es nicht schwer werden, das Loos ihrer Stammesgenossen in materieller Beziehung zu erleichtern, schwieriger dagegen dürfte es sein, die jetzige Generation der Eingewanderten auf eine geistig höhere Stufe zu bringen. Chicago, im Oct. (Privatmitth.) Das jüdische russischpolnische Element wächst nicht allein in raschem Tempo in den Vereinigten Staaten, sondern consolidirt sich daselbst nach und nach zu einer eigenen festen Körperschaft. Nicht allein, daß es sich in Gemeinden concentrirt, Synagogen oder Betstätten errichtet, Vorbeter und Rabbiner anstellt, seine Tendenz zum Ausschließlichen hat es aus der Heimath mitgebracht und cultivirt sie nach Kräften. Als einen Beweis hierfür sehen wir ein hier vor Kurzem erschienenes, im Jargon abgefaßtes, recht eindringliches Sendschreiben, in welchem zur Herstellung eines eigenen Hospitals für die russischpolnischen Emigranten an. Das Mißtrauen, in anderen jüdischen Krankenhäusern die Speisegesetze nicht sorgfältig beobachtet zu glauben oder daß die Kranken nicht von Glaubensgenossen gepflegt werden, bestimmt jene, auch in dieser Beziehung eine separate Anstalt zu gründen. Es versteht sich jedoch, daß sie zur Erreichung ihres Zweckes die Mithilfe anderer Glaubensgenossen in Anspruch nehmen. Sie haben eine Versammlung ausgeschrieben, zu welcher auch Delegirte der anderen Gemeinden und wohlthätiger Vereine eingeladen sind. — Nichts zeigt klarer, aus welchen verschiedenen Elementen die hiesige Judenschaft zusammengesetzt ist, die sich in religiöser Beziehung unter dem Schutze unbedingter Religionsfreiheit nach allen vorhandenen Richtungen entfaltet, als eine Uebcrsicht über die in hiesiger Stadt befindlichen Synagogen und Betstätten. Unter ihnen gehört eine der radical reformistischen an, sechs der conservativen, fünfzehn der orthodoxen, eine der ultraorthodoxen und zwei den Chassidim. Außerdem giebt es noch 12—15 Minjan, deren religiöser Charakter mir unbekannt ist. Irrig wäre es, wenn man diese Synagogen hinsichtlich ihrer Besucher als klein ansehen wollte, denn recht viele unter ihnen fassen über 1000 Personen. Wenn man nach den Auslassungen der amerikanischen jüdischen Blätter zu dem Glauben veranlaßt wird, daß die Reform und zwar die radicale den größten Raum unter der gegenwärtigen jüdischen Bevölkerung Nordamerikas einnehme, so zeigt die obige, sorgfältig aufgestellte Uebersicht, daß diese Meinung unrichtig ist. Die orthodoxe Richtung ist noch sehr stark vertreten und neben ihr besteht hauptsächlich die konservative, unter welcher ich die gemäßigte Reform nach dem Beispiel vieler jüdischer Gemeinden in Deutschland verstehe. Südafrika. Johannisburg, im Transvaallande, 28. Sept. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen vorjährig über die Constituirung der hiesigen, aus etwa 1000 Seelen bestehenden jüdischen Gemeinde und die Einführung des Dr. Harris als Rabbiner berichtet. Im October vorigen Jahres wurde der Grundstein zu einer Synagoge gelegt, und jetzt steht diese fertig und wurde am 24. d. M. feierlichst eingeweiht. Wenn ich das vortrefflich gelungene Gebäude, eine Zierde unserer Stadt und ein weithin leuchtendes Vorbild in Südafrika nenne, so berufe ich mich hierbei auf die ausführliche Besprechung in der hier erscheinenden Zeitung „ The Standard and Transvaal Mining Chronicle“. Die Synagoge ist ein großes lichtvolles Gebäude, welches 500 Männersitze und 400 Frauensitze, letztere auf zwei Gallerien, enthält. Der h. Schrein ist ein wahres Kunstwerk der Holzschneidekunst, von zwei hiesigen Deutschen ausgeführt. In ihr fungirt eine Orgel und ein aus Herren und Frauen gebildeter Chor, welcher bei der Einweihung die Psalmen und Lieder, auch mit Hilfe dreier Solisten, vorzüglich ausführte. Der Weiheact wurde in der aller Orten üblichen Weise, bei Anwesenheit vieler christlicher Glaubensgenossen vollzogen. Herr Dr. Harris hatte in seiner Predigt den Dank nicht bloß an den Gemeindevorstand, das Baucomitö und die opferwilligen Gemeindemitglieder, sondern auch an viele christliche Mitbürger zu sagen, welche den Bau durch Beisteuern gefördert haben. Nachdem er einen Rückblick auf die Geschichte des Judenthums und besonders auch die jüdische Ansiedelung in Südafrika geworfen, konnte er auf das friedliche Berhältniß zwischen allen Religionsparteien in unserem Lande und besonders in hiesiger Stadt und auf die Achtung Hinweisen, deren sich die Juden zu erfreuen haben und die sie auch dadurch erworben, daß sie sich in der Stunde der Gefahr als treue Bürger bethätigten und Gut und Blut für die Republik zu opfern stets bereit waren. Er knüpfte daran die Mahnung, diese hohen bürgerlichen Tugenden stets zu bewahren und auszuüben. Wenn 44*