Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 694 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Glücklicherweise wurde ein angrenzendes Terrain käuflich und ein wohlthätiger Menschenfreund hat dasselbe erworben und der Anstalt zum Geschenk gemacht. Da werden sich nun auch die Mittel finden, um die Baulichkeiten zu erweitern, so daß die Zahl der Aufzunehmenden vergrößert werden kann. — Die Niederlage, welche in Paris bei den jüngsten Wahlen neben Boulanger auch Rochefort, den berüchtigten giftigen Publizisten, welcher die Pariser nach ihrem Geschmack so lange Zeit genasführt, betroffen hat, veranlaßt diesen, die Schuld seines Mißgeschickes auf die Juden, insbesondere auf das Haus Rothschild zu wälzen. Er Lhut dies in einer Art in seinem Journal, welche an allen anderen Plätzen als Paris den Autor so lächerlich machen würde, daß man nichts mehr von ihm lesen würde. Er behauptet nämlich, Rothschild habe 35,000 Juden aus den Donauländern kommen lassen, sie in kleinen Stellen untergebracht, ihre Naturalisation schleunigst bewirkt und so massenhaft die Wähler gegen Rochefort aufgeführt! Er beklagt Frankreich, welches auf diese Weise seiner Wahlfreiheit beraubt worden sei. Nun, Rochefort ist Zeit seines Lebens von dem Grundsatz ausgegangen: willst du einmal lügen, so lüge in unbeschränktem Maße, dann ergötzen sich die Menschen daran und in vielen Fällen glauben sie es auch. Mit diesem Grundsatz hat sich Rochefort zeitweise einen großen Einfluß auf das politische Leben in Frankreich und nebenbei ein großes Vermögen erworben. Warum sollte ec also jetzt diesen Beruf aufgeben? Er könnte sich ja wieder in die Höhe lügen. Paris, 22. (Frkf. Ztg.) Während die siegreichen Republikaner rastlos die vom Feinde gesäuberten Stellungen auszubessern und zum Vortheile der Republik zu benützen beflissen waren, fahren die Geschlagenen fort, einander gegenseitig zu beschuldigen, oder mit dem Wenns oder Abers und glänzenden Zukunftbildern sich über die bittere Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Rochefort (s. oben unter Paris.) weiß sehr genau, warum er in dem engen Berggäßchen von Belleville besiegt worden ist: Die Regierung machte noch in letzter Stunde Tausende einwandernder deutscher Juden zu französischen Bürgern, damit sie gegen ihn stimmten! Rochefort sagt's und Drumont bestätigt es; folglich muß es wahr sein. Diese Mardochais (soll wohl heißen „Hamans" Red.) von Belleville haben unverantwortlich gehandelt, denn die Kränkung, welche durch sie dem Großwessir Boulanger zugefügt worden ist, bildet für ihn den Anlaß und Ausgangspunkt für einen regelrechten Feldzug gegen die „Juiverie." Dem „Jntransigeant" zufolge ist jeder Jude ein Agent Rothschilds. Da 'Rothschild aber gleich Bleichröder und dieser gleich Bismark, so unterliegt es für das Rothschild'sche Organ keinem Zweifel, daß Jude und preußischer Spion Synonyme sind. Das Publikum ergötzt sich an derartigen burlesken Sprüngen der Logik des alt gewordenen Clowns. Ernst nimmt sie Niemand, so wenig als Jemand den mit Borworten Drumont's erscheinenden Uebersetzungen deutscher antisemitischer Schriften Bedeutung beilegt, die, wenn sie überhaupt eine Wirkung ausüben könnten, eher dem Christenthum als den Juden schaden würden. Die deutschen Antisemiten mögen sich über die Aussichten dieses „Zweigs" ihrer Bewegung keinen Illusionen hingeben. Wenn sie sich klar machen wollen, wie sehr die Gleichheit der Bekenntnisse und der Rassen in das französische Volksleben übergegangen sind, so mögen sie einmal einen Blick in das „^nuuairo äs l’armee frar^aise* werfen und die langen Listen von Abrahams, Jsaacs, Ibrahims, Levis und Muhammeds überschauen, in denen die Rangstufen des französischen Heeres figuriren uud eine gleiche Achtung genießen, wie die Söhne des ältesten Raubadels. Einem solchen Lande vermag die eifrigste Propaganda den Glaubenshaß nicht wieder einzuimpfen. Spanien. San-Sebastian, im October. Die Lage der Juden in Spanien ist noch immer eine zweifelhafte. Man legt der Niederlassung einzelner Juden keine Hindernisse in den Weg, ignorirt aber ihre Existenz als Juden. Der Paragraph der gegenwärtigen spanischen Staatsverfassung über die Duldung Andersgläubiger ist zweideutig abgefaßt und kann nach der Gesinnung der oberen Beamten verschieden ausgelegt werden. Dennoch giebt es Beispiele, daß sich dieser oder jener von unseren Glaubensgenossen Ansehen und Stellung erworben hat. Hierüber giebt ein Bericht einigen Aufschluß, welchen wir dem Arch. isr. entnehmen. „Vor Kurzem starb in Sau- Sebastian in vorgerücktem Alter ein Israelit, der von den Spaniern ebenso wie von seinen Glaubensgenossen geachtet wurde. Emile Silva, Vertreter des ehrenhaften Hauses Jsaac Loon & Co. aus Bayonne, war Mitglied des Municipalrathes dieser Stadt zur Zeit des Staatsstreiches von Napoleon III. Als eifriger Republikaner beschloß er, Frankreich zu verlassen und sich in Spanien zu San-Sebastian niederzulassen, wo er sich bald die Achtung und Freundschaft seiner neuen Mitbürger gewann. Einige Jahre darauf wurde er zum Mitgliede der Handelskammer ernannt und wurde darauf deren Vicepräsident; er wurde Consul von Venezuela und mit einer großen Anzahl Orden decorirt. Die Localpresse, besonders El Guipuz coano und La Union Liberal vom 29. und 30. September ist einstimmig im Ausdruck des Bedauerns, das der Tod dieses Mannes hervorgerufen, und ihre Organe der verschiedenen Färbungen erwähnen seine Religion, indem sie ihm Glück dazu wünschen, daß er es verstanden, sie inmitten einer Bevölkerung, wo sie in so verschwindender Minorität ist, auszuüben und ihr Achtung zu verschaffen.