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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-31 · Heft 44 (31.10.1889) · p. Seite 693

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 44 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 693 (sequence 9)
Language
German
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693 Oesterreich-Ungarn. Wien, im October. (Privatmitth.) Der 28. Jahresbericht des „Vereines zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien" hat zwar eine Anzahl Spenden, die dem Vereine im verflossenen Jahre zugekommen, zu verzeichnen, beklagt es aber, daß die Zahl der Mitglieder wieder abgenommen und die Jahresbeiträge von fl. 1334 im Vorjahre auf fl. 1302 zurückgegangen seien. Unter diesen Verhältnissen konnte der Verein von 385 Gesuchen blos 284 berücksichtigen und oft nur in einer Weise, die nicht entsprechend war. Dies ist eine Erscheinung, welche sehr zu beklagen ist, um so mehr, als der stete Rückgang die Wirksamkeit des Vereins in Zukunft bedroht. Eine Ursache finden wir in der dauernden Gleichgültigkeit der Provinzen für diesen wohlthätigen Zweck, während doch die große Mehrzahl der Unterstützten den Provinzen angehören. Von den Bittstellern waren nur 19 aus Wien, 2 aus Niederösterreich, dagegen 98 aus Ungarn, 80 aus Galizien, 43 aus Mähren und 23 aus Böhmen. Dies sollten doch die begüterten Juden in diesen Provinzen beachten. Es wurden im Jahre 1888 an Unterstützungen fl. 3845 ausgezahlt. Das Vermögen des Vereins in Effecten beträgt fl. 335000 Nominalwerth. Nicht uninteressant ist es, zu bemerken, daß von den 284 unterstützten Studirenden 40 die Rechte, 206 Medizin, 10 Philosophie, 26 Technik, 1 Thierarzneikunde studirten und 1 Bildhauer war. Die Zahl der die Rechte Studirenden unter den Juden ist demnach zurückgegangen, während sich eine größere der Medizin zuwandte. Hieran haben wohl die politischen Verhältnisse oder besser gesagt die antisemitischen, welche jüdischen Rechtspraktikanten den Weg allmählich verschließen, Schuld. Wien, 20 Oct. (Differenzen im Lager der österreichischen Antisemiten.) Man schreibt uns aus Wien: Die Führerschaft der sogenannten Christlich-Sozialen richtet jetzt ihren Hauptangriff gegen die antisemitischen Deutsch- Nationalen. In allen Versammlungen, die speziell zu diesem Zwecke einberufen werden, erklären Pattai und seine Freunde mit der extem deutschen Bewegung nichts gemein haben zu wollen, ja sogar Vetter, welcher bisher für das Großdeutschthum schwärmte, sagt sich öffentlich von der Schönerer'schen Richtung los. Dem Vergani'schen Blatte wird, wenn es fortgesetzt die deutsch nationale Richtung einhalten sollte, der Bann angedroht; in Wirklichkeit ist der Abfall von dem Blatte schon geschehen. Pest, 20 Oct. (Privatmitth.) Der hiesige Fleischhauer E. S. wurde von der Behörde zu 100 Gulden Strafe verurtheilt, weil er Samstags seine Fleischbank geschlossen hielt, was nach Ansicht der Bezirksvorstehung als eine unbefugte Geschäftseinstellung anzusehen und im Sinne des Gewerbegesetzes zu bestrafen ist. Gegen dieses Urtheil appellirte S. an den Magistrat, welcher gestern das Urtheil mit der Begründung annullirte, daß Niemand gezwungen werden könne, an den Feiertagen seiner Religion ein Geschäft auszuüben. Derselbe Fleischhauer wurde von derselben Behörde zu 200 Gulden Geldstrafe verurtheilt, weil derselbe das bei ihm einkaufende jüdische Publikum hinsichtlich des Verschleißes von Koscherfleisch in der Weise in Jrrthum geführt habe, daß er ein solches Individuum von jüdischem Aussehen in seinem Geschäfte hielt, wie solche in den Fleischerläden gehalten werden, wo Koscherfleisch verkauft wird. Demzufolge verstoße diese Handlung gegen das Statut des ehemaligen Ministers für Ackerbau, Gewerbe und Handel (Zahl 48151) und sei sohin als Uebertretung zu qualifiziren, wegen welcher der Zuwiderhandelnde mit 200 fl. Geldstrafe geahndet werden mußte. Pest, 20. Oct. (Privatmitth.) Den Protesten in Angelegenheit der Antwort, welche der König in Kisber auf die Huldigungsansprache des Raaber Bischofs ertheilte, haben sich die meisten Dechanatsdistricte angeschlossen. Wie sehr überflüssig die königliche Mahnung an den katholischen Clerus war, geht aus dem Falle hervor, .der sich jüngst in Gran, der Residenz des Fürstprimas, zugctragen. Der Graner Pfarrer Freiherr brachte in Erfahrung, daß im hiesigen neuerbauten israelitischen Tempel der städtische Elementarschul- Lehrer Josef Szölgyäni in seinen freien Stunden Orgel spiele. Der Pfarrer, welcher der Director der Elementarschulen ist, richtete an Szölgyeni ein Schreiben, worin er dem von der Stadt, also von allen Konfessionen gleichmäßig gezahlten Lehrer einen Vorwurf daraus macht, daß er bei den Juden eine Stelle annehme, die eines katholischen Lehrers unwürdig und für denselben erniedrigend sei. Der Lehrer begab sich zum Pfarrer und machte diesen darauf aufmerksam, daß ihm nur der Schulstuhl befehle, da er städtischer Beamter sei; der Pfarrer möge die Sache vor den Schulstuhl bringen. Dies that indeß der Pfarrer, der wohl wußte, daß seine Intoleranz eine Niederlage erleiden würde, nicht, sondern erklärte, er werde den Fall dem Fürstprimas unterbreiten. Zu bemerken ist, daß zur Besoldung des Pfarrers auch die israelitischen Bürger beitragen. Der Fall hat hier peinliches Aufsehen gemacht und die jüdischen Bürger sind entschlossen, die Beitragsleistung zur Besoldung des Pfarrers in Hinkunft zu verweigern. Frankreich. Paris, 21. October. Die jüdische Altersversorgungsanstalt, welche vor wenigen Jahren zu Neuilly errichtet worden, hat sich bald für das Bedürfniß zu klein erwiesen. 44

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