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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-31 · Heft 44 (31.10.1889) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 44 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 691 (sequence 7)
Language
German
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691 S&aitusw-^via-ofy'iicfykc'vv. Deutschland. Berlin, 21. Oct. (Privatmitth.) Man mußte voraussetzen, daß die jüngst so plötzlich und so hart getroffenen Parteien ihren Rückzug zu decken suchen würden. Dies ist nun auch geschehen. Stöcker that dies „mit Sack und Pack" bei und mit den Christlich-Sozialen. Blieb zunächst Prof. Adolf Wagner übrig. Der vollführte seinen Rückzug am 18. Jan. d. I. in einer Versammlung der konservativen Gesammtvertretung. Unabhängiger gestellt als Stöcker, versuchte er, für den Rückzug Bedingungen zu stellen, dem Kartell beizutreten. Man wird es zur Zeit sehen, ob sie eingehalten werden. Als Gefolgsmann Stöckers vertheidigt er, der seinen Meister in den antisemitischen Bierlokal-Verhandlungen so oft beigestanden, den Antisemitismus in folgender Weise: „Der Vorwurf, daß die Konservativen Unfrieden gesät haben durch die Begünstigung des Antisemitismus, ist ganz ungerecht. Haben die Berliner Führer der konservativen Bewegung den Antisemitismus etwa hervorgerufen? (Nein!) Hervorgerufen hot ihn der jüdische Uebermuth gegenüber den kirchlichen Einrichtungen, unseren sozialen Anschauungen und dem, was wir im wirthschaftlichem Leben für richtig halten. (Beifall.) Der Antisemitismus ist nur der, wenn nicht berechtigte, so doch mindestens begreifliche Gegensatz zu dem, was auf jüdischer und jndenfreundlicher Seite gesündigt worden ist. (Beifall.) Die konservativen Führer sind den extremen Tendenzen stets entgegen getreten, Stöcker hat überall Mäßigung gerathen und gepredigt, ebenso ich und Cremer. (Beifall.) Ruf: (Au!) In dem Kampfe gegen Fortschritt und Sozialdemokratie mußten auch die Antisemiten herangezogen werden und die Konservativen haben trotz aller Begeiferungen und Verlästerungen nicht abgelassen, im Kampfe stehen zu bleiben, wenn ihnen auch der Dank am wenigsten von denen wurde, von denen sie Dank in erster Reihe erwarten konnten." (Beifall.) Auch noch Dank für Hetzerei, Verfolgungssucht und so weiter! Blieben noch die Antisemiten selbst. Hierüber berichtet die „Voss. Ztg.": „Im Deutschen Antisemitenbund, der auf den Donnerstag Abend eine „Volksversammlung" nach dem Buggenhagen'schen Wirtshaus am Moritzplatz berufen hatte, führte an diesem Abend der Bundesvorsitzende Ingenieur Dr. Häberlein in seinem Vortrag über „1789, 1889 und der deutsche Antisemitenbund zu Berlin" u. A. aus, der Antisemitismus werde weiter kämpfen gegen das Judenthum, möge es sich in den Reihen der Sozialdemokratie, des Freisinns, oder des Kartells zeigen. Eines steht fest, nämlich, daß Kaiser Wilhelm II. an die Verwirklichung der kaiserlichen Botschaft sein Leben setzen werde. Und dabei würden ihn die Antisemiten unterstützen, soweit es in ihren Kräften stehe, stets mit der Losung: „Hie Kaiser und Reich! Mit Gott für König und Vaterland!" (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Während der Besprechung des Vortrages vertheidigte Ober-Postkassenbuchhalter Fellmann das Kartell, vr. Häberlein: In Berlin bestand ein ehrliches Kartell auf der Grundlage des Antisemitismus. Bosheit oder Dummheit waren es, ein anderes Kartell zu gründen, das die Berliner Bewegung zum Erkranken und Hinsiechen brachte. (Lebhafter Beifall bei den Antisemiten.) Weshalb geschah das? Weil man dem Judenthum in dem Kartell Raum schaffen wollte. (Sehr richtig!) Da es mit dem Fortschritt bergab geht, so versucht das Judenthum durch die nationalliberale Partei im Kartell Einfluß zu gewinnen. Wir sind stets bereit, auf Grund des alten Kartells gemeinsam zu arbeiten, aber wir wollen uns keinen Judengenvssen und Gründer-Koryphäen aufdrängen. (Lebhafter Beifall bei den Antisemiten.) Kaufmann Meyer: Mit Bedauern haben wir gesehen, daß auch Hosprediger Stöcker die Fahne hat niederlegen müssen. Er hat das nicht nöthig, wenn er nicht will. (Beifall und Widerspruch.) Graveur Kluge (christlich-sozial): Der Kartellvater ist Herr v. Hammerstein, aber die Nationalliberalen haben in Dutzenden von Fällen das Kartell gebrochen. Das jetzige Kartell hat nur den Zweck, dem Fürsten Bismarck, den ich übrigens hochschätze, Leute zu verschaffen, die nur „Ja" und „Nein" sagen. (Beifall.) Stöcker hat die Fahne nicht definitiv niedergelegt. Wir haben nur auf Wunsch des Kaisers die Thätigkeit offiziell eingestellt. Es soll der Versuch mit dem Kartell gemacht werden. Wir werden aber doch Mann für Mann für einen antisemitischen Kameraden eintreten. Nach 2 bis 3 Jahren werden wir wieder auf dem Posten sein und dann werden wir auch Stöcker vielleicht wieder in Berlin sehen. B odeck: Ich spreche nicht aus Gegnerschaft gegen Stöcker. Aber was soll denn aus uns werden, wenn alle Führer die Fahne verlassen in einem so kritischen Augenblick! Es ist gut, daß wir vr. Böckel noch haben; wir werden trotz aller Erlasse und Demonstrationen weiter kämpfen gegen das internationale Judenthum. (Beifall.) Berlin, 22. Oct. In der „Ztg. für das höhere Unterrichtswesen" wird der Fall Boretius einer sachgemäßen Erörterung unterzogen. Zunächst werden die beiden Erlasse mitgetheilt, auf denen das Privatschulrecht in Berlin beruht. Alsdann heißt es: „Eine Berechtigung, irgend einen Unter-

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