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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-31 · Heft 44 (31.10.1889) · p. Seite 690

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 44 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 690 (sequence 6)
Language
German
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690 Fürst, allerdings nicht vollständig und nicht sehr gründlich, veröffentlichte, zugänglich gemacht worden. Saadia hatte die Tendenz, Schrift, Tradition und die damals gangbare Philosophie mit einander zu vereinigen und auszugleichen und steht in Methode und Resultat unserer Gegenwart näher als selbst Maimonides und die anderen Nachfolger in der Religionsphilosophie. Außer allem diesen, zeichnete sich Saadia auch als Vorkämpfer gegen das Karäerthum aus und hinderte nachdrücklich dessen Verbreitung unter den Rabbaniteu, namentlich in Egypten, seiner Heimath. Er verstarb noch wenig bejahrt 942. lieber sein Leben, sein Wirken und seine Werke kann man seit Munk's Mottos (1839), in den Geschichtswerken von Jost (B. II), Grätz (B. V) und einigen Monographien z. B. von Guttmann des Weiteren sich unterrichten. Wir halten es daher für eine glückliche Idee, zur Feier des 1000jährigen Geburtstages Saadia's seine Werke, so weit sie noch vorhanden — denn viele derselben sind verloren gegangen — in möglichst correcter Originalausgabe herzustellen. Wie sollte es Israels nicht würdig sein, einen seiner größten und verdienstvollsten Söhne auch nach einem Jahrtausend noch zu feiern. Es wäre dies ein seltenes, vielleicht einziges Beispiel und würde abermals ein öffentliches Zeugniß davon oblegen, in welcher grauen Vorzeit die Geistesblüthe unseres Stammes immer vonNeuem heranwuchs und Früchte lieferte, die noch heute genießbar sind und Religiosität und Forschung nähren. Selbstverständlich zögerten wir nicht, uns dem zu bildenden Comitö anzuschließen und werden über den Fortgang berichten. Literarischer Wochenbericht. * * Lessing. * Alles, was zur Verherrlichung unseres Lessings und zur Verbreitung seiner unsterblichen Werke dient, erfüllt uns mit aufrichtiger Befriedigung. Wir sagen „unseres" Lessings, als Deutsche und als Juden. Denn Lessing ist einer der stärksten Eckpfeiler der deutschen Nation, ein Wecker, Träger und Förderer des deutschen Genius, aber auch der erste und vorzügliche Verkünder der Humanität, des Rechtes und der wahren Sittlichkeit. Er war es, der mit allem Nachdrucke seines energischen Geistes lehrte, daß die religiöse Ueberzeugung das innerste und heiligste Eigenthum jedes Menschen, darum unantastbar ist und von keinem Einflüsse auf die bürgerliche Stellung des Individuums sein darf, daß alle Ausnahme- und Bedrückungsgesetze, jede Verfolgung aus religiösem Fanatismus unbedingt verwerflich sind. Man braucht, um dieses zu erhärten, nicht bloß auf seinen „Nathan" zu verweisen, den er gegen das Ende seines arbeitsvollen Lebens verfaßte, und nicht erst auf sein freundschaftliches Berhältniß zu Mendelssohn. Als noch nicht zwanzigjähriger Jüngling schrieb er das Drama „Die Juden," eine Schutzschrift für diese damals noch so schwer gedrückten Bekenner einer alt ehrwürdigen Religion, in welcher er uns einen edlen und hoch gebildeten Juden vorführte und das Unrecht ins Licht stellte, um des Glaubens willen eine zahlreiche Menschenclasse zu mißachten und aus der Gesellschaft auszuschließen. Es machte dieses Stück, das freilich noch den Stempel der Jugend, aber welcher! trägt, so großes Aufsehen, daß der gelehrte Michaelis sich zu dem Einwand verleiten ließ, solche Juden gäbe es nicht — worauf ihm eine thatsächliche Widerlegung zu Theil wurde. Anderthalb Jahrhunderte sind seit der Abfassung dieses Dramas vorübergegangen, und wir müssen leider sagen, daß es noch heute zur Belehrung dienen und zur Verwirklichung aneifern könnte. Hiermit ist aber auch erwiesen, daß diese Hochachtung vor dem Rechte gerade hinsichtlich der Juden ein ganz eigenes Element des Lessing'- schen Geistes war. Erst Jahrzehnte nachher folgten die Grogoire, Dohm, Mirabeau. Ja, welches Gebiet Lessing betrat, vollbrachte er ein befreiendes Werk, eine erlösende That. Wenn er z. B. die deutsche Dramatik von den Fesseln der in Frankreich zum Gesetze erhobenen vermeintlichen Aristotelischen Grundsätze befreite, unter welchem Joche auch die Italiener standen, wie noch Alfieri, so muß er in dieser Hinsicht auch als Befreier Italiens und Frankreichs selbst anerkannt werden, wie dies auch neuerdings geschehen ist. — Zu dieser kurzen Betrachtung veranlaßt uns das Unternehmen der G. I. Göschen'schen Berlagshandlung in Stutt- I gart, die Werke Lessings in neuen correcten und würdig aus- | gestatteten Originalausgaben herauszugeben. Zunächst er- I schienen Lessings poetische Schriften, Gedichte, Fabeln und i Dramen, in zwei Theilen (in einem Bande in vorzüglichem Original-Einbande). Alsdann Lessings sämmtliche Werke in! 6 Bänden, und als Krönung des Ganzen wird im Novem-! der eine Ausgabe der sämmtlichcn Schriften Lessings in 12 j Bänden ausgegeben. Es sind dies Original-Ausgaben, durch- . aus (nach Lachmann) correct, jede Abtheilung mit Einleitungen von K. Gödeke versehen. Die Ausstattung ist treffj lich, weißes, kräftiges Papier, schöner, klarer und großer > Druck und starker, eleganter Einband. Auf die große Ausgabe kommen wir noch zurück, sobald sie uns vorliegt. Wir können mit vollem Fug und Recht diese neuen Ausgaben unseres großen Klassikers allseitig empfehlen, und mögen diejenigen, welche sich Lessing anschaffen wollen, bei ihrer Bestellung ausdrücklich bemerken, daß sie die Göschen'schen - Ausgaben haben wollen.

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