Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 689 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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689 so haben sie die Folgen davon zu tragen und dürfen sich nicht über den Jndifferentismus beschweren, der sich innerhalb ihrer Kreise immer mehr ausbreitet. Nach unsrer Erfahrung ist es irrig, das Publikum gegen jeden geistigen Weckruf für gleichgiltig und unzugänglich zu erklären. Er muß sich nur vernehmen lassen und zwar in rechter und starker Weise, um Gehör und Anklang zu finden. Wir weisen z. B. darauf hin, daß, wenn an einem Platze Vorlesungen und Vorträge angekündigt werden, sich in der Regel auch eine zahlreiche aufmerksame und empfängliche Zuhörerschaft einfindet. Und für solche Vorträge ist genügendes Material vorhanden, so daß es selbst dem weniger Gelehrten und Kundigen an Stoff und Form nicht fehlen kann. Fürwahr, wir kennen für unsre Zeit nichts Nothwendigeres, als daß die Lebenskraft, die in einer Erscheinung vorhanden ist, mit aller Macht in das Leben hinaustreten, sich äußern und kundgeben und bethätigen müsse. Wo dies nicht geschieht, schwinden die Kraft und das Leben; wo es zu Tage tritt, da wird ihm Raum geschafft: es giebt nichts in unsrer Zeit, für das sich nicht Interesse vorfindet, wenn es in rechter Weise beansprucht wird. Ein tausendjähriges Jubiläum. Wir erhalten folgende Zuschrift, die allerdings privater Art, doch geeignet ist, einen Anstoß zu einer würdigen Feier eines unsrer bedeutendsten Geisteshelden zu geben. Die Hauptstelle derselben lautet: Paris, den 19. Oktober 1889. Im Jahre 1892 werden es Tausend Jahre, seitdem der große Gaon in Fayjum geboren wurde. Als Religionsphilosoph, Exeget, Kenner und Vorstreiter auf dem Gebiete des Rabbinismus hat Saadia nie seines Gleichen gehabt. Sein Millennium verdient darum gewiß in allen Gauen Israels gefeiert zu werden. Ihm gegenüber kann es innerhalb des zersplitterten Judenthums keine Parteien geben. Strenge Altgläubige, wie die kühnsten Reformer müssen ihm Verehrung zollen. Und trotz der Anerkennung, welche seine Leistungen in so hohem Grade verdienen, liegen noch eine Menge seiner Schriften im Staube der Bibliotheken vergraben. — Ein Theil seines Commentars zu dem Pentateuch hat sich in der Firkowitz'schen Sammlung in Petersburg erhalten, Uebersetzung der Proverbien und Commentar dazu liegen in Oxford, wo sich auch Daniel, ausführlich erklärt, und die Version von Ruth und vielleicht auch vom Prediger befinden. Fast von allen diesen Schriften besitze ich Copien. Saadia hat mir in den verschiedensten Epochen meines Lebens großes Interesse eingeflößt und im Augenblicke lasse ich in Stade's Zeitschrift die Uebersetzung des Jesaias und größere Fragmente des Commentars, begleitet von französischen Anmerkungen, erscheinen. Vom Pentateuch war bereits die Genesis und der Anfang des Exodus gedruckt, als der unglückliche Krieg von 1870 dem Drucker die Mittel benahm, fortzufahren. Der Jezira-Commentar mit französischer Uebersetzung wird im Laufe dieses Winters von einem meiner Schüler auf Kosten der Regierung herausgegeben. Sie sehen, verehrter Herr vr., daß so manches von den Arbeiten des Gaon vorbereitet ist. Mein Wunsch wäre es, daß eine Gesammtausgabe der Saadianischen Werke in würdiger Form veranstaltet werde. An Mitarbeitern würde es nicht fehlen, wenn ich auf die Mittheilungen von vr. Harkawy und Jsraelsohn aus Petersburg, von vr. Bacher in Budapest, vr. Guttmann in Hildesheim und mancher anderen israelitischen Arabisten rechnen kann. Die Hauptsache ist, daß die Unternehmung unseren Glaubensgenossen empfohlen werde und daß eine erkleckliche Summe, sei es durch reiche Maecene, sei es durch zahlreiche Abonnenten herbeigeschafft werde. Ich lege Ihnen heute meinen Plan §ro8so modo vor und erwarte nicht nur, daß Sie mir Ihre aufrichtige Meinung mittheilen, sondern, daß Sie mir auch erlauben, Ihren Namen unter die Mitglieder eines Comits's zu setzen, welches in den nächsten Monaten zur Erreichung des Vorgesetzten Zieles gebildet werden soll. I. Derenbourg. Gewiß ist Saadia ha Gaon ein würdiger Gegenstand einer Feier und die vorgeschlagene Art derselben im vollsten Maße angemessen. Wir haben es immer behauptet, daß das zutreffendste Denkmal eines Schriftstellers in der Herausgabe seiner unsterblichen Werke besteht. Saadia verdient eine warme Erinnerung auch nach den tausend Jahren, die seit seiner Geburt verflossen sind, denn seine Wirksamkeit, so fruchtbar für seine Zeit und die nachfolgenden Geschlechter, erstreckt sich noch bis auf unsere Gegenwart. Sie war in mehrfacher Beziehung bahnbrechend. Saadia war es, der die biblische Exegese, welche von den Rabbaniten völlig vernachlässigt worden, eröffnete und seine arabische Uebersetzung der h. Schrift und seine Commentarien zu ihr sind noch heute beachtenswerth. Auch zur hebräischen Grammatik und Lexikographie legte er den Grund und dies ist ein wesentliches Verdienst, wenn auch seine Leistungen auf diesem Gebiete noch unzulänglich waren. Sein Hauptverdienst aber! besteht darin, daß er durch sein Werk „Emunoth we Deoth" die jüdische Religionsphilosophie begründete, überhaupt das erste religionsphilosophische System aufstellte, da vor und zu seiner Zeit selbst der Islam noch keinen solchen Versuch aufzuweisen hatte. Diese Schrift Saadia's ist auch dem größeren Publikum durch die Uebersetzung, welche der sel. Julius