Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 688 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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688 Nutzen oder Schaden? Welches ist in dieser Beziehung das Verhältniß der großen und das der mittleren und kleineren Gemeinden? . . . Sehen wir zuerst auf die Wirkungen nach Außen, so kann man sich nicht verhehlen, daß diese großen Ansammlungen keinen günstigen Einfluß üben. Das Hervortreten des jüdischen Elementes bringt bei der christlichen Bevölkerung die alten, vielleicht eingeschlummerten Antipathien von Neuem hervor; es erwachen die alten Vorurtheile, Neid, besonders Concurrenzneid ersteht mit vermehrter Kraft. Hierzu kommt, daß naturgemäß in einer größeren Masse sich auch unangenehme, ja schlechte Elemente einfinden und nach Außen sich bemerklich machen. Bei dem Banne der Solidarität, unter welchem wir Juden noch immer stehen, werden die Fehler und Vergehen Einzelner auf die Gesammtheit übertragen, und der Antisemitismus ist fertig, mit welchem neueren Namen ja nur ein sehr altes Uebel bezeichnet wird. Selbstverständlich erfließen aus einer großen Judengemeinde auch viele Vortheile für die gesammte Bevölkerung der Stadt, besonders auch für gemeinnützige und wohlthätige Zwecke; dies wird aber gewöhnlich übersehen oder doch mit Stillschweigen übergangen. Man begnügt sich, die größere Opserwilligkeit der Juden nicht aus ihrem guten Herzen und Gemeinsinn, sondern aus ihrer größeren Wohlhabenheit und ihrem Ehrgeiz herzuleiten. Es ist ein Vorurtheil, zu meinendaß in großen Städten eine größere Annäherung der verschiedenen Stände stattfinde, gewissermaßen die Gleichheit vor dem Gesetze auch die gesellige Gleichheit mit sich führe. Dies ist nicht der Fall, sondern gerade hier machen sich die Abstufungen der gesellschaftlichen Kreise erst recht geltend, und es herrscht die Tendenz, das Innere der Familien und des Standes vor dem demokratischen Zuge unsrer Zeit zu schützen, während in kleineren Städten und auf dem Lande das gesellige Bedürfniß eine größere Annäherung und eine gewisse Ausgleichung der Standesverschiedenheiten nothwendig macht. Dies hat auf die gesellschaftliche Stellung der Juden bedeutenden Einfluß. — Doch sehen wir hiervon ab. Mehr am Herzen liegt uns der Einfluß auf das innere Leben des Judenthums. Hier kann nicht verkannt werden, daß die größere Ansammlung von Mitteln und Kräften zur Schöpfung und Erhaltung großer Werke und Institute die Möglichkeit giebt, und der alte Spruch „Eintracht, d. i. Vereinigung, macht stark", bewährt sich auch hier. Selbstverständlich breiten diese größeren Veranstaltungen ihre Vortheile meistens auch auf die anderen Gemeinden aus. So z. B. hat Berlin zwei Rabbiner- und ein Lehrerseminar, eine große Gemeindeschule und mehrere Gemeinde-Religionsschulen, ein großartiges musterhaftes Krankenhaus, zwei Waisenhäuser und mehrere Waisen-Versorgungs-Bereine, ein Alterversorgungshaus u. s. w. In allen diesen Beziehungen zeichnet sich auch die Gemeinde zu Pest aus. In Wien ist die Tendenz für das Schulwesen nur in geringem Maße vorhanden; dagegen blühen die jüdische Taubstummen- und Blinden-Anstalt, sowie auch ein treffliches Krankenhaus. Es ist hier nicht der Ort, die vielen, zum Theil vorzüglichen Anstalten in den jüdischen Gemeinden von Paris, London und New Ior! zu schildern; wir treffen sie in allen Zweigen der Wohlthätigkeit und Gemeinnützigkeit. Nun ist hiermit nicht gesagt, daß in den Provinzen nicht ein ähnliches Streben und eine segensreiche Opferwilligkeit vorhanden seien. Sorgt doch jede Gemeinde für ihre Bedürfnisse und meist in rühmenswerthem Umfange. Je nach dem Maße der vorhandenen Kräfte sind Vereine und Veranstaltungen hergestellt, und überall finden sich Persönlichkeiten, welche für humanitäre Bestrebungen sich mit Eifer bemühen. Auch haben die Provinzen nicht selten Seminare und Waisenhäuser gegründet und zu nicht geringer Blüthe gebracht. — Dahingegen drängt es uns sich auf, daß in den großen Metropolen die vielfachsten Momente Zusammentreffen, um auf das religiöse Denken, Empfinden und Bedürfen zersetzend einzuwirken. Das lebhafte öffentliche Leben weckt in jedem Individuum eine starke Theilnahme an allen politischen und socialen Bewegungen; das vorherrschende Jagen und Treiben nach Erwerb und Gewinn occupirt bei den stets auf- und niedersteigenden Chancen die Menschen im höchsten Grade; hierzu gesellen sich Genußsucht und das Haschen nach Zerstreuungen, welche in der großen Stadt in mannigfaltigster Art sich darbieten, und hierzu kommt der sich immer weiter verbreitende Unglaube, der, in das Gewand der Wissenschaftlichkeit und der geistigen Aufklärung sich kleidend, namentlich die Jugend immer mehr für sich einnimmt. So entfremden sich dem religiösen Leben und Geiste in den großen Städten zahllose Individuen, und bei der Menge der Glaubensgenossen tritt dann auch die Entfremdung unter diesen ein und macht für die Interessen derselben gleichgiltig. Die aufgeführten Momente bestehen allerdings auch in den mittleren Gemeinden, aber in wie viel geringerem Grade — in den kleineren fast gar nicht. Die Verhältnisse liegen deshalb hier ganz anders; man kennt sich fast sämmtlich, nimmt auf einander Rücksicht und schließt sich schon aus Ehcenpunkt nicht aus, wenn eine religiöse oder humanitäre Forderung herantritt. Es ergiebt sich z. B. aus dieser Lage der Dinge, daß viel mehr geistige Produkte und Anregungen aus den Provinzen hervorgehen als aus den Weltstädten, wenigstens was das Judenthum betrifft. Allerdings sind geringzähligere Gemeinschaften der Gefahr ausgesetzt, daß das geistige Leben in ihnen ins Stocken geräth und der Schlendrian auf allen Gebieten vorherrscht. Hier ist es, wo für Diejenigen, welche Träger des geistigen Lebens und insbesondere des religiösen sind, die Pflicht ersteht, alle ihre Kräfte darauf zu verwenden, Leben und Geist in den Gemeinden zu wecken und zu nähren. Vernachlässigen sie dies, ergeben sie sich selbst der Indolenz,