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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-31 · Heft 44 (31.10.1889) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 44 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 687 (sequence 3)
Language
German
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687 ausgesprochene Gesinnung sich immer weiter verbreite, namentlich in den conservativen Kreisen. — Nun bleibt uns noch eine zweite Frage, nämlich: warum die „Köln. Ztg." diese Stelle aus der Flugschrift jetzt excerpirt und in ihren Spalten zum Abdruck gebracht hat, ja dem Vers, ihre Billigung gewährt? Ist es doch bekannt, daß die „Köln. Ztg." oft genug ihren antisemitischen Gelüsten vollen Ausdruck gegeben und ihren Correspondenten gestattet hat, gegen die Juden in gleicher Weise loszuziehen, wie die ärgsten antisemitischen Blätter, z. B. dem aus Pest. Die „Köln. Ztg." war hierin sogar consequent. War sie doch vor 1848 eine heftige Gegnerin der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden. Wir erinnern an die durch Replik und Duplik geführte längere Polemik, die wir gegen die „Köln. Ztg." unter ihrem damaligen Chefredacteur Or. Hermes, der auch, wie Treitschke eine deutsche Geschichte der neueren Zeit geschrieben, geführt haben (s. Jahrgang 1842, Nr. 31 ff.). Man könnte versucht sein, die obige Frage dahin zu beantworten, daß die Kartellparteien, deren Hauptorgan die „Köln. Ztg." ist, vor den nahen Reichstagswahlen das Bedürfniß fühlen, ihren jüdischen Mitbürgern und Mitwählern freundschaftlich die Hand zu drücken. So etwas haben wir schon öfter erlebt, z. B. in Posen und in Böhmen. Doch sei dem wie ihm wolle, wir sind schon zufrieden, wenn sich richtigere Ansichten, gerechtere Meinungen, wenn sich Wahrheit und Humanität endlich wieder in den Vordergrund stellen und geben Dem die Ehre, Der diesen die Ehre giebt. Uns ist es nur darum zu thun, in friedlicher Entwickelung unseren Pflichten als Bürger und Menschen leben zu können und die nach so harten Kämpfen erlangten Rechte unangetastet zu sehen. Die großen und die kleinen Gemeinden. Die Archives israelites sprechen in ihrer jüngsten Nummer über das Anwachsen der jüdischen Gemeinde von Paris, als dessen Ursachen sie die Ereignisse von 1870—71, die russisch-polnische Auswanderung und die große Anziehungskraft betrachten, welche Paris ausübt. Sie meinen sogar, daß von dem großen Zufluß Fremder zur gegenwärtigen Weltausstellung ein nicht geringer Procentsatz in Paris Zurückbleiben werde. Eine genaue statistische Angabe ist nicht möglich, da in Frankreich bei den Volkszählungen die Rubrik „Religion" wegfällt, und eine Steuerpflicht zu den Cultuskosten einer Kirchengemeinde nicht besteht. Doch schätzen die Arob., daß gegenwärtig in Paris '/io aller in Frankreich ansässigen Juden wohnhaft sind. Dieses Wachsthum der! Pariser Gemeinde bewirkt aber auch, daß in den kleineren! Ortschaften um Paris sich nach und nach jüdische Gemeinden bilden und organisiren. So bereits in Neuilly, Boulogne, Saint-Mends und gegenwärtig Asnisrcs und Saint-Denis. Es wäre ein sehr fruchtbarer und in culturhistorischer Beziehung wichtiger Gegenstand, die Geschichte des jüdischen Gemeindewesens, seiner Gestaltung in den verschiedenen Ländern und Zeiten zu schreiben und würde sich derjenige, welcher seine Studien hierauf verwendete und sie mit Umsicht und Scharfsinn durchführte, kein geringes Verdienst erwerben. Es würden sich da der Beobachtung drei Momente ergeben: die Ausbreitung, die Größe und die Einrichtungen der Gemeinden. Im Alterthum gab es in der Diaspora schon sehr große Gemeinden, wie in Alexandrien, Antiochien und Rom. In letzterer Stadt, wird berichtet, war die Zahl der Juden zu des Kaisers Claudius Zeit so groß, daß dieser seine Absicht, die Juden aus Rom zu vertreiben, aufgeben mußte, weil er die Stadt dadurch in keinem geringen Maße entvölkert hätte; nach anderen Berichten hätte er es dennoch gethan. Im Mittelalter bis zur neuesten Zeit gab es in West- und Mitteleuropa keine großen Gemeinden, während im Oriente, wie uns Benjamin von Tudela (1165—1173) und Petachia (1175—1190) berichten, zahlreiche und große Gemeinden unter der Herrschaft des Islam bestanden, so namentlich in Bagdad und Moßul; in letzterer Stadt wohnten 7000 Familien. Auch in Konstantinopel sammelten sich viele Juden nach der Eroberung dieser Stadt durch die Türken und nach der Vertreibung der Juden aus Spanien an. Gleicherweise entstanden in den, dem polnischen Scepter unterworfenen Ländern große Gemeinden, so daß noch jetzt die größte Gemeinde der Erde, über 130,000 Seelen stark, sich in Warschau befindet. In West- und Mitteleuropa hingegen sind die großen Gemeinden das Erzeugniß der letzten Jahrzehnte. Wien, Berlin, Pest, Paris und London hatten vor noch nicht langer Zeit nur inittelgroße jüdische Gemeinden, die sich in einem kurzen Zeitraum mehr als verzehnfacht haben. Aber auch in allen größeren Städten, Centren lebhaften materiellen und geistigen Verkehrs, sind die Gemeinden stark angewachsen. Daß hierdurch die mittleren und kleineren Gemeinden immerfort sich vermindern, Gemeinden, die früher zu den ansehnlichen gehörten, stark zurückgingen und nicht wenige kleine Gemeinden auf den Aussterbeetat kommen, ist selbstverständlich, da der Zuzug in die größeren Städte ans Kosten der Landbevölkerung geschieht. So z. B. hat die ganze Provinz Posen an der jüdischen Bevölkerung sehr abgenommen, wie es sich bei den Volkszählungen recht merklich herausstellt. Woher sollte denn auch z. B. Berlin seine 65,000 Juden herhaben, während es vor 1848 nur etwas über 3000 Seelen zählte? Es stellt sich hier die Frage ein, schafft diese Anhäufung unsrer Glaubensgenossen an einem Orte dem Judenthum e 44*

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