Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-31 · Heft 44 (31.10.1889) · p. Seite 686

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 44 (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 686 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227816--46604-3266178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

686 Heiligen und alles positiven Glaubens ganz ausschließlich jüdische Eigenschaften seien, und arbeitete sich in ein Pharisäerthum hinein, das jeden denkenden Geist erschrecken, jedes fühlende Herz betäuben mußte. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß ich der Geschichte des Judenthums, das sich durch so viele Jahrhunderte grausamer Verfolgung, bittern Hasses, höhnischer Verachtung durchgearbeitet hat, ohne den Glauben an eine heilige Weltordnung, die Kraft des Streöens und Ringens und den Aufschwung zum Ideal zu verlieren, voll Rührung und Achtung gegenüberstehe. Mögen manche Auswüchse des Judenthums unangenehm berühren, wir können niemals leugnen, daß dennoch ein edler Kern patriarchalischer Kraft und Treue in diesem Volke steckt. Ich zähle liebe Freunde unter den Juden und habe sie stets bewährt gefunden in hellen und trüben Tagen. Und das geistige Sieben verdankt auch in Deutschland den Juden viel — wer möchte in Berlin die Kreise der Mendelssohn's nicht ehren und achten und manche andere noch, die in den besten Zeiten geistiger Entwicklung den Ton angaben, der besser wahrlich und edler anklang, als der wüste Lärm der antisemitischen Hetze. Man hat die Juden wie die Parias behandelt, aber sie sind keine Parias geworden, sondern sie haben aus der Niedrigkeit, in die man sie herabtreten wollte, immer wieder das Haupt erhoben zum geistigen Licht und zum Ringen nach den Idealen des menschlichen Lebens. Wenn nun aber jeder Jude sich, nur weil er Jude ist, in Acht und Bann gestellt sieht, so kann das nur dahin führen, daß das negireude Judenthum allein das große Wort führt und daß die edleren jüdischen Elemente sich fern halten. Mir haben langjährige jüdische Freunde mit tiefer Trauer von diesenZuständen gesprochen, und wenn gegenüber dem Uebermuth mancher Elemente, die vom Christenthum nur den Namen und den Taufschein haben, auch in dem letzten jüdischen Handelsmann ein Funken von dem Stolz der Makkabäer ausglimmt und sich zu Haß und Verbitterung entzündet — können wir das verachteil iiuD verurtheilen? Möchten wir doch den Juden gegenüber an bie altgriechische Fabel vom Aeolus und dem Sonnengott oenken. Beide wetteten, wer einem Wanderer zuerst den Mantel abnehmen werde — je ärger der Gott der Winde tobte, um so fester schnallte der Mann seinen Mantel um die Schultern, — Apollo's warmer Sonnenstrahl ließ ihn die schützende Hülle ablegen. Das Licht der evangelischen Liebe aber ist wärmer als die Sonne Apoll's. Doch wenn die Juden vom Ehristenthnm nichts spüren als die kalten Stürme des Hasses und der Verachtung, des Hohnes und der Verfolgung, so werden sie den Mantel trotziger und schmerzlicher Opposition immer fester schnallen. Aber, so werden Sie sagen, mein lieber Freund, sollen wir denn den Herrschaftsbestrebungen des jüdischen Geistes auf dem Gebiete der Capitalwirthschaft und auch der Literatur ruhig zusehen, sollen wir auf unserm vaterländischen Boden das germanische Element und den christlichen Glauben als eine veraltete und verrottete Mähr hinstellen lassen und die christliche Arbeit der jüdischen Speculation überliefern? Nein, mein Freund, das sollen wir nicht, aber wir sollen vor Allem gerecht sein, wir sollen die Dinge angreifen und nicht die Personen. Sind denn der Gründungsschwindel, der Wucher, das Börsentreiben ausschließlich jüdische Sünden? Geht der rücksichtslose Mammonsdienst nicht bis hoch hinauf in die christliche Gesellschaft? Und ist nicht gerade hier in Berlin der gefährlichste und abgefeimteste Wucher mit dem unwürdigen Träger eines Namens vom besten Klange verknüpft gewesen? Machen wir durch unsere Gesetzgebung, so viel an uns ist, den Capitalswucher in jeder Gestalt unmöglich, so wird auch das niedere Judenthum sich nicht mehr mit demselben befassen können. Aber wir finden leider auch in christlichen Kreisen zähen Widerstand gegen solche reinigende Gesetzgebung. Und dann müssen wir doch wohl anerkennen, daß es gerade den Juden weniger zu verübeln ist, wenn sie der erwerbenden Speculaüon vorzugsweise ihre Kräfte zuwenden, denn seit Jahrhunderten waren ihnen — außer Kunst und Wissenschaft (?) — alle übrigen Gebiete verschlossen, diejenigen Bevorzugten aber, welchen vergönnt war, der eastalischen Quelle zu nahen, haben es wohl bewiesen, daß auch auf ihren Häuptern die Flamme des Ideals sich entzünden kann." Soweit der Verfasser jener Schrift. Nach Inhalt und Form gehört dieser Passus zu dem Besten, was über diesen Gegenstand geschrieben worden. Allerdings sehen wir davon ab, daß auch er den Anklang, den die antisemitische Wühlerei in weiten Kreisen gefunden, durch die Schuld der Juden selbst erklären will. Er übersieht hierbei nicht allein, daß man für die Fehler einzelner Juden die Gesammtmasse derselben solidarisch machte, sondern auch, daß dieser Anklang zum größten Theile in dem alten, nie erloschenen, von Jugend auf im Elternhause und in der Schule großgezogenen Vorurtheil und Widerwillen gegen die Juden, einer Erbschaft der vergangenen Zeiten, seinen wirklichen Grund fand und findet. Man war allzu geneigt, den Verleumdungen und Uebertreibungen der antisemitischen Agitatoren in Rede und Schrift Gehör zu schenken und ihre Schlagwörter sich anzueignen. Wie gesagt, wir sehen hierüber hinweg. Aber fragen möchten wir, warum so spät? Warum erst dann seine Stimme für Recht und Wahrheit erheben, wenn die rothen Flammen des Antisemitismus im Erlöschen sind? Es hat sich ja jetzt herausgestellt, daß gewissermaßen eine Handbewegung Stöcker zum Schweigen und die „Christlich-Socialen" zur Auflösung gebracht hat. Daß dies erst nach einem Jahrzehnt geschehen, wirft auf dieses und das Verhalten gewisser Kreise während desselben ein eigenes Licht. Doch wir wollen nicht mäkeln, sondern nur wünschen, daß die von dem Verfasser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.