Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. S M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband S,ö0 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Honn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 31. Oktober 1889. Nr. 44. lukslt. Leitende Artikel: Eine konservative Stimme gegen den Antisemitismus. — Die großen und die kleinen Gemeinden. — Ein tausendjähriges Jubiläum. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Ober-Jngelheim. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Spanien: San Sebastian. — Amerika: New-Aork, Chicago. Südafrika: Johannisburg. — Marokko: Tanger. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Bericht über die fünfte Conferenz des Vereins der israelitischen Lehrer und Kultusbeamten des Landrabbinats Emden. — Vermischtes. icitc'vi&e €Xzti&eL Paris, 20. Oetober. Eine konservative Stimme gegen den Antisemitismus. Die „Köln. Zeitung" vom 15. Oktober, zweites Blatt, brachte einen längeren Passus aus einer Flugschrift, welcher den Antisemitismus entschieden verurtheilt und in wohlwollendster Weise für die Juden eintritt. Er ist es werth, daß wir ihn uns erhalten. Die „Köln. Ztg." leitet ihn mit einigen billigenden Worten ein. Wir geben auch diese und werden einige Bemerkungen daran schließen. „Ueber den Antisemitismus spricht sich die Fortsetzung der Schrift „In neuer Zeit" (Berlin. Richard Wilhelmi) in ruhiger und sachlicher Weise aus. Das Schriftchen macht einen versöhnlichen Standpunkt geltend, der uns um so beachtenswerther erscheint, als der talentvolle Verfasser sich auf Schritt und Tritt als eine konservativ gerichtete und positiv gläubige Persönlichkeit kennzeichnet. Es heißt da: Der in den letzten Jahren so scharf hervorgetretene Antisemitismus hat sich ganz besonders in den Kreisen der äußersten konservativen Partei gezeigt, und die hervorragende Bethätigung eines Hofpredigers an dieser Bewegung hat den Glauben erzeugen können, daß dieselbe in maßgebenden Kreisen Billigung und Förderung finde. Es ist menschlich natürlich, daß durch die Art, wie die Bewegung des sogenannten Antisemitismus geführt wurde, das Judenthum in den äußersten Gegensatz gegen die konservative Richtung, das heißt, zum Fortschritt, oder wie er sich jetzt euphemistischer nennt, zum Freisinn gedrängt wurde. Ich halte aber die Frage des Antisemitismus und die Art, wie sie verhandelt wird, für ein wirkliches Unglück. Ich habe diese Frage entstehen sehen, als der Pastor Todt die christlich-sociale Bewegung begann, um die großen socialen Probleme in dem Sinn und Geist des Christenthums zu lösend) Diese Bewegung, in welcher Todt durch den großen Industriellen Schmidt in Braunschweig eifrig unterstützt wurde, fand Berührung mit der an sich so berechtigten innern Mission in Berlin, und gerieth, als Todt bald darauf starb, ganz in die Hände des Hofpredigers Stöcker. Die selbstbewußte Neigung dieses Herrn, einen Lutherulus zu spielen, ließ ihn die christliche Bewegung zu einem des apostolischen Berufes wenig würdigen Angriffskrieg gegen das Judenthum oder vielmehr gegen die Juden als solche wenden. Leider hatte eine große Zahl von Juden sowohl in den großen Städten als auf dem Lande durch ihr Treiben, ihr lautes Vordrängen und ihre hochmüthige Stellung gegen das Christenthum vielfach Veranlassung zu tiefer Erbitterung gegeben, und so fanden sich viele, welche in gutem Glauben der antisemitischen Lärmtrommel folgten und ihren Eifer zu dem Verdikt des Lessing'schen Patriarchen steigerten: der Jude wird verbrannt. Man that so, als ob die gewissenlose Geldwirthschaft, die cynische Verspottung alles 1) Pastor Todt hat ein umfangreiches Buch hierüber geschrieben, aus welchem Stöcker und die Christlich-Socialen ihre Weisheit schöpften- Nur.einen Puykt ließe» sie fallen, nämlich daß Todt die Republik für die eigentlich christliche Staatsverfassung erklärte, und dies aus der Bibel beweisen wollte. Redact. d. A. Z. d. I. 44