Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1889)
- Date
- 1889-10-24
- Page
- Seite 680 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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680 Feuilleton. Schreiben -es Herrn Schul-ireetors Lomekh in Bagdad?) Sobald man die Gewißheit in der Bevölkerung hatte, daß die Krankheit, welche so viele Opfer forderte, die Cholera war, suchte Jeder so schnell wie möglich dem Bereiche dieser Geißel sich zu entziehen. Man hätte sagen mögen, daß jedes Gefühl der Menschlichkeit in den Herzen erloschen war. Es herrschte eine Panik, von der man sich keine Vorstellung machen kann. Man sah Eltern ihre Kinder, Söhne ihre Mutter verlassen, um schneller zu entfliehen. Es ist wahr, die Cholera brach so plötzlich aus, mit einer solchen Wuth, daß die Muthigsten ihre Kaltblütigkeit verloren. Nach Verlauf von zwei Tagen hatten zwei Drittel der Juden die Stadt verlassen, flohen wohin der Zufall sie führte und blieben im ersten besten Dorfe. Die Christen machten es ebenso und ein großer Theil der Muselmänner, trotz ihres bekannten Fatalismus, konnten sich der allgemeinen Panik nicht entziehen und suchten ihr Heil in der Flucht. Die Stadt bietet einen Anblick trostloser Verlassenheit. Die Straßen sind öde, man fürchtet, sich allein dorthin zu begeben am hellen Tage. Der einzige Anblick, der sich dem Auge bietet, ist der ununterbrochene Zug von Leichen, welche bezahlte Träger zum Kirchhof bringen; man hört weder Geschrei, noch Weinen; der Tod, der mit verdoppelten Schlägen trifft, hat die Quelle der Thränen versiegen lassen, zuletzt verliert sich jedes Gefühl. Obgleich zwei Drittel der Bewohner die Flucht ergriffen haben, verstürben doch zwei Wochen hindurch täglich 200 bis 300; glücklicherweise beginnt die Epidemie abzunehmen. Ich komme auf unsere unglücklichen Glaubensgenossen zurück. Sie habe» verhältnißmäßig mehr gelitten als die übrige Bevölkerung. Der Tod hat sie überall hin verfolgt und wahre Hekatomben hergerichtet. Es giebt keine Familie, die nicht wegen eines oder mehrerer der Ihrigen Trauer trägt. Alle sind grausam heimgesucht worden, die Reichen wie die Armen, und was am schrecklichsten ist, die Todten blieben mehrere Tage ohne Beerdigung auf den Feldern liegen, weil es an Armen fehlte, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Heute campiren mehr als 20,000 Juden einige Stunden von der Stadt in voller Wüste. Sie werden von einer höllischen Sonnengluth verbrannt, es fehlt ihnen an Lebensmitteln und Sicherheit; Diebe sind ihnen überall auf den Fersen, man hat junge Mädchen und Knaben gestohlen, Frauen mißhandelt. Kurz, niemals hat ein solches Unglück diese Bevölkerung befallen, die schon genug zu leiden hatte. I) Siehe oben die Corresp. aus Bagdad. In der Stadt starben die Kranken aus Mangel an Pflege und zahlreiche Familien verblieben Tage lang ohne Nahrung. Die Armen, welche nicht wußten, an wen sie sich wenden sollten, starben buchstäblich vor Hunger. Das Telegramm, das mir die großmüthige Hilfe des Herrn Baron von Hirsch anzeigte, brachte großen Trost. Die Vertheilungen gehen langsam vor sich, da es an Vertrauenspersonen fehlt, denen man diesen Auftrag geben könnte. Ich habe nichtsdestoweniger vier Personen mit gutem Willen gefunden, welche ich beauftragt habe, die Vertheilungen unter meiner Controle vorzunehmen. Wir haben mit den heimgesuchtesten Familien begonnen. Es giebt deren ungefähr hundert. Diese unglücklichen Familien hatten nicht einmal Etwas, wovon sie für ihre Kranken Bouillon kochen sollten. Wir beschäftigen uns mit ihnen ganz besonders. Was die Armen betrifft« so ist die ganze Stadt von ihnen voll, man sieht überall nur verhungerte Unglückliche, welche die Hand ausstrecken. Auch an sie haben wir Geld vertheilt. Hinsichtlich der Umgegend von Bagdad, so ist es unmöglich, augenblicklich Hilfe dorthin gelangen zu lassen und es scheint, daß dort tiefes Elend herrscht. Ich habe indessen 1000 Francs nach Bassorah gesandt, wo die jüdische Bevölkerung sehr heimgesucht worden, und 500 Francs nach Muazzam, eine Stunde von Bagdad, wo eine große Anzahl jüdischer Familien in vollständigstem Elend leben. Was wäre aus ihnen geworden ohne die Hilfe des großmüthigen Gebers? Es ist unmöglich zu sagen, wie viele Menschen ihm das Leben verdanken, wie viele Kranke ihre Genesung. Die Lage ist jetzt schrecklicher als zur Zeit der Hungersnoth, denn die Bevölkerung ist doppelt geschlagen durch die Krankheit wie durch das Elend, die schreckliche Folge der Epidemie, welche die Geschäfte stocken machte und die wohlhabende Classe vertrieb, die für das Nothwendigste zu Hilfe hätte kommen können. Ich muß sagen, daß viele der Leute in der Stadt, deren Amt und Pflicht sie in der Stadt hätte zurückhalten müssen, um die Unglücklichen zu trösten und ihnen zu helfen, der Panik nachgegeben haben und fortgegangen sind, anstatt mit ihrer Person einzustehen und der demoralisirten Bevölkerung durch ihre Gegenwart Muth zu geben. Trotz einer ernsten Krankheit meiner Frau und eines meiner Kinder, habe ich mich bemüht, den Schwierigkeiten entgegenzutreten und meine Gegenwart und meine Ermuthigung waren für die armen Leute, die in der Stadt geblieben, ein wahrer Trost. In ihrer Naivetät wunderten sich einige, daß ich, obgleich ich fortgehen konnte, einwilligte, mitten unter ihnen zu bleiben und der Gefahr der Ansteckung zu trotzen. Ich mußte ihnen erklären, daß wenn das Vertrauen des Centralcomitss uns auf einen Posten ruft, wir es für eine Pflicht und eine