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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-24 · Heft 43 (24.10.1889) · p. Seite 679

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 43 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
Seite 679 (sequence 11)
Language
German
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679 Bonn, 20. Oktober. (Notizen.) Wie wir schon früher einmal berichteten, zeichnen sich auch in Neu-Seeland (Australien) Juden durch ihre Befähigung und ihre Leistungen für die bürgerlichen Interessen aus. So wurde jüngst Herr Myers einstimmig damals zum Bürgermeister der Stadt North Dunety erwählt, deren Stadtrath bereits drei Juden zählt. Zu gleichem Amte wurde in Christchurch ein Herr L. Luison, Israelit, ernannt. — Am Sonntag Vormittag begingen die Herren Stadtverordneten Louis Liebermann und Kommerzienrath Jakob Israel ihr 25jähriges Jubiläum als Vorsteher der Varuch Auerbach'-schen Waisen-Erziehungsanstalten in Berlin. Der Direktor vr. Strelitz begrüßte beide Herren Namens des Vorstandes und überreichte die von demselben gewidmeten, künstlerisch ausgestatteten Adressen; daran reihten sich Gesänge und Vorträge der Zöglinge und die Glückwünsche des aus ehemaligen Zöglingen der Anstalten bestehende Auerbach-Vereins, dargebracht vom Rechtsanwalt vr Oberncck. In bewegten Worten statteten beide Jnbilare ihren Dank ab. — Am 12. November wird der „Israelitische Wohlthätigkeits-Verein" (tcn n$>'D;'r) in Cöln seinen 70jährigen Bestand festlich begehen. Zu Ehren dieses Tages ist die Gründung einer Stiftung zur Ausstattung armer Bräute im Gange; ferner wird eine Festschrift des Rabb. vr Frank die Geschichte des 'Vereines darstellen, und am Tage selbst ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt, sowie am Abend ein Festmahl mit Ball stattfinden. — Man schreibt aus Wertheim, 23. Sept. Gestern früh starb hier im hohen Alter von 80 Jahren der pensionirte Lehrer L. Faller. Gebürtig aus Grombach, Amt Sinshein, kam er im Jahre 1842 hieher zur Versetzung der israelitischen Religionsschule, der er volle 43 Jahre, bis zu seiner vor vier Jahren erfolgten Zuruhesetzung Vorstand, nachdem er bereits fünfzehn Jahre andere Stellen bekleidet hatte. Im ganzen war er 58 Jahre lang im Schuldienste thälig. Weit und breit wurde der Verstorbene wegen seines heiteren, humorvollen Wesens gekannt und geachtet. Vor einem Jahre wurde er vom Schlage gerührt und seitdem kränkelte er und nur der treuen Pflege seiner Familie gelang es, sein Leben zu fristen. Ein zweiter Anfall, den er vor wenigen Tagen erlitt, führte zur allmähligen Auslösung. Eine zahlreiche, in den geachtetsten Verhältnissen lebende Nachkommenschaft sowie vieleFreunde beweinen den Hingang des wackernMannes. — JnWien verschied derrühmlichst bekannte Jrrenarzt Prof. vr. Leidesdors. Die „N. Fr. Pr." schreibt über ihn: Leidesdorf war ein geborener Wiener, hatte aber nach Absolvirung der Wiener medizinischen Schule mehrere Universitäten Deutschlands, Englands und Frankreichs besucht, um sich in dem von ihm gewählten Fache — der Psychiatrie — bei den hervorragendsten Lehrern auszubilden. Schon z als junger Arzt wurde er zur selbständigen Leitung einer Jrrenheilanstalt nach Petersburg berufen, von wo er aber nach Wien zurückkehrte, um sich 1856 als Privatdocent der Psychiatrie an der hiesigen Universität zu habilitiren. Hier war sein Streben zunächst auf die Errichtung einer psychiatrischen Klinik gerichtet, wobei er aber lange mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Er erwarb deshalb im Jahre 1860 die ehemalige Görgens'sche Privat-Jrrenheilanstalt in Oberdöbling, wo er ein reichhaltiges Beobachtungs- und Krankenmaterial für seine Vorlesungen fand. Im Jahre 1866 wurde Leidesdorf znm außerordentlichen Professor, im Jahre 1872 zum Vorstande der psychiatrischen Abtheilung des allgemeinen Wiener Krankenhauses und im Jahre 1875 zum Vorstand der niederösterreichischen Landes-Jrrenanstalt ernannt. Als Jrrenarzt genoß er in der ganzen gebildeten Welt einen unbestrittenen Ruf, und sein Gutachten wurde in den wichtigsten psychiatrischen Fällen eingeholt. So wurde er nach Absetzung des Sultans Murad im Jahre 1876 nach Konstantinopel berufen, um den Geisteszustand desselben zu untersuchen und sein Votum über die Notwendigkeit der Entfernung des Sultans vom Throne abzugeben. Ebenso ist sein Gutachten über die Geistesstörung des Königs Ludwigs II. von Bayern eingeholt worden. In die Döblinger Heilanstalt Leidesdorf's sind Kranke aus allen Ländern und aus den höchsten Ständen gebracht worden, und zu den glänzendsten Heilerfolgen Leidesdorfs gehörte es wohl, daß Herzogin Thyra von Cumberland, deren trauriger Seelenzusland ihre Unterbringung in der Döblinger Anstalt unvermeidlich gemacht hatte, dieselbe nach kurzer Zeit vollkommen hergestellt wieder verlassen konnte. Im vorigen Studienjahre ist Professor Leidesdorf in Folge jener gesetzlichen Bestimmung, welche dem Professor nach Erreichung der 70. Lebensjahre die Einstellung seiner Lehrthatigkeit vorschreibt, von der Lehrkanzel zurückgetreten, und von den Studenten, sowie von seinen Kollegen und ehemaligen Schülern sind ihm bei dieser Gelegenheit die ehrenvollsten Beweise der Anerkennung seiner Verdienste zu Theil geworden. — Aus Pest wird uns geschrieben: Hr. Michael Marczali alias Morgenstern, seit 37 Jahren Rabbiner in Marczali, ist Jom Kippur, den 5. d. M., nach langem Leiden verschieden. Sein Sohn ist der Historiker vr. Heinrich Marczali. — In Prag ist vr. Tauber zum Oberrabbinatsverweser bis zur Wiederbesetzung des Oberrabbinats gewählt worden. — Bei dem Wettbewerb zu einer neu zu erbauenden Synagoge in Glogau haben die Architekten Cremer u. Wolffenstein, welche auch mit der Bauausführung einer großen Synagoge für Berlin betraut sind, den ersten Preis davongetragen. 43*

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