Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1889)
- Date
- 1889-10-24
- Page
- Seite 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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672 an. Die Gewählten nehmen das Ehrenamt gern an, legen sogar ein Gewicht darauf, aber hiermit begnügen sie sich und lassen die Dinge so gehen, wie sie es bis jetzt gethan. Ich brauche wohl hierfür kaum einen Beweis zu führen. Ein Beispiel für viele. Was ist nicht jüngst über die Anlegung von Jugend-, Schul- oder Gemeindebibliotheken gesprochen und geschrieben worden. Rabbiner, Lehrerconferenzen, Schriftsteller haben sich über die Nothwendigkeit derselben hören lassen, und Verzeichnisse von Büchern, die hierzu tauglich wären, veröffentlicht. Aber von wie vielen Orten haben wir nun vernommen, daß dieses für so überaus ersprießlich erachtete Werk in Angriff genommen und gefördert worden? Ich habe mich vergebens danach umgesehen. — Dies führt mich zu der Lage der jüdischen Literatur überhaupt. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß es ein Jrrthum junger Rabbiner und Lehrer ist, wenn sie glauben, durch literarische Leistungen und Verdienste in ihrer Carridre gefördert zu werden. Das große Publikum nimmt davon keine Notiz, noch dazu, wenn diese Schriften zum Kreise der Gelehrsamkeit gehören; die Gemeindevorstände aber sind solcher Production in der Regel abgeneigt. Sie glauben, daß ihre Beamten durch literarischen Ruf eine unabhängigere Stellung erlangen und eine Autorität gewinnen, die ihnen mißfällig ist. Wollen sie doch ihr Regiment unbedingt führen und dem Einfluß ihrer Rabbiner und Lehrer auf die Gemeinde stehen sie mißtrauisch gegenüber. Erwägt man hierbei, mit welchen Schwierigkeiten jeder Autor, der seine Feder der jüdischen Literatur widmet, zu kämpfen hat, welche Mühe es ihm kostet, einen Verleger zu finden, wie oft er aus eigenen Mitteln zuschießen muß, um die Drucklegung seiner Arbeit zu ermöglichen: so wird man sich nicht mehr wundern, wenn aus der ganzen Reihe der Rabbiner und jüdischen Lehrer so wenige auftauchen, welche unserer Literatur namhafte Beiträge liefern. Gewiß ist es nicht der Mangel an Talenten und Studien, der diese Dürre verursacht, vielmehr das Fehlen jeder Aufmunterung und Unterstützung. Auf diese Weise wird auf der einen Seite kein Bedürfniß für literarische Erzeugnisse auf unserem Gebiete geweckt, von der anderen keines befriedigt. Wie dem abzuhelfen, wie unsere geistigen Verhältnisse eine Aenderung erfahren könnten, ist eine Frage, die ich zu lösen nicht vermag. Klar ist es aber, daß, wenn unsere Gemeinden stille stehen, während die Zeit rasch vorwärts eilt, dem Bestände und Einflüsse unserer Religion, namentlich auf die kommenden Geschlechter, großer Schaden zugefügt wird. Die Zahl der Orthodoxen nimmt von Geschlecht zu Geschlecht ab, aber die Zahl der reformistisch Gesinnten mindert sich ebenfalls. Die Individuen entfernen sich immer mehr von der Beobachtung aller religiösen Satzungen, der biblischen wie der rabbinischen. Aber die wenigsten denken daran, auf das Judenthum in seiner Erscheinung und in seinem Geiste belebend einzuwirken. Ich will nur ein Moment hervorheben. Man ist einig darüber, daß die Grundbestandtheile unseres Gottesdienstes in hebräischer Sprache verbleiben sollen. Allein die Kenntniß des Hebräischen nimmt extensiv und intensiv immer mehr ab, und so steht der größte Theil der Jugend und fast das ganze weibliche Geschlecht dem Gottesdienste ohne Berständniß und Theilnahme gegenüber. Seit einem halben Jahrhundert spricht man deshalb viel davon, auch der Landessprache einen Raum in unserem Gottesdienste zu gewähren - und gewissermaßen beide Sprachen organisch zu verbinden. Hat man doch aus alter Zeit Beispiele hierfür hinsichtlich der aramäischen Sprache und sogar einmal der griechischen. Aber außer der Predigt und etwa einiger wenigen Lieder ist nichts Derartiges geschehen, und unser Cultus bleibt auf der Stufe stehen, die er einmal eingenommen. Die Folgen bleiben nicht aus. Man erkennt diese vollständig, aber entschließt sich zu keinem Fortschritt. Bonn, im Oktober. Die jüdischen höheren Schulen. Es ist eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß, trotz des außergewöhnlichen Bildungstriebes, der die Juden seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts beseelt und sich in der verhältnißmäßig allzu starken Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend bethätigt, und trotz der parallelen Opferwilligkeit derselben, die Zahl der jüdischen höheren Schulen in Deutschland nur eine sehr geringe ist. Wir sprechen hier nicht von den Lehrer- und Rabbinerseminarien, auch nicht von Gymnasien, deren es kein jüdisches giebt, sondern von den Schulen, die man jetzt Realschulen nennt. Wir haben deren nur vier. Die beiden ersten, die Jacobson- Schule zu Seesen und die Samson-Schule zu Wolffenbüttel sind Stiftungen von Männern, die für die Hebung ihrer Glaubensgenossen durch Schulbildung begeistert waren. Die erstere hatte von Anfang dieses Ziel vor Augen und wurde in diesem Geiste von Israel Jacobson gegründet. Die zweite entwickelte sich aus einem Beth-Hamidrasch. Die dritte, das Philanthropin zu Frankfurt a. M. war die, welche aus dem Schoße der Gemeinde selbst erstand. Alle drei stammen aus dem Anfang unseres Jahrhunderts. Hierzu gesellte sich eine vierte, die vor einigen Jahrzehnten von der separirten Religionsgenossenschaft (R. S. Hirsch) ebenfalls zu Frankfurt a. M. geschaffen wurde. Dahingegen verschwanden zwei derartige Schulen, welche früher von bedeutender Wirksamkeit waren, die Wilhelmsschule zu Breslau und die Franzschule zu Dessau. Die erstere wurde aufgegeben, die zweite ward, da die dortige jüdische Gemeinde sich durch Wegzug sehr ver-