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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-24 · Heft 43 (24.10.1889) · p. Seite 671

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 43 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
Seite 671 (sequence 3)
Language
German
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671 will sich aus dem politischen Leben zurückziehen. Rechnet man hierzu, daß, wie wir in voriger Nr. berichteten, die Wiener Antisemiten sich in vier Parteien gespalten haben und daß im Gegensatz (s. weiter unten) die liberale Bürgerschaft sich aus ihrer Apathie aufgerafft hat und einem neuen kräftigen Leben entgegen zu gehen scheint — so kann man wohl die Auflösung der antisemitischen Partei in Wien voraussehen. — Aus Berlin besagt ein Telegramm vom 12. Oktober: In der gestrigen Versammlung der christlich-sozialen Partei gab Stöcker Namens des Vorstandes die Erklärung ab, daß er und die Partei unter dem Zwange der heutigen innerlichen politischen Lage die öffentliche Thätigkeit einstellen." Es bedeutet dies nichts Anderes als die Auflösung der christlich-sozialen Partei. Das Hauptmoment in dem Leben derselben bildete aber nur der Antisemitismus. Sie hatte sich mit diesem gänzlich identifizirt. Man könnte einen Preis darauf aussetzen, welchen sozialpolitischen Gedanken Stöcker und seine Christlich-Sozialen hervorgebracht haben. Ihr einziges derartiges Thema war die „Sonntagsruhe", und hierzu bedurfte man ihrer gewiß nicht. Verliert also das öffentliche Leben bei der Auflösung dieser Partei garnichts, nicht einmal die kleinste Nuancirung, so dient auch Herrn Stöcker und seinem 'Vorstande die „innere politische Zwangslage" nur zum Vorwände. Ihre Weisheit war zu Ende und die Menge verlor sich; deshalb rasch zu einem momentanen Anstoß gegriffen, um das völlige Scheitern der Partei zu verdecken. Dabei giebt Stöcker zugleich zu erkennen, daß die orthodoxreaktionäre Partei überhaupt in den Hintergrund geschoben worden. Möge sie darin verbleiben, so lange sie noch existirt! — So siegen denn abermals Wahrheit und Recht über Lug und niedrige Leidenschaft. Die Ereignisse in ihrem Verlaufe haben uns abermals gelehrt, daß es nur der Ausdauer und Beharrlichkeit bedarf, um alle die Angriffe des Hasses und des Unrechts erfolglos abprallen zu sehen. Wir, die Juden, werden wieder zur Ruhe kommen und unsere Hasser verschwinden sehen und hoffen können, daß mit der Zeit die allgemeine antisemitische Stimmung und Gesinnung sich wieder verlieren oder doch wenigstens abschwächen werde. Vergessen wir nur nicht das Nöthige hierfür zu thun und uns durch treue Pflichterfüllung, Rechtlichkeit und Bescheidenheit der allgemeinen Achtung würdig zu machen! Die Kreuzzeitung veröffentlicht den Wortlaut der Erklärung, mit welcher Stöcker in seinem und des Vorstandes Namen die Auslösung der Christlich-Sozialen insofern verkündete, als alle Versammlungen derselben aufhören. Jndeß sind es nur bedeutungslose Phrasen, mit welchen er das Scheitern dieser „Partei" bemäntelt, und nicht so interessant, daß wir die Erklärung hier wiedergeben sollten. Stöcker hat von der „Berliner Bewegung", die er sonst so hoch zu rühmen wußte und als deren Urheber und Träger er sich ansieht, ein Moment nach dem anderen fallen sehen. Die politische Agitation ist ihm genommen worden, der Antisemitismus ist ihm aus den Händen gefallen, und das Ende der Christlich-Sozialen mußte er selbst verkünden. Daß er alles dies nicht auf die Halt- und Gehaltlosigkeit der ganzen Wühlerei schiebt, sondern auf die Uneinigkeit der Konservativen, versteht sich. Nun, er wird sich trösten mit seinem Einfluß innerhalb der Kirche und mit der „inneren Mission". Vorläufig bemerkt er auch, daß er und seine Anhänger sich an den nächsten Reichstagswahlen nicht betheiligen werden. Einen Verlust für diese können wir hierin nicht erkennen. Daß Herr von Hammerstein, der bisherige Chefredakteur der Kreuzzeitung und Mitglied des Reichstages, der entschiedenste Antisemit, aus der Redaktion dieses Blattes geschieden ist und ein Reichstagsmandat nicht wieder übernehmen will, verzeichnen wir jedoch nur als ein Symptom. Aus der Provinz Posen, im October. Einige Bemerkungen. Die hohen Festtage sind vorüber. Wie alljährlich machen sich in den Gemeinden an jenen die Mängel und Lücken, die in den Anstalten und Einrichtungen der Gemeinde vorhanden sind, fühlbar, die Gemüther werden dadurch geweckt und man ist entschlossen, alsbald an die Besserung derselben Hand anzulegen. Jndeß währt diese Gesinnung nicht lange und macht bald wieder völliger Apathie Platz. Dies ist so ungefähr jedes Jahr der Fall. Gestatten Sie mir deshalb, hier etliche Bemerkungen, für deren Richtigkeit nicht Sie, sondern ich allein die Verantwortlichkeit übernehme. Ich spreche jedoch nur von der Mehrzahl der Gemeinden, d. h. den mittleren und kleineren, die größeren lasse ich außer Acht, da ich mit den Zuständen derselben nicht bekannt bin. Welches ist wohl die Hauptursache dieses Stillstandes der Gemeinden, in welchem sie sich eher rückwärts als vorwärts begeben, während doch unsere, für alle Interessen lebhaft agitirende Zeit eine Umgestaltung des veralteten Mißbräuchlichen, überhaupt ein rascher pulsirendes Leben verlangt? Ich finde dieselbe besonders in dem Umstande, daß die Gemeinden bei der Wahl ihrer Vorstände zumeist mehr auf den finanziellen Besitz, als auf die Intelligenz sehen und ihre Verwaltung den Begüterten anvertrauen, ohne auf deren Intelligenz und ihren Eifer für die Angelegenheiten der Gemeinde zu achten. Bei der Selbstschätzung, die dem Juden einwohnt, verhält er sich gegen die Intelligenz sehr kühl und sieht sie als zudringlich und vorlaut 4L*

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