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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-24 · Heft 43 (24.10.1889) · p. Seite 670

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 43 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
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670 legung erfaßt, wie das mathematische Unendliche, das metaphysische Unendliche. Es spielt keine Rolle in unserem thätigen Leben. Das göttliche, das ist das lebendige Unendliche, das Unendliche, das der Natur und allen Bewegungen der menschlichen Seele einwohnt, das gefühlte, geliebte, gelebte Unendliche, das stets in unserer Mitte gegenwärtig ist. Diese Gegenwart des in der Natur bemerkten oder in der menschlichen Seele gefühlten Unendlichen, oder einfach das religiöse Gefühl, das Phänomen der Religion, das ist das ausschließliche Prärogativ des Menschen, ein Vorrecht, das den Menschen durchaus vom Thiere trennt. Der Organismus des Menschen hat sich nicht über den thierischen Organismus bilden können, aber die Menschheit ist keine Abart der Thierwelt. Das Thier ist nicht der Vorfahr, nicht die Mutter der Menschheit. Diejenigen, die diesen Lehrsatz aufgestellt, sind durchaus auf falschem Wege. Sie haben einen viel geglaubten, aber sehr verderblichen, sehr übelwirkenden Jrrthum verbreitet, gegen welchen man mit nicht genug Energie kämpfen sollte. Der englische Geist, der uns schon den Sensualismus mit Locke, den Scepticismus mit Hume gegeben hat, machte uns ein noch verderblicheres Geschenk mit der Lehre der Transformation von Darwin und Herbert Spencer. Aber wenn die Erscheinung der Religion, die religiöse Intuition das unterscheidende und gemeinsame Attribut der Menschheit ist, so bleibt sie sich nicht immer gleich, sie ist nicht immer dieselbe in der ganzen Menschheit und die verschiedenen Formen, die sie anzunehmen geeignet ist, sind nicht unveränderlich. Mit anderen Worten, die religiöse Intuition bekundet sich in verschiedenen Sphären, und in jeder dieser Sphären durchläuft sie eine mehr oder weniger lange Reihe von Veränderungen. Ich will ganz kurz sagen, daß die Religion verschieden ist und daß sie fortschreitet, obgleich sie immer und überall der Intuition des Göttlichen folgt. Beim ersten Blick erscheint die Verschiedenheit der Religion unendlich. Sie ist es in der That, wenn man in die Details eingeht. In Wirklichkeit giebt es nur vier Hauptreligionen und vier Hauptformen der religiösen Intuition: den Naturalismus, den mythologischen Polytheismus, den Pantheismus und den Monotheismus. Man gebrauchte einen Band, wenigstens eine lange Abhandlung, um mit einiger Präcision alle diese Etappen, alle diese Wegzeichen des Ganges der Menschheit durch die Geschichte der Religion zu bezeichnen. Ich werde mich darauf beschränken zu sagen, daß jede von ihnen eine große Anzahl von Abtheilungen und Unterabtheilungen zeigt und sich unaufhörlich umgestaltet und entwickelt. Schon in der Geschichte des jüdischen Monotheismus, des christlichen Monotheismus und des muselmännischen Monotheismus finden wir davon berühmte Beispiele". Wir werden nicht unterlassen, zu diesen Aeußerungen des berühmten Pariser Gelehrten, der die Standarte des Judenthums stets so hoch gehalten, einige erläuternde Bemerkungen zu machen. Bonn, 20. Oktober. Drr Niedergang des Äntisemitismus als Partei. Unter dieser Ueberschrift haben wir schon vor Jahren das Zerbröckeln und Verschwinden der antisemitischen Parte als solcher verkündet. Vielfach begegneten wir damals Kopfschütteln und Achselzucken. Aber es bewahrheitet sich immer mehr. Als Wendepunkte betrachteten wir das entschiedene Auftreten der Regierungen gegen die antisemitischen Pöbelaufläufe und das Walten des Strafrichters über die daran Betheiligten, so wie daß es der Partei nicht gelang, Einfluß auf die parlamentarischen Wahlen zu üben. War sie im deutschen Reiche doch nur im Stande, einen Stöcker und Böckel in den Reichstag zu bringen, in Wien und Ungarn einige mehr, die sich jedoch sämmtlich nicht durch ihre politische Weisheit, sondern nur durch ihre Turbulenz und langen Reden, welche den Geschäftsgang der gesetzgeberischen Versammlung aufhielten, auszeichneten. Die Faktoren der antisemitischen Parteibewegung waren bei den Führern das Streberthum, namentlich die Staffeln der parlamentarischen Leiter zu ersteigen, bei der Masse zum größten Theil der Conkurrenzneid, zu einem weiteren Theile der sich überhebende Nationalismus und zum kleineren Theile der religiöse Fanatismus. Als aber nur wenigen der Führer ihre Hoffnungen erfüllt wurden, ihre der Menge gegebenen Versprechungen sich als Täuschungen erwiesen, die Schlagwörter ihre Kraft verloren, das Herumdrehen in immer demselben engen Kreise langweilig ward und zuletzt das Volk die Behauptungen der Antisemiten durch Thatsachen nicht unterstützt sah, endlich nicht wenige jener Agitatoren sich als sittlich sehr verdächtige Subjekte erwiesen, die in nicht unbedeutender Zahl dem Strafrichter anheimfielen — da begann sich die Menge zu verlieren und die Führer sanken in den Schatten zurück, aus welchem sie auf einige Zeit hervorgetreten waren. Das so Begonnene vollendet sich allmülig. — Heute liegen zwei Thatsachen vor, welche unsre obigen Sätze nachdrücklich unterstützen. In Wien hat Prinz Alois Liechtenstein, welcher sich auf dem Wiener Katholikentage als ein heftiger Antisemit bekundet, und wahrscheinlich die Vermittelung zwifchen der feudal-ultramontanen Partei und den Antisemiten geleitet hatte, nachdem er als Obmann der ersteren Partei zurückgetreten, jetzt auch sein Reichsrathsmandat niedergelegt. Motiv ist, daß er seinen Einfluß auf die Gestaltung der politischen und sozialen Verhältnisse in Oesterreich schwinden sah. Er

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