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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-24 · Heft 43 (24.10.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 43 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philipp son in Donn. Expedition: Leipzig, Kofpitatstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) stnd gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 24. October 1889. Nr. 43. Inhalt, Leitende Artikel: Die Religion. — Der Niedergang des Antisemitismus als Partei. — Einige Bemerkungen. - Die jüdischen höheren Schulen. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Vom Rhein, Siraßburg. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. Italien: Rom. — Rußland: Petersburg. — Türkei: Bagdad.— Großbritannien: London. — Südamerika: Bonn. — Marokko: Tanger, Tetuan. — B onn: Notizen. — Feuilleton: Schreiben des Herrn Schuldirectors Somekh in Bagdad. — Das neue Israel. Krankenhaus in Pest. — Uebersetzungen hebräischer Gedichte. — Nachtrag: Berlin, Köln, Vom Main. — Bemerkung_ Sicikc'ivbe Paris, 13. October. Die Religion. Herr Ad. Frank, emer. Professor und Mitglied des „Instituts von Frankreich" führte den Vorsitz in der Sectivn des ethnographischen Congresses für vergleichende Religionswissenschaft und eröffnete deren Sitzungen mit einer Rede über die Religion überhaupt. Wenn ein Greis, der über 80 Jahre zählt, mehr als ein halbes Jahrhundert an einer der höchsten Lehranstalten Rechtslehre und Philosophie dozirt und so viele Wellenschläge des öffentlichen und des wissenschaftlichen Geistes überschifft hat, das Wort ergreift, um seine innerste Ueberzeugung offen auszusprechen, so verdient er gewiß, aufmerksamen Hörern zu begegnen. Wir übertragen deshalb die Hauptstellen seiner Rede, wie die Arcb. isr. sie mittheilen. „Die Religion ist die erste, die älteste der vier großen Formen, in welche der menschliche Gedanke sich gekleidet. Sie geht der Poesie voraus oder beherrscht sie, wenn sie sich mit ihr vermischt. Sie geht der Philosophie voraus und beherrscht sie während langer Zeit. Schließlich geht sie auch der Wissenschaft voraus, da der Wissenschaft selbst die Philosophie vorausgeht, mit der sie lange Zeit vermischt bleibt. Religion, Poesie, Philosophie, Wissenschaft, diese sind in der That die vier nothwendigen und unsterblichen großen Formen, in denen der menschliche Geist seine Thätigkeit ausübt. Sie entstehen nicht auf ein Mal, aber ein Mal da, bleiben, sie bestehen, sterben nicht, aus ihnen setzt sich das Geistesleben zusammen und sie vereinigen sich im Werke der Civilisation. Es ist ein schwerer Jrrthum, mit den Positivisten zu sagen, daß die Wissenschaft sich an die Stelle der Philosophie und Theologie setzt. Sie kommt nach ihnen, niemals hat sie diese ersetzt und wird sie nie ersetzen. Aber nur von der Religion will ich zu Ihnen sprechen und mich beschränken, sie unter den allgemeinen Gesichtspunkten zu betrachten, Ihrer Gelehrsamkeit die Sorge überlassend, die sich daran schließenden besonderen Fragen zu lösen. Die Religion ist nicht nur eine Form des Gedankens, sie ist auch eine Fähigkeit des menschlichen Geistes, die sich mit keiner anderen vermischen kann, die erste, noch einmal gesagt, die ans Licht dringt. Sie hängt nicht vom Verstände ab, wie die Philosophie und die Wissenschaft; sie ist kein Werk der Einbildung, folglich ein selbständiges Werk, wie die Poesie. Sie ist ganz Intuition und Gefühl. Sie ist Erkenntniß und Gefühl, manchmal die Kundthuung des Göttlichen. Man nennt sie in den bedeutendsten religiösen Momenten eine Vision, eine Offenbarung, eine Inspiration von oben. Was sie glaubt, bevor sie daraus eine erbliche und geregelte Tradition macht, fühlt sie; sie sieht mit den Augen des Geistes, sie fühlt es mit der ganzen Kraft der Seele. Das ist es, was die Philosophie mit dem Namen Intuition benennt. Ich sage, daß der Gegenstand dieser Intuition das Göttliche ist und nicht nur das Unendliche. Das Unendliche ist nur eine abstrakte Idee, von dem Verstände, von der Ucber- 43

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