Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 663 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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663 auf den Besitz ihres alten Friedhofes in der Vorstadt St. Gilles zurückgewiesen hatte (s. Leitartikel in Nr. 30). Die Gemeinde hatte, mit Einwilligung des Central-Consistoriuws, beschlossen, an die zweite Instanz Berufung einzulegen. Dazu bedurfte sie aber noch der Zustimmung der ihr Vorgesetzten Aufsichtsbehörde, des Gemeinderathes der Stadt Brüssel. Heute ist ihr diese Autorisation ertheilt worden, und zwar mit allen gegen eine Stimme. Gerade weil die Stadt in dieser Angelegenheit Gegnerin der israelitischen Gemeinde ist, hielt es die städtische Vertretung für anständig und gerecht, der Weiterbeschreitung des Rechtsweges kein Hinderniß entgegenzustellen. Rußland. Petersburg, 3. Oct. Am 26. September waren es 100 Jahre, daß die Stadt Odessa besteht, und es fanden deßhalb dort Festlichkeiten statt. Der Erzbischof von Chersson und Odessa, Nikanor, hielt bei der Feierlichkeit in der Duma eine Rede, welche bei den Nationalrussen große Entrüstung erregt hat. Der Erzbischof erklärte „zu seinem Leidwesen", daß die Russen „nur in politischer, nicht aber auch in bürgerlich-kultureller Beziehung das Haupt im Neurussischen Gebiete bilden". Diesen Ausspruch erläuterte er durch Beispiele. In den Dörfern z. B. würden die Juden und die Deutschen reich, während unter den Russen Wohlstand zu den Ausnahmen gehöre. Die Ursache der materiellen Erfolge der Deutschen und der Juden erblickt Erzbischof Nikanor in den nationalen Eigenschaften, „in der Arbeit und im Verstände" der Fremden. Weiterhin verglich er das Verhalten der Russen und der Fremden zur Schule; er findet, daß letztere sich große Mühe mit der Erziehung ihrer Kinder geben. „Nur die Russen finden es nicht nur nicht unehrenhaft, sondern sogar vortheilhast, ihre Kinder nichts lernen zu lassen." Was den Besuch der Gotteshäuser in den Dörfern anbelangt, so stellte Nikanor den Russen ganz besonders die Juden als Beispiel auf: „Jeder Jude", sagte er, „geht am Sonnabend in die Synagoge und hält dort sein Gebet. Aber wohin gehen die Russen? Auch ohne irgend welchen Zweck lungern sie alle auf den Märkten und Straßen herum und füllen die Kneipen." In diesem Tone ging es weiter. Ueber die Trunksucht äußerte der Erzbischof: „Während man niemals einen betrunkenen Juden oder Deutschen (?) zu sehen bekommt, trinken die Russen in den Dörfern und Städten so viel, bis sie auf dem Fasse sterben oder dieses leer ist. Die Kneipen und Restaurationen in den Dörfern werden nur von den Russen und nicht von den Juden und Deutschen frequentirt." Dann wies der Erzbischof darauf hin, daß in der russischen Gesellschaft nicht diejenige Solidarität vorhanden, welche bei den Deutschen und den Juden zu finden sei. Statt die russische Fahne, den russischen Namen hochzuhalten, sei es so, als verheimlichten die Russen in Odessa ihren Namen und ihre Herkunft, als schämten sie sich derselben. In Kriegszeiten, in Augenblicken außerordentlicher geistiger Erhebung seien die Russen stark, dann aber versinken sie wieder in den Schmutz der Apathie, der Liederlichkeit, des Wankelmuths, was zur Folge habe, daß sie bei sich zu Hause niedriger als die übrigen Nationalitäten stehen. AuS Kaukasien, im September. Von den Bergjuden in den kaukasischen Bergen giebt C. Hahn in der „Allgem. Ztg." einen interessanten Bericht, dem folgende Angaben entnommen sind: Wenn wir vom äußeren Aussehen der Bergjuden sprechen wollen, so müssen wir bemerken, daß der semitiche Typus durch Vermischung mit den einheimischen Völkern des Kaukasus sich wesentlich verändert hat. Der Bergjude hat dunkle Haut, mittelgroßen oder großen Wuchs, ist schlank und breitschulterig, hat tiefliegende, schwarze, lebhafte Augen, oftmals mit' gelblichem Anfluge des Weißen, schwarze Augenbrauen und schwarzen Bart, große Adlernase und hervorstehende Backenknochen; so gleicht der Bergjude dem Lesghier, Tschetschenzen oder Tscherkessen, auch dem Armenier viel mehr als dem europäischen Juden. Die Weiber sind schöner als die Männer, von mittlerem Wuchs, haben ein rundes, ovales, weißes Gesicht, oftmals sehr blaß, große schwarze Augen mit langen Wimpern, langes schwarzes Haar, bei Vielen bis zu den Knieen reichend, dünne bleiche Lippen, grade, spitzige Nasen, längliches Kinn, hohe Brüste, schmale Schultern, schlanke Taille. Die Blässe des Angesichts hängt, wie bei allen Frauen im Orient, zusammen mit ihrer sclavenartigen, eingeschlossenen Lebensart. Großen Einfluß auf den Character und die Beschäftigung des Bergjuden hat die ihn umgebende Natur. Da sehen wir ihn, bewaffnet von Kopf bis zu Fuß, auf schmuckem Roß an uns vorbeireiten; dort klettert er in zerrissenen alten Kleidern den Felspfad hinan, um Stumpen zu hauen, oder Wurzeln der Bäume und Sträucher auszugraben, welche er auf seinem gekrümmten Rücken nach Hause schleppt; dort hackt er die Erde um, pflügt, bereitet Wein, sammelt die Früchte von den Obstbäumen, oder aber er steht in einer Wanne und stampft die rohen Häute. Und wenn die Arbeit gethan ist, dann vergißt er Alles, was war, er denkt nicht weiter für den kommenden Tag und überläßt sich dem dolce far niente. Der Fremde hat von diesem müßigen Volke viel zu leiden, er wird mit allerlei Fragen bestürmt und Alle wünschen sich mit ihm in ein Gespräch, mit Vorliebe über Politik, einzulassen, um sich die Langweile zu vertreiben. Die Frau dagegen ist die Arbeiterin in der Familie. Alle schwere Arbeit verrichtet sie, sie hat keinen freien Augenblick. Früh am Morgen, wenn der Gebieter noch auf dem Ohre liegt, schleppt sie Wasser herbei, trägt den Mist zum Fluß, um ihn wegschwemmen zu lassen, oder auf das Feld, 42*