Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-17 · Heft 42 (17.10.1889) · p. Seite 662

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 42 (17.10.1889)
Date
1889-10-17
Page
Seite 662 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227814--46578-3266150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

662 posanter ist, als die Säulenfront des Nationalmuseums. Interessant ist, daß diese Synagoge aus Anlaß des Wiener Congresses 1815 durch Kaiser Franz seinen beiden Alliirten Friedrich Wilhelm von Preußen und dem Czar Alexander I. gezeigt wurde; Kaiser Franz hatte seine gekrönten Gäste auf der Margaretheninsel bewirtbet und sie sodann in die Halle der altberühmten Altofener Synagoge geführt. Hier wirkte eine Zeit lang in den Dreißiger- und VierzigerJahren der Kantor der OrczySynagoge, der weltberühmte Kantor David Brod, Vater des Photographen Strelisky und Abne Perotli's. Ihm folgte in seinem Amte der Kantor A. S. Wahcmann, der jüngste Sohn des Pester Oberrabiners Israel Wahrmann, des Großvaters des Abgeordneten Moriz Wahrmann. A. S. Wahrmann, der beste Kantor seiner Zeit, fungirte in Altofen durch fast vierzig Jahre; er lebt heute noch, sich von den vielen Widerwärtigkeiten seines Lebens erholend. Durch seine Kunstschätze weit und breit berühmt ist der Tresor der Altofener Gemeinde. Da finden sich Kidusch-Becher, Gewürz- Boussolen, Thoraschilder, Thorazeiger und Thora-Kronen, sowie Tempelvorhänge und Thoramäntel von märchenhafter Pracht und unermeßlichem Kunstwerthe. Auf der Goldschmiedekunst-Ausstellung 1884 war ein Theil dieser Schätze im Museum ausgestellt und erregte die Bewunderung aller Kenner. Eine großartige Sammlung von herrlichen Waschkannen und Becken ergänzt diesen Tresor; auf manche Stücke dieser Sammlung hatte Karl v. Rothschild, der Frankfurter Crösus und kunstverständige Sammler ein Auge geworfen; allein die Gemeinde that spröde, sie wollte nichts von einem Handel wissen, obgleich Rothschild als Entgelt großartige Stiftungen in Aussicht stellte. Bei dieser Gelegenheit sei hier eines kuriosen Details erwähnt. In der Kombach-Synagoge befindet sich ein äußerst werthvoller, prächtig bearbeiteter, silberner Weinkrug, im Stile der Spät-Renaissance gehalten, geschmückt mit Bandeaux und lateinischen Inschriften. Bis hierher wäre nun Alles in schönster Ordnung, denn der gottesdienstliche Gebrauch von künstlerisch werthvollen Utensilien ist ja gestattet. Der Haken ist denn auch nicht so sehr in dem Kunstwerthe des Bechers, als vielmehr in dem Inhalte der lateinischen Inschriften, sowie in den plastischen Ausschmückungen des Kelches gelegen; diese Letzteren stellen nämlich in prachtvoller getriebener Arbeit ganze Schwärme übermüthiger Nymphen, Nereiden, Tntonen und sonstiges muthwilliges, heidnisches Göttergesindel dar: Motive, welche mit dem gottesdienstlichen Berufe des offenbar der Synagoge im Schenkungswege zugekommenen Bechers denn doch kaum sich in Uebereinstimmung befinden. Verballhornt ist der Becher allerdings durch die an ihm angebrachte hebräische Votivzeile. Um auf die Synagogen Ofens zurückzukommen, so sei nunmehr des Neustister Tempels gedacht, welcher im Vorjahre eingeweiht wurde. Weiter stromabwärts nächst dent Tunnel befindet sich der Tempel der Ofener Kultusgemeinde, dessen Seelsorge dem trefflichen Rabbi Goldberg überantwortet ist. Für die Juden war Ofen bis in die jüngste Zeit nie ein Eldorado gewesen. Ihre Harmonie mit der Türkenherrschaft bewog sie dazu, bei der Revindikation der Festung 1686 für die Türken zu kämpfen, unter welchen sie sich milder Duldung erfreut hatten. Das hatten sie nach der Revindikation gar arg zu büßen. Julius Benczur reflectirt in seinem großen Gedenk-Gemälde, an dem er jetzt arbeitet, auf diesen Umstand, indem er eine Gruppe um Gnade flehender Juden und Jüdinnen vor dem siegreichen Lothringer erscheinen läßt. Preßburg, 5. October. In der großen, am Vorabende des Versöhnungsfestes von etwa 1800 Menschen besuchten orthodoxen Synagoge wurde einer Frau unwohl. Eine Stimme auf der Galerie schrie nach Wasser, was eine fürchterliche Panik zur Folge hatte. Speciell in den in zwei Stockwerken untergebrachten Damengalerien entstand ein furchtbares Gedränge nach beiden Ausgängen. Hilferufe ertönten, mehrere Frauen wurden zu Boden geworfen, andere wurden ohnmächtig. Durch die Nachdrängenden wurden etwa dreißig gestürzte Personen unbedeutend verletzt. Die Panik pflanzte sich in die dicht besetzte Männer-Abtheilung fort; auch dort befinden sich nur zwei Ausgänge. In diesem, eine Katastrophe fast unvermeidlich erscheinen lassenden Momente erstieg Ober-Rabbiner Schreiber die Kanzel und ermahnte die drängende Menge mit gefalteten Händen zur Besonnenheit, worauf mit Mühe die Ruhe theilweise zurückkehrte. S.--A Ujhely, im Oktober. Ueber die bereits gemeldete skandalöse Scene, die sich hier am 23. v. M. auf der Gasse abspielte unv deren Opfer der Rabbiner Bermann war, ist noch Folgendes zu berichten: Der Rabbiner erstattete in dieser Angelegenheit die Strafanzeige beim Stuhlrichteramte, das gegen die Betreffenden die Untersuchung sofort einleitete und nach Beendigung derselben die Verhörsprotokolle an das Bezirksgericht übermittelte. Die in dieser Affaire mitverwickelten und in meinem vorigen Berichte genannten Komitatsbeamten sollen schon beim ersten Verhöre entschieden erklärt haben, daß sie gar keine Veranlassung hatten, den Rabbiner zu insultiren, oder an einem Insulte zu participiren; sie bedauern vielmehr im Augenblicke der Jnsultirung des Rabbiners zu* gegen gewesen zu sein. Die gegen sie erhobenen Anklagen seien daher unbegründete Verdächtigungen, deren Grundlosigkeit die Schlußverhandlung klar erweisen werde. Belgien. Brüssel, 7. Oct. (Privatmitth.) Sie erinnern sich des monströsen Urtheils, durch welches das hiesige Gericht in erster Instanz den Anspruch der israelitischen Cultusgemeinde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.