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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-17 · Heft 42 (17.10.1889) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 42 (17.10.1889)
Date
1889-10-17
Page
Seite 661 (sequence 9)
Language
German
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661 modernste und großartigste Gottesdienst zu Hause. Die eloquenten Kanzelreden der Prediger Di-. Kayserling und Dr. Cohn, die kantoralen Vorträge Professor Friedmann's und Schuschny's, der schön geschulte Knabenchor und die herrlichen Soli David Ney's bilden hier ein Ensemble, welches das Gemüth erhebt, den Geist erbaut und die Seele entzückt. In der Cultusgemeinde-Synagoge in der Rombachgasse, wo die Rabbiner S. L. Brill und L. Pollak dem Gottesdienste vorstehen, ist der Uebergang vom fortschrittlichen zum orthodoxen Ritus zu finden. Da fehlt bereits die Orgel und der Almemor, die Gebet-Estrade erhebt sich in der Mitte des Gotteshauses. Hier erfreut der Kantor Bachmann durch sein wunderbar sonores Organ und seinen gediegenen musikalischen Bortrag. In der Synagoge der autonomen orthodoxen Religions- Gemeinde, im ersten Stockwerk des Orczy'schen Hauses, ist bereits das orthodoxe Princip das herrschende in der Liturgie sowohl, wie auch in den Aeußerlichkeiten des Gottesdienstes. Obgleich in einem zahlreich bewohnten, Privaten Miethhause untergebracht, ist diese Synagoge gleichwohl sehr schön eingerichtet; geradezu ein Kunstwerk ist ihre schöne Bundeslade, welche, im Empire-Stil gehalten, durch ihre Pracht an die Zeiten erinnert, wo in diesem räumlich so bescheidenen Locale der gesammte Gottesdienst der Pester Juden sich concentrirte. Im Hofe des Orczy'schen Hauses stand auch noch ein zweiter Tempelbau, der damalige Chortempel, der ursprüngliche Ansatz zu dem spätem Gottespalaste in der Tabakgasse. Im polnischen Tempel, der im Simonyi'schen Hause sich befindet, wird der architectonische Aufwand durch urwüchsige und unverfälschte Verve ersetzt. Unweit hiervon, wo sich jetzt die ersten Paläste der stolzen Andrässy-Avenue erheben, in der seither vom Boden getilgten Ellbogengasse, stand bis in die ersten 70er Jahre der Tempel der Spaniolen, vulgo „Fränkelschul'", welche auch die Eigenschaft besaß, daß die Mittagspause im Gottesdienste des Versöhnungstages hier rituell obligatorisch war, ungleich den anderen Bethäusern, wo sie nur in Epidemie-Zeiten, zuletzt im Cholera-Jahre 1886, stattzufinden pflegte. Die Fränken benützten diese Pause in der Mittagszeit zu einer Art raffinirter Askese. Sie begaben sich in ihre Wohnungen, wo inzwischen ein Mittagstisch, vollbeladen mit den duftigsten und verlockendsten Gerichten aufgestellt worden war. Hier, an dieser Tafel, standen sie eine lange Weile, ließen die aufgetischten Kostbarkeiten auf die Sinne einwirken, um die erhöhten Reizungen zu überwinden und hierdurch die Selbstkasteiung zu potenziren. Ein gut besuchtes Bethaus ist das im maurischen Stile aufgeführte Beth-Hamidrasch in der VasvLry-Pälgasse. Es ist dies die regelmäßige Andachtsstätte des Vereins für Talmudpflege, sehr häufig an Werktagen besucht von „Jahrzeitlern", welche das Gedenkgebet für ihre verstorbenen Angehörigen verrichten wollen und ihre Schritte deshalb mit Vorliebe hierherlenken, weit sie stets sicher sind, hier jeden Tag „Minjan", d. i. die obligate Zahl von 10 Andächtigen zusammenzubringen. In dieser Gegend stand dereinst eine interessante jüdische Andachtsstätte in Budapest. Ju dem jetzt Csillag'schen Hause, gegenüber dem Blinden-Jnstitute, in der damaligen Balcroschen Seidenfabrik, hatte im Jahre 1848 die erste jüdische Reform-Synagoge ihr Quartier aufgeschlagen. Der erste Seelenhirt dieser Reformgemeinde war I. E. Einhorn, damals Rabbinatscandidat, später im Freiheitskriege Feldrabbiner in der Honvodbesetzung Komorns und noch später unter dem Namen Eduard Horn, Staatssecretär im kön. ungarischen Ministerium für Ackerbau, Handel und Gewerbe und gleichzeitig Reichstagsabgeordneter des nämlichen Bezirkes, in dem er früher als jüdischer Seelsorger gewirkt. Zu jener Zeit erregten die religiösen Reformbestrebungen dieser Gemeinde ob ihres radicalen Gepräges lebhaften Unwillen in den Kreisen der rechtgläubigen Juden. Unter diesen Letzteren war einer der heftigsten Widersacher der neuen Strömung Rabbi Straffer in Vüg-Ujhely, dem Geburtsorte der Horn's. Dieser Rabbi, sonst kein Zelot, ließ es sich nicht nehmen, zu excommuniciren. Der religiöse Bannfluch war allerdings seit Josef II. streng verboten, aber man weiß ja, daß in diesem Belange die Kirche und, wie sie, auch die Synagoge sich stets zu helfen wissen. Die Rede, mit welcher Rabbi Straffer den Bannstrahl gegen die Neuerer schleuderte, begann mit einer Erinnerung an die Thiere der Apokalypse, unter welchen das abschreckendste eines sei, das ein Horn au der Stirne trage; aus dem Schoße der Väg-Ujhelyer Gemeinde sei aber ein apokalyptisches Ungeheuer hervorgegangen, das durch seinen Namen an dieses Gethier ermahne, aber von diesem sich dennoch dadurch unterscheide, daß es keine Stirne habe, denn nur die höchste Hirnlosigkeit rc. rc.. .. Wer weiß, ob diese Excommunication nicht mit dazu beitrug, daß I. E. Einhorn später seinen Schriftsteller-Namen Eduard Horn gänzlich adoptirte, um unter diesem Namen Ruf, Würden und Ehren zu erlangen, von welchen sich der Seelsorger des Valero-Bethauses wohl nichts hatte träumen lassen. Was die Reformgemeinde und ihren Tempel betrifft, so wurden sie auf Betreiben des Pester Oberrabbiners Löw Schwab durch die Bach'sche Regierung gesprengt. Wir wenden uns nun dem rechten Donaustrande zu, wo die Altofener Synagoge bis zur Vollendung des Cultustempels in der Tabakgasse das größte jüdische Gotteshaus und das architectonische Vorbild der meisten ungarischen Synagogen war. Die Altofener Synagoge ist denn auch ein mächtiges stolzes Bauwerk, dessen Porticus fast noch im- 42

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