Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 660 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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660 bte Ideen Schönerer's vertritt oder zu vertreten berechtigt sei. Dieser Pfeil soll das „Deutsche Volksbl." treffen, das Organ jener Gruppe der deutschnationalen Antisemiten, welche sich der Führung des Abg. Vergani anvertraut haben. Die dritte Gruppe von Antisemiten bildet die nur in Äien gedeihende Species der „Demokraten" mit illiberaler Gesinnung. Seit der Wahl in der Leopoldstadt, wo die Deutschnationalen dem „Demokraten" Schneider einen Gegencandidaten entgegengestellt haben, sind die Demokraten so erbittert, daß sie eine täglich erscheinende Zeitung unter dem Titel „Christliches Tagblatt" vom 15. d. M. ab herausgeben werden und entschlossen sind, dem „Deutschen Volksblatt" die „schwarzgelben" antisemitischen Leser zu entreißen. Zu den Gönnern des „Christl. Tagbl." gehören Lueger und seine gemeinderäthlichen Gesinnungsgenossen, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dem Blatte zahlreiche Leser zuströmen werden. Die Wiener Demokraten von der Couleur Lueger sind nämlich nicht deutschnational, sondern nur unzufrieden, und da sie keine Politische Bildung besitzen, so glauben sie wirklich, daß der Antisemitismus und die von den Führern vorgeschlagenen Mittel zur Niederwerfung des „jüdischen Liberalismus" goldene Früchte für den kleinen Gewerbsmann abwerfen werden. Diese urtheilslosen Unzufriedenen, welche auf Phrasen und Schlagworte lauschen, zählen nach vielen Tausenden. Der Kampf zwischen den beiden Antisemitenblättern „Volksblatt" und „Tagblatt" wird ein gewisses locales Interesse bieten, da sich in die Polemik auch die Bitternisse einer rein geschäftlichen Concurrenz mischen dürften. Die vierte Gruppe sind die „Christlich-Socialen", welche zu der Fahne des „Vaterland" schwören, also die Ultramontanen, die Feudalen, die Geistlichen, welche dem Antisemitismus huldigen und wähnen, daß sie die Massen damit in ihr Lager locken werden. Der große Schmerz des „Vaterland" besteht nun darin, daß alle Lockmittel nichts fruchten und daß weder die kleinen Wähler der sogenannten demokratischen Richtung, noch die Arbeiter sich den Reformideen des Prinzen Liechtenstein anschließen wollen. Es war vorauszusehen, daß die zusammengewürfelte Gesellschaft, welche unter dem Collectivtitel „vereinigte Christen" anläßlich der letzten Gemeinderathswahlen gemeinsame Sache gegen die Liberalen machte, wegen der Gegensätze in politischer und religiöser Beziehung wieder auseinanderfallen werde; nun fragt es sich aber — und dies allein ist von Bedeutung — ob sich diese Gruppen bei nächsten Wahlen nicht doch wieder finden werden. Einzeln vermögen sie gegen die Liberalen nicht aufzukommen, nirgends und in gar keinem Bezirke, sie werden also zu gemeinschaftlichem Vorgehen gezwungen sein, wenn sie nicht in ihr früheres Nichts zurücksinken wollen. Sie werden vielleicht eigene Candidaten aufstellen, bei den Stichwahlen aber vereint stimmen, um, wenn schon nicht einen politisch Gleichgesinnten, so doch wenigstens einen Antisemiten durchzusetzen und den Liberalen zu verdrängen. Pest, 2. Oct. (Privatmitth.) Als zur Zeit der diesjährigen Herbstmanöver der König in Kisber weilte, erschienen unter zahlreichen anderen Corporationen auch die Vertreter des katholischen Clerus der Diöcese unter Führung des Raaber Bischofs, um ihrer homagialen Ehrerbietung Ausdruck zu geben. Se. Majestät verlieh damals — wie auch in dieser Zeitung mitgetheilt — in der Erwiderung auf die Ansprache der Hoffnung Ausdruck, daß der katholische Clerus die brüderliche Eintracht zwischen den Bewohnern aller Confessionen jederzeit eifrig pflegen werde. Diese königliche Mahnung an die Erfüllung seiner Pflichten hat den Clerus zu einem öffentlichen Protest veranlaßt. Der Clerus des Losonczer Dechanatsdistricts veröffentlicht in dem clerikalen antisemitischen „Magyar Allam" das ganz eigenthümliche Protocoll der am 24. v. M. abgehaltenen Sitzung, in dem er sich gegen jede böswillige Insinuation verwahrt und den Muth hat zu erklären, „daß seine besondere Tugend nicht die Unduldsamkeit, sondern die lange Duldung (!!) ist." Von dieser „langen Duldung" liefert er täglich Beweise. Pest, 6. Oct. (Privatmitth.) Die Zahl der israelitischen Schüler an den hiesigen Gymnasien nimmt von Jahr zu Jahr ab; während sie 1876/77 37 Procent ausmachten, sind sie in den letzten vier Jahren auf 28 Proc. gesunken. Pest, 7. October. Das „Buda-Pester Tageblatt" enthält einen ausführlichen, in sehr wohlwollendem Tone abgefaßten Artikel über den „Jom-Kippur in Buda-Pest," aus welchem wir einiges Interessante entnehmen. Budapest, in dessen Bevölkerung unsere jüdischen Mitbürger eine so bedeutsame Rolle spielen, steht an diesem Tage ganz und gar im Zeichen des Versöhnungsfestes. Handel und Wandel feiern, die Geschäftslocalitäten sind zum größten Theile gesperrt, eine feiertägliche Stille herrscht über Stadt und Volk, deren Weihe sogar die Hunderttausende der Andersgläubigen ergreift, und im Mittelpunkte des Interesses stehen die Synagogen und Tempel, aus deren Halleu vom Morgen bis in die sinkende Nacht die wehmuthsvollen Choräle und klagenden Rhythmen der Bußgebete hervortönen. In 51. Synagogen, Tempeln und Bethäusern werden morgen unsere jüdischen Mitbürger ihre Jom-Kippur-Andacht, die größte und innigste des Jahres, verrichten. Hiervon sind 15 Bereinslocale und 26 Privatbethäuser, welche direct für die beiden Neujahrstage und für den Versöhnungstag zu gottesdienstlichen Zwecken eingerichtet wurden; und nur die restlichen zehn sind ständige Gotteshäuser, so Tempels Synagogen und stabile Bethäuser. Im großen Cultustempel in der Tabakgasse, in diesem 1859 erbauten prächtigen Monumental - Bauwerke, ist der