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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-17 · Heft 42 (17.10.1889) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 42 (17.10.1889)
Date
1889-10-17
Page
Seite 659 (sequence 7)
Language
German
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sellschaftliches Essen statt, zu welchem sich der größte Theil der israelitischen Religionsgemeinde eingefunden hatte und zu welchem Herr Dr. Levi abgeholt worden war. Beim Eintritt in den Saal erhoben sich alle Anwesenden und brachten demselben ein von Herzen kommendes Hoch aus. Der israelitische Vorstand hier und die Landjudenschaft haben den Grund zu einer „Rabbiner Dr. Levi'schen Stiftung" gelegt, deren Zinsertrag zu einem Drittel den Bedürftigen der Jsrae-- liten hier, zu einem Drittel den israelitischen Armen der Provinz, zu einem Drittel den christlichen Armen der Stadt Gießen zu Gute kommen soll. Oesterreich-Ungarn. Wien, 4. October. Die große Stiftung, die Baron Hirsch anläßlich des 40 jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers zur Errichtung von Schulen und Gründung von Stipendien an Gewerbetreibende in Galizien und der Bukowina errichtet hat, wird endlich activirt. Baron Moritz Hirsch hatte für diesen humanen Zweck zwölf Millionen Francs gespendet. Allein es ergaben sich mannigfache Schwierigkeiten, die Stiftung den Intentionen des Stifters gemäß ins Leben treten zu lassen. Die zwölf Millionen Francs hatte Baron Hirsch mittlerweile bereits in Wien deponirt. Nach den Statuten ist ein Curatorium mit dem Sitze in Wien berufen, sämmtliche Anstalten dieser Stiftung zu leiten. Diesem Curatorium sollen nebst hervorragenden, von Baron Hirsch nominirten Persönlichkeiten auch zwei polnische Reichsrathsabgeordnete, sowie der Prediger der Wiener Cultusgemeinde, Dr. Jellinek, angehören. Allein die wichtigsten Punkte der Statuten, welche seinerzeit der Behörde zur Bestätigung vorgelegt wurden, fanden mannigfache Beanstandung. In den letzten Tagen kam ein beschleunigtes Tempo in die Behandlung der Angelegenheit. Baron Hirsch hatte mit dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe eine Unterredung, welche der endlichen Erledigung der eingereichten Statuten galt. Diese Unterredung hatte den gewünschten Erfolg. Das Unterrichtsministerium hat seinerseits den Entwurf bereits genehmigt und denselben an das Ministerium des Innern gelangen lassen, von wo derselbe zur Einsicht an das Ackerbauministerium — es handelt sich auch um Errichtung von Ackerbauschulen —, an das Handelsministerium und zur letzten Begutachtung an den Minister für Galizien kommt. Da, wie erwähnt, die Klärung der Schwierigkeiten nunmehr erfolgt ist, werden alle diese Stadien sehr rasch durchmessen und die Stiftung im Monat November schon activirt sein. Baron Hirsch wird im Laufe dieses Monats nach Wien kommen, um der Constituirung des Curatoriums beizuwohnen. Die Zinsen der von ihm gespendeten 12 Millionen Francs dienen zur Errichtung von Volksschulen, Handwerker- und Ackerbauschulen in Galizien und der Bukowina, sowie zur Subvetttionirung von Gewerbetreibenden und kommen diese Benefizien Juden und Christen in gleicher Weise zugute. Wien, 4. October. In der heutigen Gemeinderathssitzung kam es zu einem argen Skandal. Zwei Frauen waren auf der Gallerte ohnmächtig geworden, worauf der Antisemit Vetter die Oeffnung der Nebenräume verlangte. Als dieses Verlangen von der Gallerte mit Beifall begleitet wurde, verbot Vice-Bürgermeister Prix jede Kundgebung des Auditoriums, was wieder zu einer Controverse zwischen den Antisemiten und den Liberalen führte. Vetter rief zur Rechten hinüber: „Juden", worauf Schlosser Tagleicht ihm entgegnete: „Wenn's was wollen, kommend herüber!" Darauf Vetter: „Wollend vielleicht raufen?" Dem Vorsitzenden Prix gelang es mit Mühe, unter Hinweis auf die Würde des Ortes, die Ruhe herzustellen. Wien, 9. Sept. Was den Antisemitismus betrifft, so ist wohl Wien gegenwärtig derjenige Platz, wo er noch die meiste Nahrung findet, und der deshalb unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wir geben deshalb eine recht lichtvolle Correspondenz der „Voss. Ztg." hier wieder. Die seit der verunglückten Wahl im zweiten Bezirke ausgebrochenen Zänkereien im Lager der „Vereinigten Christen" haben zu einer Spaltung geführt, welche ganz bestimmte Formen anzunehmen beginnt. Jene vier Gruppen, welche sich unter der Fahne des Antisemitismus, zusammengethan hatten, um bei den Wahlen die Liberalen aus dem Felde zu schlagen, haben sich wieder getrennt und befehden einander in wenig zarter Weise. Der Antisemitismus oder eigentlich die blinde Wuth gegen das Capital und den „verjudeten Liberalismus" wuchert zwar in allen vier Gruppen ungeschwächt fort, die politischen Gegensätze haben sich aber stärker erwiesen, als der Kitt des Antisemitismus. Der Begründer der antisemitischen Strömung, Georg Schönerer, sitzt grollend auf seinem Schlosse in Rosenau und zeiht seine früheren Gesinnungsgenossen, von welchen ihm nur Wenige treu und unterwürfig geblieben, des Abfalls von der deutschnationalen Sache, weil sie das nationale Moment verschleiern, um Anhänger in den Massen der Unzufriedenen zu werben. Die Gruppe Schönerer^ wird im Abgeordnetenhause von den Herren Türk, Ursin, Kaiser und Fürnkranz repräsentirt und beseitigt aus ihrem Parteiverbande alle Jene, welche ihnen auf den Bahnen des extremsten nationalen Antisemitismus nicht folgen wollen, wie dies der tragicomische Fall der Ausschließung Fiegl's zeigt. Fiegl war eine Creatur Schönerer's, dem er auch seine Wahl in Baden verdankt, und nun wurde er nicht nur aus dem deutschnationalen Verein, sondern auch aus dem parlamentarischen „Verbände der Deutschnationalen" ausgeschlossen. Das Organ Schönerer's, „Die unverfälschten deutschen Worte", weist immer wieder darauf hin, daß keine andere Zeitung

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