Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227814--46574-3266146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
658 Berlin, 9. October. (Privatmitth.) Aus allen den jüngster Tage von den hiesigen Blättern gebrachten Enthüllungen bleibt die jetzige Stellung Stöckers immer noch im Dunkel, obschon dieselbe völlig klar wird, wenn man sich den ganzen Verlauf der Stöckeriade ins Gedächtniß zurückruft. Derselbe verfolgte von Anfang an zwei Wege: den der antisemitischen Hetzerei und des „Christlich-Socialen", und den der evangelischen Orthodoxie und der inneren Mission in Berlin. Diese letztere Bestrebung fand nun in der Ansicht, welche in maßgebenden Kreisen vorwaltet, daß der Soeialismus durch die Unkirchlichkeit der großen Masse getragen und genährt werde, eine starke Unterstützung. Nach' dem nun der Antisemitismus für die politische Entwickelung der Verhältnisse nutzlos, ja lästig erschien, man aber Stöcker für seine Erfolge auf dem zweiten Wege erhalten wollte, bestimmte man ihn, sich fernerhin der Agitation für den Antisemitismus und das Christlich-Soeiale, also seiner politischen Wühlerei, zu enthalten, hingegen seine Kräfte um so mehr der Orthodoxie und inneren Mission zuzuwenden. Stöcker ist hierauf eingegangen, deshalb als Hof- und Domprediger eonservirt, und dies ist die Stellung, die er gegenwärtig einnimmt. Es ist möglich, daß er auf diese Weise noch eine größere Zukunft vor sich hat. Breslau, 4. Oct. Das hier erscheinende „Schlesische Morgenblatt", weiches von hochkonservativ-orthodoxer Seite gegründet worden ist, um der den Wünschen der Agrarier und der Stöckerianer nicht genügend Rechnung tragende „Schlesischen Zeitung" Konkurrenz zu machen, weiß über die Entfernung Stöcker's aus dem politischen Leben auf Grund seiner wahrscheinlich aus geistlichen Kreisen stammenden Informationen Folgendes zu erzählen: Der Kaiser habe seiner Zeit den Ober-Kirchenrath aufgefordert, dafür zu sorgen, daß Stöcker nicht mehr politisch auftrete. Der Ober-Kirchenrath sei in Verlegenheit gewesen, wie das zu bewerkstelligen, und habe um die Allerhöchste Erlaubniß gebeten, den Hofprediger Stöcker von dem kaiserlichen Willen in Kenntniß setzen zu dürfen. Dieselbe sei ertheilt worden, und Stöcker habe seine Bereitwilligkeit kundgegeben, von seinem Amte zurückzutreten. Das sei jedoch nicht angenommen, vielmehr seien Berhandluugcn zwischen dem Chef des Civilkabinets des Kaisers und Stöcker geführt worden, die zu den bekannten Abschluß geführt hätten, nach welchem Stöcker auf die politische Agitation in Berlin verzichtete. Görlitz, 7. October. Der hiesige antisemitische Verein, dem mehrere höhere zur Disposition gestellte Ofsieiere angehören , beschloß nach einem Vortrage Liebermann's von Sonnenberg, trotz der Erklärung gegen die „Kreuzzeitung", unter Bekämpfung des Kartells einen eigenen Candidaten aufzustellen. (Man sieht, die Antisemiten sind sich überall gleich: sie opponiren in Oesterreich und in Preußen dem Staatsoberhaupte, rühmen sich aber stets, die echten Vertheidiger des Thrones zu sein!) Gießen, 6. October. (Privatmitth.) Am 1. October feierte, wie schon früher in dieser Zeitung gemeldet worden, der Provinzialrabbiner von Oberhessen, Herr Dr. B. S. Levi, sein sechszigjähriges Amtsjubiläum. Gehörenden 14. Oct. 1806 zu Worms, steht er gegenwärtig im 83. Lebensjahre. Sein Vater, S. W- Levi, war Rabbiner daselbst, später in Mainz und zuletzt in Metz, wo er 1813 verstarb. Der Jubilar, nachdem er die Creizenach'sche Schule und die Universität zu Würzburg und Gießen absolvirt und in Gießen promovirt, auch in der jüdischen Theologie bei bewährten Meistern sich die Vorbildung zum Rabbineramte erworben hatte, wurde 1829 als 23 jähriger junger Mann zum Rabbiner in Gießen gewählt. 1842 wurde damit das Rabbinat Friedberg verbunden, so daß er die ganze Provinz Oberhessen zum Sprengel hatte. Bemerkenswerth ist, daß sein Vorgänger, Herr Dr. A. A. Wolfs, zum Oberrabbiner nach Kopenhagen berufen, vor einiger Zeit ebenfalls das 60 jährige Amtsjubiläum gefeiert hat. Ununterbrochen war Levi in seinem Amte thätig, pflichtgetreu und segensreich wirkend. Die allseitige Theilnahme an dem Ehrentage des Jubilars bekundeten die zahlreichen und prachtvollen Blumenbouquets, die Menge von Glückwünschen, die in einer Zahl von etwa 100 telegraphischen und wohl 300 brieflichen im Laufe des Tags eingegangen waren und ebenso die verschiedensten Deputationen, welche erschienen waren, den Jubilar zu beglückwünschen. Herr Prov.-Direetor Frhr. v. Gagern gratulirte im Auftrag Sr. König!. Hoheit des Großherzogs und des Ministeriums, sowie in eigenem Namen mit den besten Wünschen für den greisen Jubilar, und überreichte dabei zu den beiden Orden, die er bereits besitzt, den Ludwigs- und Philippsorden. die von Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog verliehene Krone des Philippsordens. Eine Deputation der Stadt Gießen, bestehend aus dem Herrn Bürgermeister Gnauth, den Herren Haustein, Baist und Hoch, ferner der ganze Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde überbrachten die herzlichsten Wünsche und insbesondere dankte der Letztere dem Herrn Dr. Levi für sein bisheriges segensreiches Wirken in der Gemeinde. Auch über 20 (es giebt im Rabbinate in 81 Gemeinden an 30 bis 40 Lehrer) Lehrer der auswärtigen Gemeinden des Rabbinats mit dem Vorstande des israelitischen Lehrervereins der Provinz Oberhessen an der Spitze, waren zur Beglückwünschung erschienen, und Herr Dr. Levi machte als Zeichen seiner Theilnahme an den Bestrebungen dieses Vereins für die Bibliothek desselben eine Anzahl werthvoller Bücher zum Geschenk. Seine hebräisch-talmudischen und rabbinischen Bücher hat er der Universitäts - Bibliothek hier vermacht. Am Abend fand im Hotel Einhorn ein ge-