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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-17 · Heft 42 (17.10.1889) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 42 (17.10.1889)
Date
1889-10-17
Page
Seite 657 (sequence 5)
Language
German
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657 nigfaltige schöpferische Kraft, die denselben Gedanken in der'Hörern oder Lesern in den wesentlichsten Punkten recht tief vielfachsten Abwechselung auszuprägen versteht, um ihn den einzusenken. 2?-cU*imcj M-tci cljtic tj l'< ■CM. Deutschland. Berlin, 7. Okt. (Privatmitth.) Es gehört zu den Manieren unserer Zeitungspresse, wenn irgend ein bedeutsames Ereigniß eingetreten, die Wirkungen desselben durch Geschwätz und Polemik möglichst abzuschwächen und das Interesse des Publikums dafür abzustumpfen. So ist es interessant, den Streit zu verfolgen, der sich über die Bedeutung der kaiserlichen Erklärung gegen die Kreuzzeitung zwischen den Organen der verschiedenen Parteien erhoben hat. Die Kreuzzeitung selbst giebt sich den Anschein, in ihrem Royalismus das Lnerifieiurn mteUeetuL zu bringen, sie, die den Katholiken so bittere Vorwürfe gemacht, als sie vor dem Unfehlbarkeitsdogma dasselbe sacrificium intellectus brachten. Es knüpfen sich nun an diese Polemik mancherlei Enthüllungen, von welchen uns einige speziell interessiren. Die Köln. Ztg. vom 5. d. sagt: „Interessant ist ihre jetzige Enthüllung, daß damals die Redaction der Nordd. Allg. Ztg. einen im Sinne der Kreuzzeitung vom damaligen Vicepräsidenten des Staatsministeriums, Herrn v. Puttkamer, geschriebenen Artikel aufzunehmen abgelehnt und statt dessen ihrerseits unmittelbar darauf in mehreren Leitartikeln heftige Angriffe gegen die Person Stöckers und gegen die christlichsociale Partei gebracht habe. Die Kreuzzeitung hätte aber bei ihrer offenbar großen Kenntniß der privaten Vorgänge im Hause des Herrn v. Puttkamer in ihren Enthüllungen ehrlicherweise nur etwas weiter gehen und die Thatsache feststellen müssen, daß die Einladungen zu jener Waldersee-Versammlung am 18. November 1887 ausschließlich von Herrn v. Puttkamer erlassen worden sind, und daß insbesondere weder der damalige Prinz Wilhelm, noch der Graf Waldersee Kenntniß von der Einladung Stöckers zu der Versammlung gehabt haben. Diese Anwesenheit Stöckers in der Versammlung und seine Theilnahme an den Reden war eben die Ursache zu den falschen Auslegungen, welchen damals schon der Prinz mit aller Entschiedenheit entgegentrat. Schon am 3. Januar 1888 schrieb deshalb der Prinz auf einen Glückwunsch dem Berliner Hof- und Domprediger: „Die von Ihnen erwähnten Mißdeutungen, welche mein Eintreten für das Wohl der geistig und körperlich Nothleidenden hervorgerufen hat, haben mich schmerzlich berührt. Sie werden mich aber nicht abhalten, dem Vorbilde unsers erhabenen Kaisers und meines theuren Vaters folgend, unbeirrt von politischen Parteibestrebuugen stets zur Hebung des Wohles aller Nothleidenden nach Kräften beizutragen." Seitdem hat der Kaiser noch wiederholt Anlaß genommen, unzweideutig festzustellen, daß er nicht auf dem Boden der Kreuzzeitung stehe. Wir erinnern nur au die scharfe Zurückweisung, welche er gegen den berüchtigten Aufsatz der Kreuzzeitung gegen das Judenthum vom 25. August v. I. richtete, wo er ausdrücklich erklärte: „Unsere ganze Gesetzgebung ist von den humanen Grundanschauungen dictirt; wer dies verkennt und die Geister gegen einander hetzt, gehöre er welcher Richtung immer an, hat auf Meinen Beifall nicht zu rechnen. Es giebt wahrlich Ernsteres zu thun!" Die Kreuzzeitung hat nicht hören wollen, alle Warnungen waren vergeblich, sie hat immer weiter gehetzt, jetzt hat sie ihre gründliche, aber vollauf verdiente Abfertigung. — Die „Boss. Ztg." beginnt einen Leitartikel „Der Ursprung des Streites" folgendermaßen: „Der heutige Kampf zwischen der äußersten Rechten und den Kartellparteien führt bis zum 28. November 1887 zurück. Bis dahin war von irgend einer Gefährdung der Stellung des Fürsten Bismarck nicht die Rede. Ohne diesen Angelpunkt des ganzen Haders aber ist die Tragikomödie der „Kreuzztg." nicht zu verstehen. Früher war die christlichsociale Bewegung nicht stiller als heute. Der Antisemitismus konnte seine Orgien feiern, ohne daß von der offiziösen Presse gewarnt und abgemahnt wurde. Im Gegentheil, Blätter, welche sich sehr rege bemühen, die Ansichten der Regierung zu errathen, betheiligten sich an der Bewegung des Herrn Stöcker mit lebhaftem Wohlwollen; in den Versammlungen des Herrn Limprecht erschienen sogar Träger berühmter Namen, um den von dem Antisemitismus begonnenen Sturm auf das „rothe Haus" zu unterstützen. Für Herrn Stöcker gegen Virchow stimmte das ganze Heer der abhängigen Beamten, auch unmittelbare Untergebene des Herrn Reichskanzlers. Ueberhaupt sind lange Jahre vergangen, ohne daß dem Hofprediger Stöcker ein „Quos ego“ zugerufen wurde, das ihn ohne Weiteres zum stillen Mann gemacht hätte." Es ergiebt sich hieraus, daß man den ganzen Vorgang als einen Streit zwischen dem Fürsten Bismarck und der Kreuzzeitungspartei ansieht, welche letztere trotz ihrer „Verbeugung" vor dem Worte des Kaisers den Kamps gewiß nicht aufgiebt. Jndeß dies bleibt sicher, daß der Kaiser diese Partei und ihr Organ von sich abgewiesen hat und seine Stellung über beu Parteien bewahrt wissen will.

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