Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 656 (sequence 4)
- Language
- German
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656 nur noch diese Idee und unterdrückt um ihretwillen jeden Veruunftgrund und jede Empfindung seines Herzens; wie mit dreifachem Panzer umgürtet ihn diese Idee, daß jeder Pfeil des Mitgefühls, jeder Lanzenstoß des Verstandes von seiner Brust abpratlt. Mag Habgier und Herrschsucht oft genug das Urtheil des Ketzerrichters bestimmen, in ungleich mehr Fällen war es der Gedanke, die Ketzer müßten beseitigt, ausgerottet werden, um die Gläubigen vor Abfall zu schützen, und selbst um des Seelenheiles der Ketzer willen, die durch einen qualvollen Tod einen Theil ihrer Sunden sühnen. Dieser Gedanke ließ ihnen die gräßliche Verfolgung derer, die sie für Ketzer hielten, als ein gottgefälliges Werk erscheinen. War diese Vorstellung doch von den höchsten kirchlichen Instanzen ausgegangen und als Richtschnur vorgeschrieben. Mußten doch viele Jahrhunderte verfließen, bevor es gelang, diese schmählichen Verbrechen ihres gesetzlichen Charakters zu entkleiden, und zählen wir nicht viel über ein Jahrhundert, daß die Folter aus den größeren Staaten verschwand und nicht einmal so viel, daß die letzte Hexe verbrannt wurde! — So dürfen wir uns auch nicht allzusehr wundern, daß in den christlichen Staaten die Verfolgung der Juden auch beinahe anderthalb Jahrtausende consequent währte, und sich nicht blos in den drückendsten Beschränkungen, sondern auch in Brand, Plünderung und Mord bethätigte. Auch hier waren Habgier und Raubsucht nicht selten das Motiv. Man beschränkte zuerst die Juden auf den Geldhandel und den Wucher, und dann, wenn man recht viele Schulden bei ihnen aufgehäuft, verjagte man sie oder fiel über sie her, und man war seine Schulden los. Der Pöbel ging weiter, wenn er erst aufgestachelt war, und plünderte und mordete nach Herzenslust. Dennoch war viel öfter das treibende Motiv in den Judenverfolgungen der Fanatismus. Man hatte in den Völkern den Glauben verbreitet: die Juden seien ein von Gott verfluchtes Geschlecht — eine schöne Vorstellung von Gott, der zahllose unschuldige Geschlechter, die er selbst in diesem Stamme und Glauben geschaffen, verfluchen soll! — Hierzu kam, daß man von hierarchischer Seite jede Toleranz, jeden Verkehr mit Juden als gefährlich für die eigene Heerde betrachtete und deshalb die Vorstellung, die Juden zu beseitigen, verlange das Heil der Kirche. Daß es der religiöse Fanatismus war, der die unaufhörlichen Verfolgungen der Juden herbeiführte, ersieht man daraus, daß an den meisten Acten dieser Art Priester die Urheber waren, ferner, daß sie sich religiöser Fabeln und Lügen bedienten, um das Volk aufzustacheln, wie Schändung der Hostien und kirchlicher Geräthe u. s. w., endlich daß mehrfach die bloße Vertreibung, selbst ohne Schädigung des beweglichen Eigenthums der Juden bccretirt wurde. Man braucht nur z. B. die Details über die Verbannung der Juden aus Spanien zu lesen, um zu sehen, wie Ferdinand und Jsabella zu diesem grausamen Acte durch den Großinquisitor gedrängt, ja gepreßt wurden. Also auch hier die einfache Erklärung, daß sich die Menschen in die Ideen ihres Aberglaubens und Jrrthums so tief versenkt hatten, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit davor verschwanden und sie ihr grausames Werk, welches nicht blos zahllose Thränen, sondern auch Ströme von Blut bewirkte, mit Ruhe des Gewissens und mit dem Glauben eines günstigen Erfolges ausführten. — Auf diese Weise erklären und gewissermaßen entschuldigen wir die Unthaten, die in vergangenen Zeiten verübt wurden. Aber nicht zu entschuldigen sind die Versuche, die seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts sich bis zur Gegenwart öfter wiederholten, dem Midrasch und dem Talmud überhaupt menschenfeindliche Vorschriften und wahnwitzige Vorstellungen durch Fälschung, Verdrehung und Herausreißen von Sätzen aus ihrem Zusammenhang unterzuschieben und auf diese Weise Judenthum und Juden zu beschimpfen. Hier liegt kein Aberglaube, kein Rechtsirrthum, sondern nur boshafte Absicht zu Grunde. Denn das erste und nächste Erforderniß bleibt, bei jeder Untersuchung ein richtiges Verständniß der betreffenden Stellen mit allen Kräften anzustreben, und hiergegen streitet es, die Worte zu fälschen, den Sinn zu verdrehen und sich über Dinge, die man gar nicht versteht, willkürlich und mit bestimmten Absichten auszulassen. — — Fügen wir noch eine Bemerkung über das Anführen von Schriftstellen und deren Anwendung im Midrasch hinzu. Es steht also die Tendenz fest, für jede Behauptung eine Anknüpfung in einer Schriftstelle zu suchen. Hierbei ist nun zuvörderst zu beachten, daß diese Art Auslegung, welche in so reichem Maße geübt ward, durchaus keine sür den Sinn der angeführten Stelle entscheidende, keine dogmatische Bedeutung beanspruchte und gewann. Man deutete die Stelle je nach dem Zwecke, den man damit hatte, wenn nur die Worte dazu paßten, ja man gestattete sich auch, den Worten der Schrift eine andere Form zu geben, um die Deutung zu erhalten, die man beabsichtigt, die oft recht gezwungen heraus- | kommt. In diesem Verfahren war keine Täuschung enthalten, denn Jedermann kannte diese Methode, und man unterschied dieselbe von der strengen und richtigen Auslegung in j genauer Weise. Dahingegen wurde auf diese Art ebenso -sehr der freie Geist der Exegese gefördert, als auch die! Fäden, welche das ganze Judenthum an die heilige Schrift! knüpften, immer von neuem und immer fester gesponnen. Wie i eigenthümlich, ja sonderbar der Midrasch uns nach unserer I heutigen Geistesbildung erscheinen mag, wie er uns auch in seiner -Form durch Mangel an unmittelbarem Zusammenhang der j Sätze und Abschnitte zu leiden scheint: er bleibt immerhin bewunderuswerth durch die echte Religiosität, durch das Streben nach Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, durch seine man- WWWWMWWM