Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 654 (sequence 2)
- Language
- German
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' -<v 654 des menschlichen Strebens und Schaffens. Und doch huldigt er überall der reinen Freude, dem schuldlosen Genüsse, und bietet uns so den echten Prüfstein, wie weit ein fröhlicher oder ein schwermüthiger Geist im israelitischen Volke herrschte. Kennt doch Kohelet die Freude, die der Mensch an feinen Werken hat (3, 2). Aber für seine Mühe sich zu freuen, ist eine Gabe Gottes (5, 18), und Gott ist es, der ihn erhört mit der Freude seines Herzens (B. 19). Meint er doch schon (2, 26), nachdem er die Nichtigkeit der sinnlichen und rauschenden Freuden mit tief empfundenen Worten geschildert hat: „Wer gut ist vor Gott, dem giebt er Weisheit und Wissen und Freude", und 3, 12 erkennt er, daß es in der Befähigung des Menschen liege, sich zu freuen und Gutes zu thuu sein Leben lang. Darum, was ist der Schluß, den Kohelet als die Summe aller Menschenerfahrung zieht? „Alles, was deine Hand erreicht zu thun mit deiner Kraft, thue, dennj Thun und Erfahrung und Wissen und Erkenntniß" sind' der Theil dieses Lebens. Dann aber (B. 7): „Geh, iß in Freuden dein Brod und trinke fröhlichen Herzens deinen Wein, so Gott längst Wohlgefallen hat an deinen Werken." Und: „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz fröhlich sein in den Tagen deiner Jugendkraft und wandle in den Wegen deines Herzens und wohin deine Augen blicken, ■ doch wisse, daß über alles Dieses dich bringet Gott in das Gericht! Und gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendkraft." (11, 9 ff.) Gerade diese Schlußfolgerung des, seine Ansichten so unverhohlen aussprechenden Redners zeigt, wie in Israel mit der es beherrschenden Religiosität, mit der in ihm wohnenden Gotteserkenntniß und Gottesfurcht Freude und Fröhlichkeit sich verbanden, Schwermuth und Trübsinn fern blieben und fern bleiben sollten. — Wonach sehnt sich Sulamith mitten in den prunkvollen Gemächern des Königs? (Hohelied 1, 4). Aus diesen frei hinaus zu kommen, und mit dem Freunde durch Gärten und Fluren zu laufen, zu jauchzen und sich zu freuen; und 3, 11 ist ihr der Tag der Hochzeit der innigster Freude des Herzens. Aber selbst in dem Buche des Leidens und Duldens, im Buche Hiob, sprüht der Funke der Freude auf, denn die Gerechten und ihre Kinder „jauchzen zur Pauke und Zither und freuen sich beim Klange der Schalmei." (21, 12). Dagegen (20, 5) „ist der Frevler Jauchzen nicht weit her, und Gottloser Freude währt nur Augenblicke." — Bon christlicher Seite hat mau die Ansicht verbreitet, daß die Anschauung des Volkes Israel von Gott die eines zornigen, eifervollen, strafsüchtigen gewesen sei, indem man sich auf einige wenige Stellen der Schrift berief, welche, im Affecte ausgesprochen, das Volk warnen und vor der göttlichen Vergeltung Furcht einflößen wollten. Wer eine Widerlegung sucht, der findet sie am ehesten in den Psalmen, welche den rechten Ausdruck der religiösen Ansichten und Empfindungen des Volkes darbieten. Hier treffen wir überall auf die Freude an Gott, an der Vorstellung Gottes und an dem Gottesdienste, sowie es Gott ist, der dem Menschen Freude und Wonne ins Herz senkt. Bringen wir hierfür die reichlichen Beispiele heran. 4, 8: „Du legtest Freude in mein Herz, mehr als wenn Korn und Most sich mehren." 5, 12: „Es freuen sich Alle, die dir vertrauen, es jauchzen, die deinen Namen lieben." (5, 12; 35, 21; 40, 17.) 9, 3: „Freuen will ich mich und jubeln in dir." 16, 9: „Sich Gott vorstellen, schafft Freude und Jubel, Fülle der Freude ist vor deinem Antlitz." 19, 9: „Die Befehle des Ewigen erfreuen das Herz." 30, 12: „Du gürtest mit Freude mich." 32, 11: „Freuet euch und jubelt des Ewigen, Gerechte, jauchzet die ihr geraden Herzens seid" (64, 11; 68 4). 43, 3: „Gott ist meine Jubelfreude." 47, 5: „Die Nationen freuen sich, daß Gott sie leitet und richtet." 90, 14: „Der Gnade Gottes freuen wir uns alle unsre Tage." 92, 5: „Gott erfreut durch sein Thun, seiner Werke freue ich mich." 97, 1: „Der Ewige regiert! Es jauchze die Erde, der Eilande Menge freue sich." 100, 2: „Dienet dem Ewigen in Freuden, kommet vor ihn mit Jubel." 105, 3: „Die den Ewigen suchen, es freut sich ihr Herz." 118, 24: „Diesen Tag hat Gott geschaffen, laßt uns frohlocken und jubeln an ihm." 122, 1: „Ich freue mich, wenn man zu mir sagt: „Laßt uns zum Hause Gottes gehen." 149, 2: „Seines Schöpfers freue sich Israel." — Der Sünder wild aufgefordert zu bereuen und sich zu Gott zu wenden, denn die Entsündigung schafft Freude und Wonne (51, 12), denn der reuig Zurückgekehrte fühlt sich befreit von der Schuld und wieder in innigem Zusammenhänge mit seinem Gotte. Die Freude der Mutter an den Söhnen, die ihr Gott gewährt hat, ist ein Loblied Gottes (113, 9). Endlich steht der Psalmist nicht an, unter die herrlichen Gaben Gottes an den Menschen den Wein zu zählen, der „das Herz des Menschen erfreut, daß mehr denn vom Oele sein Antlitz glänzt." (104, 15.) Wir glauben unsre Aufgabe gelöst zu haben, aus den Urkunden des Volkes Israel zu erweisen, wie Freudigkeit, Fröhlichkeit, Heiterkeit Grundzüge seines Charakters gewesen, und gerade seine Religion und deren Institutionen diese in ihm nährten und selbst wieder davon gestaltet wurden. Trotz allen Stürmen des Geschickes drangen diese Eigenschaften immer wieder in ihm durch und erheiterten sein Leben, sobald das Unwetter vorübergezogen. Und so ist es nicht zu verwundern, daß dieselbe Gemüthsart sich auch späterhin in den Juden fortpflanzte. Wenn unter dem Einflüsse des Mittelalters Versuche unter ihnen auftauchten, eine düstere Askese auch bei ihnen einzuführen und Selbstpeinigung als Bedingung mystischer Heiligung zu stellen: sie drangen nur in einen Kreis ein und scheiterten an dem gesunden Sinn des