Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1889)
- Date
- 1889-10-10
- Page
- Seite 649 (sequence 13)
- Language
- German
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649 Juden immer weniger als die anderen Racen von den großen Epidemien gelitten haben; zu allen Zeiten war ihr hohes Lebensalter notorisch; es ist es noch in dem Grade, daß viele Lebensversicherungs-Gesellschaften ihnen günstigere Bedingungen stellen. Die Statistik bestätigt positiv diese allgemeinen Eindrücke. Es ist festgestellt, daß in der Provinz Posen, wo die Bevölkerung verhältnißmäßig aus beinahe ebenso viel Deutschen, Polen und Juden besteht, unter den christlichen Geburten drei Todtgeborene auf einen unter den jüdischen Geburten kommen. Hinsichtlich der Kinder unter einem Jahr ist die Sterblichkeit im gesammten Königreich Preußen 2390 bei den Christen und nur 1590 bei den Juden. Bon 1 bis 5 Jahren ist die Sterblichkeit 3090 und die der Juden 2590. Man constatirt analoge Resultate in jedem Alter und dies steht so fest, daß z. B. in Fürth die Durchschnitts-Lebensdauer der Christen nur 26 Jahre beträgt, während die der Juden 37 ist. Es handelt sich nicht um Israeliten, die im Wohlstand leben, sondern im Gegentheil um jüdische Volksclassen, die zu den Aermsten gehören, von einem Tag zum anderen und in hygienisch elenden Verhältnissen leben, mit Ausnahme was die Untersuchung ihres Fleisches betrifft. Alle diese Thatsachen sind augenscheinlich derart, um die Aufmerksamkeit der Hygieniker auf die talmudischen Vorschriften über die Ernährung zu lenken, und man sieht nicht ein, warum diese Schächtvecbote, welche durch die Erfahrung so vieler Jahrhunderte geweiht sind, bevor sie es durch das Verdict der jetzigen Wissenschaft worden, nicht Gebote zum allgemeinen Nutzen werden sollen. Wir haben jedenfalls schon mehr als ein weniger nützliches und weniger gerechtfertigtes Anlehen bei der jüdischen Civilisation gemacht. Man sieht, daß dieser Artikel es nicht mit dem Schächten, sondern mit der Untersuchung np’na zu thun hat, welche bereits vor vielen Jahren von christlichen Fachmännern, z. B. Medicinalrath Dr. Niemann, volle Anerkennung gefunden hat, ohne jedoch zu leugnen, daß die betr. Borschristen nach dem Stande der jetzigen Wissenschaft einiger Berbesserung bedürfen. Einige Gebetstücke. Die Psalmen sind die Gebetsprache der Völker geworden, und selbst die Kirchenlieder, so weit sie nicht specifische Dogmen zum Ausdruck bringen, haben Gedanken und Ausdruck den Psalmen entlehnt. In der Thal, was auch die Indo-, Assyro- und Egyptomanen an Lobpreisungen der noch vorhandenen oder aufgefundenen Gebete jener Nationen Vorbringen: es sind den Psalmen gegenüber doch nur Uebertreibungen, welche auch das allgemeine Publicum als solche erkennt. Jene alten hymnologischen Erzeugnisse reichen wahrlich nicht an die Erhabenheit der religiösen und sittlichen Anschauungen, an die tiefe und wiederum zarte Empfindung des Gottglaubens, des Gottvertrauens, der Siegesgewißheit im Kampfe des Guten mit dem Bösen, des Rechtes mit dem Unrecht, der Liebe mit dem Haß, wie sie die Psalmen in poetischem Schmuck offenbaren. Aber auch in unserer altherkömmlichen Liturgie haben wir außer den aufgenommenen Psalmen Gebeistücke, welche sich ebenso durch Innigkeit wie durch Einfachheit und allgemeine Verständlichkeit und durch die Reinheit und Höhe des Standpunktes auszeichnen. Führen wir hier einige Beispiele an. Da lautet der Schlußsatz zu jeder r&sn: -is: \-5n „Mein Gott! Bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen, Trug zu reden, vor denen, die mich lästern, sei meine Seele ruhig, und laß mich demüthig sein gegen Alle. Oeffne mein Herz deiner Lehre und meine Seele ringe nach der Erfüllung deiner Gebote. Die wider mich Unheil sinnen,! zerstöre bald ihren Anschlag und vereitle ihren Plan, thue? es um deiner Gnade und um meines Heiles willen. Laß wohlgefällig sein die Reden meines Mundes und das Trachten meines Herzens dir, Ewiger, mein Fels und mein Erlöser! Der Frieden schafft in seinen Himmelshöhen, er wird auch Frieden schaffen uns, dem ganzen Israel. Amen." —! Hier ist in wenige Sätze Alles zusaminengedrängt, was Relii giert und Moral den Menschen lehren und auferlegen: das! Fernbleiben von Bösen und allem Trug, die Langmuth ^Feinden gegenüber, die Demuth des Herzens, die freudige Ausnahme der Lehre und Erfüllung der Gebote, das Vertrauen auf die Gnade Gottes, die Kindlichkeit der Gefühle! vor Gott und die Zuversicht auf den Frieden, den er uns! schafft.! Ebenso innig ist das Nachtgebet, das beruhigend auf! die Seele wirkt, wenn die Nacht mit ihren dunklen Schatten i Unruhe und Aengste in dieselbe bringt. Es lautet: : „Laß zur Ruhe uns niederlegen, Ewiger unser Gott, in Frieden, und wieder aufstehen zum Leben, und breite über uns die Hütte deines Friedens aus; halte uns aufrecht durch i guten Rath, hilf uns, beschütze uns, wende von uns ab Feind und Pest, Schwert und Hungersnoth, und jedweden Kummer; birg uns im Schatten deiner Flügel, denn du bist unser; Hüter und unser Retter, gnädiger und barmherziger Gott!; Bewahre unsren Ausgang und unsren Eingang zu Leben und Frieden immerdar. Gepriesen seist du Ewiger, der uns behütet fort und fort." Wie dies Gebet gleich vielen anderen zeigt, sind die Bitten des Israeliten insonders auf Leben und Frieden gerichtet, und er kann sich kaum genug thun, zu Gott um