Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1889)
- Date
- 1889-10-10
- Page
- Seite 646 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ss 646 — In diesen Tagen konnte man in den hiesigen Bläktern abermals eine Bemerkung machen, welche schon älteren Datums ist, nämlich die, daß wenn ein Jude irgend ein Vergehen begangen, man es niemals unterläßt, die Bezeichnung „Jude" hinzuznfügen, daß man aber dieselbe Eigenschaft mit Stillschweigen übergeht, sobald etwas Rühmliches zu melden ist. Ein Herr Osiris, den man als „einen freigebigen Wohlthäter, einen bekannten Menschenfreund" bezeich net, hat dem Preßansschuß der Weltausstellung den Betrag von 100,000 Francs übersandt, welchen dieser dem bedeutendsten Werke der Ausstellung als Ehrenpreis zuerkennen sollte. Der Ausschuß hat diese Summe zwischen den Architecten, Ingenieuren und Arbeitern der Maschinenhalle vertheilt. Daß dieser Herr Osiris ein Jude ist, (der auf seine Kosten der portugiesischen Gemeinde, welcher er zugehört, eine Synagoge erbaut hat), bemerkt Niemand. Selbstverständlich thun es die deutschen Blätten den französischen nach. Großbritannien. London, 27. Sept. Eine Abordnung der strikenden Schneidergesellen des Ostendes, der Mehrzahl nach arme polnische Israeliten, fand sich gestern bei Lord Rothschild ein, welcher uneigennützig seine Dienste als Vermittler angetragen hatte. Herr Ornstci», der Secretär des Rathes der Ver. Synagogen, empfing die Abordnung im Namen Lord Rothschilds und bat die Herren, vor Allem Mittheilungen über den gegenwärtigen Stand des Streites zu machen. Die Abordnung erklärte darauf, daß vor Allem Geld »othwendig wäre, damit sie nicht durch Hunger zum Nachgeben gezwungen wären. Außerdem möge Lord Rothschild seinen Einfluß zur Herbeiführung einer 10'/2stündigen Arbeitszeit geltend machen. Herr Ornstein versprach, das Anliegen der Abordnung Lord Rothschild vorzulegen. Am nächsten Montag wollen Lord Rothschild, der Abgeordnete Montague, der Bischof von Bedford und der Arbeiterführer Tom Mann einer Versammlung der Striker beiwohnen und Ansprachen halten, falls der Ausstand nicht bis dahin, wie zu hoffen, beendigt ist. — Sir Henry Aron Jsaacs, der bisherige Alderman, ist nun wirklich für das nächste Jahr vom 0. November an zum Lordmayor von London gewählt worden. London, 30. September. Die Schneidermeister des Ostendes hielten am Samstag eine Versammlung ab, welcher der Abgeordnete Samuel Montague und mehrere Geistliche des Distriktes beiwohnten. Schließlich fand der Vorschlag Annahme, den bestehenden Lohnstreit einem Schiedsgericht zur Entscheidung zu unterbreiten. Die Meister schlugen den Arbeitern die folgenden Herren zu Schiedsrichtern vor: Earl von Dunraven (Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses zur Untersuchung des Schweißsystems), Bischof von Bedford, Dr. Gaster, Rabbiner der portugiesischen Synagoge, Pastor Scott von der Kirche in Spitalflelds und Lord Rothschild. — Der für das nächste Amtsjahr gewählte Lordmayor, Sir H. A. Jsaacs, ist der dritte Israelit, welcher zum Oberhaupte der City berufen worden ist. Seine Mutter war eine Tochter des verstorbenen Senor De Mendoza, aus jener alten portugiesischen Familie, auf deren Verwandtschaft mit seinem Hause sich Earl Beaconssteld nicht wenig zu Gute that. Sir H. A. Jsaacs betreibt mit seinen Brüdern ein Fruchtgeschäft unter der Firma M. Jsaacs u. Sons. Er ist Alderman von Portsoken und Mitglied der Gold- und Silberdrahtziehcr-Gilde. Im Jahre 1888 bekleidete Jsaacs das Amt eines Sheriffs. Bonn, 6. October. (Notizen.) Der Großrabbiner von Nancy, Herr Libermann, der älteste unter den Großrabbinern, ist verschieden. Er war noch ein Schüler des Rabbinerseminars von Metz, eine Zeit lang Rabbiner von Hagenau und wurde am 20. Februar 1854 zum Großrabbiner von Nancy erwählt, als sein Vorgänger Salomon Ulman zum Großrabbiner von Frankreich ernannt worden. Da der Sprengel von Nancy viele, zum Theil zahlreiche Gemeinden umschließt, wird die Thätigkeit des Großrabbiners sehr in Anspruch genommen. Der verewigte Libermann gab sich diesen Pflichten unermüdlich hin. Durchaus orthodoxer Richtung war er doch höchst duldsam und erhielt den Frieden in seinen Gemeinden. Seiner Bestattung, welche am 20. September stattfand, wohnten sämmtliche Behörden bei. Schon viele Jahre war Libermann Ritter der Ehrenlegion. — Aus Ungar. Brod (Mähren) wird uns berichtet: Unser Rabbiner, Hr. M. D. Hoffmann, ist den 2. Tag Rosch- Haschana nach kurzem Leiden im 70. Lebensjahre verschieden. — Aus Wien wird uns geschrieben: Der Redacteur des in Bruck a. d. Muhr erscheinenden antisemitischen Blattes „Obersteyrer Blatt" hat das Weite gesucht, derselbe soll wegen Betrug mehrere Jahre im Stockhaus verlebt haben. — Ter in Mödling jüngst im Alter von 72 Jahren verstorbene Ignaz Singer hat nach testamentarischen Bestimmungen sein Gesammtvermögen in der Höhe von ungefähr 500000 Gulden humanitären Zwecken, Schulstiftungen gewidmet. Das Vermächtniß enthält unter Anderem folgende Cedirungen: 1. Ein Kapital von 40000 Gulden fällt Wiener Volksschulen zu und es sollen von den jährlichen Zinsen desseben unbemittelte Supplenten und Aushilfslehrer der Anstalten, ohne Unterschied der Konfession, Unterstützungen von je 100 Gulden erhalten. 2. Die Summe von 40000 ll. ist armen Schulkindern Wiens ohne Unterschied der Konfession gewid-