Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1889)
- Date
- 1889-10-10
- Page
- Seite 644 (sequence 8)
- Language
- German
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644 bereit Kreisen ergehen lassen, wo etwa eine Neigung für Stöcker vorhanden sein könnte. Deshalb unternahm letzterer eine Rundreise in seinem Wahlkreise, um seine bisherigen Wähler festzuhalten. Ob ihm dies auch bei dem nationalliberalen Theile derselben gelingen werde, ist fraglich. Jndeß ist in diesem Lager die Parteidisciplin nicht immer die festeste. Jedenfalls wollten die hiesigen Nationalliberalen sich von dem Vorwurfe befreien, daß sie Herrn Stöcker Gefolgschaft leisten, und dies ist symptomatisch immerhin von einiger Bedeutung. Siegen, 30. Sept. Die „Berl. Börs.-Ztg." schreibt: „Aus dem Wahlkreis Siegen wird gemeldet, daß dort der Hofprediger Stöcker vom 28. d. M. ab einige Reden halten wird, um seine Wiederwahl für den nächsten Reichstag zu betreiben. Wie verlautet, wird nun auch seitens der nationalliberalen Partei die Arbeit der Wahlvorbereitung im Kreise Siegen demnächst beginnen, da man nicht gewillt ist, den Herrn Stöcker nochmals für Siegen in den Reichstag gelangen zu lassen. Der Herr Hofprediger kann überhaupt sich versichert halten, daß ihm auch in jedem anderen Wahlkreise, wo er sich etwa aufstellen lassen wollte, ein nationalliberaler Candidat entgegentritt und daß dessen Kandidatur mit allem Eifer betrieben werden wird." Aehnliche Versicherungen haben die Nationalliberalen schon bei früheren Reichstagswahlen abgegeben. Herr Stöcker weiß, was er von diesen tapferen Erklärungen zu halten hat und darf, sobald er mit einem Freisinnigen in die Stichwahl kommt, der nationalliberalen Unterstützung auch bei den nächsten Wahlen gewiß sein. (Es frägt sich doch auch, ob die „Nationalliberalen" von Siegen dem Gebote von Berlin Folge leisten?) Oesterreich-Ungarn. Wien, den 25. September. An die Adresse der schwarzgelben Antisemiten, insbesondere an die im „Vaterland" vertretene Couleur, ist ein in der klerikalen Zeitschrift „Die Gegenwart" veröffentlichter Artikel gerichtet, welcher den Titel führt: „Dringende Bitte an unsere Zeitung „Das Vaterland". Darin wird hervorgehoben, daß die „arge Gehässigung gegen andere Konfessionen mit der Moral unserer heiligen Religion absolut nicht vereinbar ist." In der „dringenden Bitte" heißt es unter Anderem: Diese Zeilen, welchen die Ehre zutheil wird, von den erlauchtesten Persönlichkeiten gelesen zu werden, sollen es weithin verkünden, daß wir nimmermehr mit der gehässigen Haltung derartiger Blätter einverstanden sind . . . Die heutige rohe Kampfweise unserer antisemitischen Glaubensgenossen ist in jeder Beziehung verwerflich." Der Artikel gipfelt in einer scharfen Verurtheilung des Antisemitismus, als inhuman, unkatholisch, illoyal, unpatriotisch und unanständig und führt schließlich aus, daß diese Strömung für „unsere verhetzten Glaubensgenossen viel gefährlicher sei als für die Juden. Wien, 1. October. (Privatmitth.) Die Auflösung der Bande Schönerers, betitelt „Deutsch-nationaler Verein" und die ausdrückliche Aufführung des Antisemitismus unter den Motiven der Staatsregierung hat dem hiesigen Antisemitismus den Boden unter den Füßen hinweggezogen. Es ist Jedermann jetzt einleuchtend, daß der Antisemitismus auf gesetzlichem Wege gar nichts ausrichten kann, und andererseits sind die Behörden, selbst unmittelbar vom Kaiser, nachdrücklich angewiesen, jede Zusammenrottung, jeden Auflauf mit vollster Kraft schon beim Anfang zu unterdrücken. In der That versieht es sich ja von selbst, daß der Staat verpflichtet ist, das Leben, das Eigenthum und die Ehre friedlicher Staatsbürger zu schützen, und die Mittel hierzu sind in Polizei, Militär und Strafgericht hinlänglich vorhanden, wenn sie mit gutem Willen und zu rechter Zeit angewendet! werden. Geschieht dies nicht, so verfehlt der Staat einen seiner Hauptzwecke. Und zu diesen friedlichen Staatsbürgern! gehören sicherlich die Juden, die doch weder provociren noch > angreifen, sondern ruhig ihrem Berufe nachgehen. Freilich! hätte man erwarten sollen, daß die Regierung schon früher! sich gegen den Antisemitismus erkläre und dies wäre von! guter Wirkung gewesen. Jetzt könnte man glauben, daß in j den Motiven der Antisemitismus aufgeführt worden, um jede . Voraussetzung abzuschneiden, daß die Regierung gegen das j deutsch-nationale Element als solches vorgehe. Vielmehr war! es die offenbare Feindschaft gegen den österreichischen Kaiseri staat, welche der Schönerer'sche Verein kundgegeben, die diese! Maßregel herbeigeführt hat. Der antisemitische Hauptwühler Türk hatte sich in diesem Sinne im Reichsrathe der heftigsten; Ausdrücke schuldig gemacht und wurde deshalb von allen Parteien dementirt. Da mußten sich doch die Antisemiten dieses ihres Führers annehmen und ihre Zustimmung zu seinen Expectorationcn aussprechen. Dies brachte dem Vereine den Todesstoß. Harmloser war ihre Zustimmung zum Bochumer Antisemitentag, immer aber ein Verstoß gegen das Vereinsgesetz, welches den Zusammenhang mit auswärtigen; Vereinen untersagt. Man kann jetzt wohl mit einiger Sicherheit voraussehen, daß auch der Wiener'sche Antisemitismus; als Partei aufhören werde; aber die Giftsaat, die er ausgej streut, wird in der Gesinnung des Volkes in dessen verschiej denen Schichten noch lange sprießen. Pest, den 25. September. (Privatmitth.) Das hiesige israel. Landes-Taubstummen Institut hat für das begonnene Schuljahr 21 neue Zöglinge ausgenommen. Unter diesen genießen zwei Freistellen der Hauptstadt, zwei solche des „16 sziv" Vereins,einer eine ebensolche auf Kosten des israel. Landes-