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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-10 · Heft 41 (10.10.1889) · p. Seite 641

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 41 (10.10.1889)
Date
1889-10-10
Page
Seite 641 (sequence 5)
Language
German
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641 sagen: Was soll uns diese Qual? Darauf heißt es bereits 3. Mos. 5, 1: „Wenn Einer Zeuge ist, sei es, daß er etwas gesehen hat, oder daß er es (sonst woher) weiß, wenn er dieses nicht anzeigt, so hat er eine Missethat zu büßen." Oder wollt ihr vielleicht sagen: Was sollen wir das Blut dieses (Menschen) verschulden? Heißt es nicht bereits Spr. 11, 10: „Wenn die Frevler umkommen, herrscht Jubel." — Dieser Absatz enthält mancherlei Bedeutendes. Abgesehen davon, daß bei den Zeugenaussagen der Unterschied betont und maßgebend wird, ob der Zeuge den Vorgang selbst gesehen oder seine Kunde nur vom Hörensagen habe — wird in der Beantwortung der Frage, warum nur ein Mensch am Anfänge geschaffen worden, vor Allem hervorgehoben die Gleichheit aller Menschen, trotz der Verschiedenheit der Individuen, weil eben alle Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen sind. — In dem Satze vom Umbringen und Erhalten der Seele eines Israeliten liegt das ganze Gewicht in dem Worte „Seele", und „Umbringen" heißt zum Abfall verführen, „Erhalten" Jemanden im Gottesglauben und in religiöser Treue erhalten und stärken. — Auf andere Gebiete versetzt uns der Midrasch im Trakt. Sanhedrin, wie an folgenden Stellen. Es ist dort gelehrt worden: R. Elieser sagt: Sei ernstlich beflissen, die Thora zu lernen und wisse, was du den Gottesleugnern (Epikuräern) antworten sollst. R. Jochanan hat gesagt: Das geht nur auf einen Gottesleugner, der ein Goi ist (ihm darfst du entgegnen), aber einem Gottesleugner, der ein Israelit ist (darfst du nicht entgegnen), denn er könnte dadurch noch zügelloser werden (d. i. sich noch mehr vom Gesetz lossagen). R. Jochanan hat gesagt: Alle Schriftstellen, auf welche die Minim sich berufen, haben ihre Widerlegung an der Seite. 1. Mos. 1, 26 heißt cs: „Wir wollen einen Menschen machen", und gleich darauf heißt es B. 27: „Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde." Ferner heißt es daselbst 11,7: „Wohlan, wir wollen hinabsteigen und daselbst ihre Sprache verwirren, und kurz zuvor heißt es V. 5: „Und der Ewige stieg herab, um die Stadt und den Thurm zu sehen." Ebenso heißt es das. 35, 7: „Denn daselbst hatten die Götter sich ihm offenbart", und kurz zuvor heißt es B. 3: „Und ich will daselbst einen Altar machen dem Gott, der mich erhöret hat." Desgleichen heißt es 5. Mos. 4,7: „Denn wo giebt es ein so großes Volk, das Götter hätte, die ihm so nahe (OB-np) sind, wie der Ewige unser Gott, wenn wir zu ihm rufen." — Es handelt sich hier um Disputationen mit Gottesleugnern. Hierbei wird vorausgesetzt, daß einem gottesleugnerischen Heiden eine Widerlegung seiner Ansichten, namentlich aus der heiligen Schrift beigebracht werden könne, während ein gottesleugnerischer Jude bei seiner Kenntniß der Schrift irrthümliche Auslegungen heranbringen könnte. Dies wird nun an einigen Beispielen gezeigt. So heißt es ferner: „Unsere Rabbinen haben gelehrt: Adam wurde am Vorabend des Sabbaths erschaffen. Warum (nicht früher)? Damit die MiMm nicht sagen sollten: Der Heilige, gebenedeiet sei er! hat bei der Weltschöpfung einen Gehilfen gehabt. Oder deshalb, damit, wenn sein Gedanke sich über ihn erhebt (d. i. wenn er übermüthig wird), man zu ihm sagen kann: Die Mücke ging dir beim Schöpfungswerk voran. Oder deshalb, damit er sich sofort dem Gebote unterwerfe. Oder deshalb, damit er sofort zur Mahlzeit eintrete. Gleich einem Könige von Fleisch and Blut, welcher, nachdem er seinen Palast gebaut und vollendet hatte, eine I Mahlzeit veranstaltete und Gäste dazu einlud, wie cs! heißt Prov. 9, 1—3: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut!.... hat ihr Schlachtvieh geschlachtet .... die Weisheit i hat ihr Haus gebaut", d. i. die Eigenschaft des Heiligen, gebenedeiet sei er! welcher die ganze Welt mit Weisheit erschaffen hat; „sie hat ihre sieben Säulen ausgehauen", d. s. die Schöpfungstage; sie hat ihr Schlachtvieh geschlachtet, gemischt ihren Wein", d. s. die Meere und Ströme und alle Bedürfnisse der Welt; „auch hat sie ihren Tisch angerichtet", d. s. die Bäume und Gräser; „sie sendet ihre Dirnen aus", d. i. Adam und Eva; „auf den Vorsprüngen der Höhen der Stadt." Rabba bar bar Chana warf ein: Einmal heißt es: „Auf den Vorsprüngen", und ein andermal wieder heißt es! „Auf dem Throne?" Anfänglich auf den Vorsprüngen, schließlich auf dem Throne. Das. V. 4: „Wer einfältig (tb) ist, kehre hier ein, wer unverständig, den spricht sie an." Der Heilige, gebenedeiet sei er! spricht: Wer hat Jenen (Adam) verleitet (\vnc)? Das Weib. Sie sprach zu ihm, wie es heißt das. 6, 32: „Wer die Ehe mit einem Weibe bricht, ist sinnlos." In einer Boraitha ist gelehrt worden: R. Meir sagte: Der Staub des ersten Menschen ist von der ganzen Welt zusammengehäuft worden, wie es heißt Ps. 136,16: „Deine Augen sahen meine ungeformte Masse", und 2. Chron. 16, 9 steht geschrieben: „Die Augen des Ewigen schweifen über die ganze Erde." (Das. 38, 1. 2.) Rab Oschaja hat im Namen Rabs gesagt: Der Körper des ersten Menschen war von Babel, sein Haupt vom Hause Israels und seine Glieder von den übrigen Ländern." — Es wird gewiß unsre Leser mit Besriedigung erfüllen, zu sehen, wie unsre Weisen immer wieder die Einheit des Menschengeschlechtes einprägen, wenn sie auch in der Stellung der Völker Israel die vorderste Stelle zuschreiben. Wenn Adam aus Theilen aller Länder hervorgegangen gedacht wird, so heißt dies nichts anderes, als daß alle Völker einen Antheil am Menschengeschlechte haben, alle Völker eine Einheit bilden, deren Prototyp der erste Mensch war. Nicht minder streben sie danach, jedem Menschen Temuth einzuflößen und ihn vor Selbstüberschätzung zu bewahren, wie sich dies im ersten Theile dieses Absatzes bewährt.

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