Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1889)
- Date
- 1889-10-10
- Page
- Seite 638 (sequence 2)
- Language
- German
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638 Sukkoth, wenn Obst, Oel und Wein eingesammelt sind. Sieben Tage soll da der Israelit vor dem Ewigen seinem Gotte sich freuen, in Laubhütten wohnen und mit den Repräsentanten der reichen Vegetation seines Landes seine Freude bezeugen. Zwiefaches ist hier zu bemerken, daß diese Freudenfeste immer nach geschehener Arbeit und nach dem Einheimsen des Ertrages begangen werden sollen. Denn die reinste Freude mit voller Befriedigung zieht in die Seele des Menschen nur nach dem Vollbringen ernster, ja schwieriger Arbeit ein, und erst da wird auch der Genuß irdischen Gutes ein reiner und befriedigender. Andrerseits wird diese Freude nur im Schoße der Familie mit allen Gliedern derselben, mit Dienstleuten und mit Gaben an Fremdlinge und Dürftige empfohlen, und wer weiß nicht, daß nur unter dieser Bedingung das Herz des Menschen zu ungetrübter und voller Freude aufwallt. Endlich soll es kein Fest in Palästen, in Ballsälen oder Tanzkneipen sein, sondern in der freien Natur, in dazu aufgebauten und geschmückten Hütten gefeiert werden. Doch verstanden später die Israeliten es auch mit Illuminationen, Reigen, Musik und anderen vergnüglichen Ceremonien auszurüsten, so daß dieses Fest zu einem Tage der Lust für das gesammte Volk wurde und man sagte: wer dieses in Jerusalem nicht mit erlebt, hat nichts Großes und Freudiges gesehen. Hieraus wird uns klar, was der Ausdruck „freue dich vor dem Ewigen deinem Gotte" bedeuten sollte. Nach gottesdienstlicher Handlung sollte sich der Israelit dem Genüsse alles irdischen Gutes ergeben, immer aber mit dem Bewußtsein, daß Gott es ihm gegeben, daß es der Segen Gottes sei, den er genieße und dessen er sich freue, und hiermit auch in würdigem Maße ohne alle sittliche Entartung, so mit seinem Gotte und mit der lautersten Sittlichkeit in engstem Zusammenhänge. — Wie hat sich nun dieser Geist, der die lautere Freude als ein integrirendes, als ein Gott wohlgefälliges Element der Religion betrachtet, fortgepflanzt durch die folgenden Zeiten? . . . Selbst die Geschichtsschreiber lassen sich gern über Freuden aus, welche das Volk bei glücklichen Ereignissen empfand. So wird uns 1. Kön. 1, 40 bei der Thronbesteigung Saloinon's berichtet: „Das ganze Volk zog herauf hinter ihm her und flötete mit Flöten und freute sich mit großer Freude, daß die Erde zu reißen schien vor ihrem Jubelgeschrei." Ebenso 2. Kön. 11, 20 bei der Thronbesteigung des Joas. Sieben Tage wurde die Tempelweihe gefeiert und das ganze Volk war „fröhlich und wohlgemuth". Noch Nehemia erzählt 8, 12 .von dem großen Freudenfeste, welches am Laubhüttenfeste gefeiert wurde, und 12, 43 als die Mauer um Jerusalem vollendet war: „und man opferte am selbigen Tage große Opfer und sreuete sich, denn Gott hatte sie mit großer Freude erfreut und auch die Weiber und Kinder sreueten sich und die Freude Jerusalems wurde bis in die Ferne gehört." Auch Esra 6, 22 schildert die Freude des Volkes am Peßachfeste, und Esther 8, 15—17 die „Freude und Wonne, Mahle und Festtage der Juden nach der glücklichen Errettung." — Treten wir nun in das erhabene Heiligthum der Propheten, in welchem so oft düstere Trauer über die Zukunft des Volkes herrscht. Aber auch an dem dunkeln Himmel, der sich darüber wölbt, treten glanzvoll die Sterne hervor, welche die Freude des Menschenherzens bedeuten. Wenn das Volk umkehrt zu seinem Gotte, sagt der große Jesajas (9, 2) bereitet ihm Gott große Freude, daß es sich freuet vor Gott, wie Erntefreude. Welche diese Erntefreude im Lande war, beschreibt er 16, 10: „Lust und Frohlocken vernimmt man im Baumgarten, in den Weinbergen wird gejauchzt und gejubelt, in den Keltern tritt der Kelterer Wein fröhlichen Herzens." Denn (29,19) „des Ewigen freuen sich die Leidenden und jubeln." Natürlich ergeht sich der Prophet gern, wenn er die dereinstige Erlösung und Rückkehr des Volkes weissagt, in der Schilderung der Freude, die dann das Volk Israel beseelt. So 30, 29: „Dann habt ihr Gesang, wie in der Nacht der Festesheiligung und Herzensfreude wie der Pilger, der zieht bei Flötenton zum Berg des Ewigen, zum Felsen Israels." Oder 35, 10: „Des Ewigen Befreiete kehren zurück, kommen nach Zion mit Jubel, ewige Freude umkränzet ihr Haupt, sie finden Wonne und Freude, Kummer und Jammer entfliehen." In gleiche Seelenbewegung geräth Jeremias, wenn er der Befreiung Israels aus dem Exil in seinem Geiste gedenkt. So 31, 12: „Da kommen sie und jauchzen auf der Höhe Zions, und strömen zu des Ewigen Segen ob Korn und Most und Oelund Schaf und Rindern; da wird ihre Seele gleich gewässertem Garten, und nimmer mehr haben sie Kummer. Dann freut sich die Jungfrau im Reigentanz, Jünglinge und Greise mitsammen, zur Wonne wandte ich ihre Trauer, und tröste sie, nach ihrem Leid erfreue ich sie." 31, 7 fordert er auf, „Jakob Freude zuzujubeln." Es war ein schweres Amt, das dem Jeremias auferlegt war, und keiner unter den Propheten trug so schwer wie er vor und während und nach dem Falle Jerusalems. DennoH sprach er 25, 10: „Dein Wort ward mir zur Freude und zur Wonne meines Herzens." Auch kennt er die Freude des Vaters, wenn ihm die Geburt eines Sohnes gemeldet wird. — Joel schildert meisterhaft die Schrecken einer großen Heuschreckenplage. Aber der Herr verscheucht dieselben und nun ruft er 2, 21 aus: „Juble, Erde", und B. 23: „Freue dich Israel und juble, denn der Herr läßt Regen herabträufeln." Daß in dem Gotteshause Israels nicht bloß Ernst und heilige Würde herrschte, sondern auch „Freude und Jubel" im Gefühle des Segens und des Schutzes, welchen Gott Israel gewährte, bezeugt er 1, 16, da er es schwer beklagt, daß Freude und Jubel aus dem Hause Gottes geschwunden. —