Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 634 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227812--46548-3266118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
634 Hebräische Gedichte. Uebersetzl von Dr. Landsbcrg, Großherzogl. Landesrabbiner in Darmstadt. 1. Auf Zrkuthiels Tod. Am Abend schau' der Sonne Strahl, Umwallend sie von Feuersgluthen, Der Nord, der Süd erscheinen fahl, Der West getaucht in Purpurfluthen. Die Erde seufzt: „still wird die Welt," Und hüllt sich ganz in dunkeln Schleier, Schwarz kleidet sich das Himmelszelt: Zu Jekuthiels Todtenfeier. (Jbn Gabirol.) 2. Meine Thronen. Drängt' ich nicht zurück mit Allgewalt Manche Thränen ihrem Quell entflossen, Könnten meine Zähren tränken bald Einen Garten voller Blumensprossen. Doch sie zögern nur für kurze Zeit, Bon dem Laufen müde und ermattet, Neu zu fließen sind sie stets bereit, Wenn mein Seufzen, Stöhnen es gestattet. Ist genaht das Schweigen dunkler Nacht, Lassen sie von mir sich nimmer zügeln; Nahmen sie vielleicht die Nacht in Pacht, Daß in ihrem Strom sich Sterne spiegeln? Klagst du, daß dir mancher Tag entschwand, Unbenützt für Wissenschaft und Tugend? Klag', daß ungenossen sich entwand Dir die Zeit der süßen, goldnen Jugend! Jugendzeit, du Mvrgenstrahlen-Kranz, Wie aus Diamant gehauen prächtig! — Damals war die Nacht selbst voller Glanz, Jetzt dünkt auch der Tag mir dunkelnächtig. (Jbn Gabirol) 3. Der Frühling. O sieh' des Gartens farbiges Gewand, Der Erde Kleid so herrlich bunt gestickt, Den Mantel, der den Baum umwallt, Der wunderbar des Menschen Aug' erquickt. Sieh' alle Blumen neu in neuer Zeit, Dem Lenz entgegenlachend, schön geschmückt, Bor allem schaut die Rose, glanzumstrahlt, Die hold vom Königsthron herniederblickt, Sie ist entronnen ihrer Blätter Haft, - Befreit vom Kerkerkleid, das sie bedrückt. Ein Sünder ist, nicht wert des Rebensaftes, Wer nicht den Becher leert, darob entzückt. (Moses Wen Esra> 4. Betrachtung auf Gräbern. Mein sehnend Herz drängt mich, dahin zu wallen, Wo mir die Eltern ruh'n und Freunde traut, Dort laß ich meinen Friedensgruß erschallen, Doch dringt zu mir nicht ein Erwiderungslaut. „Sind Vater, Mutter treulos? wohnt in Allen Nicht mehr die Liebe, der ich fest vertraut?" Da rufts mir lautlos zu aus ihren Hallen: „An unsrer Seite wird dein Haus gebaut!" (Moses Abcn Esra.) 5. Dir Treulosen. Als meine ganze Habe ich verlor, Floh mich wer hold, wer Freund mir war zuvor. Ich frug: „Was ist mein Fehler bei der Welt?" Man sprach: „Dein Fehler ist — Dir fehlt das Geld." — (Juda Halevi) Nachtrag. Berlin, 25. Sept. Ueber die Frage, in welchem Glau-! bensbekenntniß Kinder aus gemischten Ehen nach dem Tode des Vaters zu erziehen seien, hat sich der Kultusminister kürzlich in der Antwort auf die Vorstellung einer Mutter solcher Kinder ausgesprochen. Dieselbe geht dahin, daß wenn die Frau glaube, Grund zu einer Beschwerde über den Beschluß des einschlägigen Landgerichts zu haben, durch welchen das Amtsgericht daselbst angewiesen worden, die Kinder in dem Glaubensbekenntniß des verstorbenen Mannes erziehen j zu lassen, es ihr nur überlassen werden könne, den Weg der! Beschwerde an das Kammergericht zu Berlin einzuschlagen,! da die Entscheidung darüber, in welchem Glaubensbekenntniß nach den bestehenden Gesetzen die Kinder zu erziehen seien, j lediglich den Vormundschafts-Gerichten zustehe.