Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 633 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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633 den Garten nach, hieß mich als den Vertreter unserer Zeitung aufs herzlichste willkommen und lud mich ein, ihn auf einem Gange durch die Gärten und Parkanlagen zu begleiten. Das Landgut, das etliche 13 Acres umfaßt, ist von dichtem Baumwuchs umringt, welcher unberufene Blicke fernhält und in der sonst baumkahlen Umgegend eine wohlthuende Abwechselung darbietet. Schattengänge und kleine Wäldchen wechseln ab mit Blumenbeeten und Feldern; der Kunstgärtner hat den Grund so trefflich auszunützen verstanden, daß von Zeit zu Zeit ein herrlicher Ausblick auf das wogende Meer, dann ein Anblick der weißen Kalkfelsen oder abwechselnd das Erscheinen des weißen Landhauses mit seinen Zinnen und Erkerfenstern das Auge überrascht und erfreut. Ein herrliches Stück Erde! Dann besuchten wir die schmucken Wohnungen des Gärtners und des Pförtners, auf deren Eleganz und Behaglichkeit der Besitzer dieses Paradieses guten Grund hat stolz zu sein. Den Gewächshäusern und Stallungen wurden ebenfalls einige Augenblicke gewidmet. Nachher führte mich der freundliche Hausherr durch das Innere des Gebäudes, das mit der größten Bequemlichkeit und Eleganz, aber keinesweges mit Pomp ausgestattet ist. Die Wandelgänge sind etwas eng und schauen in den Hofraum. Besonders interessirten mich die Zimmer, in welchen Sir Moses Montefiore seine letzten Lebensjahre zugebracht. Sein Lieblingszimmer war die mit eichenem Mobiliar ausgestattete sogenannte gothische Bibliothek; dort brachte er die meiste Zeit zu, als seine Schwäche es ihm nicht mehr erlaubte, das Haus zu verlassen. Das Schlafzimmer, an welches er während der letzten sechs Monate seines Lebens gefesselt war, ist sehr geräumig und hat einen südöstlichen Ausblick auf das Meer. Hier lag der Greis den Tag über auf dem Ruhebette beim Fenster und verfolgte mit seinem Auge die Schiffe, die, vom Sturme gepeitscht, über die gefährlichen Untiefen dahinjagten oder bei stillem Wetter friedlich über die arglos blaue, lächelnde See dem Hafen zusegelten. Dort, die immer wechselnde nnd immer großartige Seelandschaft vor Augen, ist der hochherzige Greis entschlummert. Diese selben Zimmer bewohnte kürzlich auch der Erzbischof von Canterbury, als er Herrn Joseph S. Montefiore den unlängst erwähnten Besuch abstattete. Im kleinen Eßsaal hängt eine treffliche Photographie des greisen Sir Moses, in seinem 99. Altersjahre. Sie ist viel treffender und charakteristischer als ein Oelgemälde, das, von Goodall gemalt, im geräumigen Billardzimmer hängt. In diesem letzteren ist der Greis dargestellt, wie er das von der Königin an seinem 100. Geburtstage an ihn geschickte Telegramm liest. Die Verschiedenheit des Gesichtsausdruckes läßt vielleicht eine auf l den Charaktereigenthümlichkeiten des Sir Moses beruhende! Erklärung zu. Herr Joseph S. Montefiore erzählte mir! nämlich, daß sein Onkel von Natur aus gemüthlich, sogar jovial gewesen. Doch habe er sich am Ende seines Lebens den Tag über oft unwirsch und barsch gezeigt. Nach 5 Uhr Abends sei jedoch seine gemüthliche Natur zurückgekehrt, und er habe dieselben Leute, welche er den Tag über gescholten mit der zuvorkommendsten Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit behandelt. Noch zwei Bilder fielen mir auf. Das eine hing im Eßsaale, wo wir um 1 Uhr im Kreise der Familie, von den Kindern und Großkindern des Hausherrm umgeben, das Mittagsmahl einnahmen. Neben dem Vater saß einer der Söhne, ein schlanker, hochgcwachsener schöner Jüngling mit schwarzen Haaren und ausdrucksvollen Augen. Unter den Gästen befand sich ein Ehepaar aus Deutschland, ein englischer Marinekapitän und ein Freund der Familie. In diesem Saal hängt ein großes Oelgemälde vom selben Maler Goodall, dessen Bilder aus der biblischen Geschichte eine große Berühmtheit haben. Es war im letzten Jahre in der Royal Acadeny in Burlington House ausgestellt und wurde auf Bestellung gemalt. Es stellt einen andern großen Mann aus dem Hause Israel vor: den König David nämlich, wie er sterbend auf seinem Ruhebette liegt. Genauer gesagt, richtet er sich von der über das Kopfende lehnenden schönen Abisag gestützt, auf, um die Bitte der vor ihm knieenden Bath- Seba anzuhören. Hinter diesen drei Figuren steht der Prophet Nathan. Er sieht gar nicht sehr erbaut, beinahe verdrießlich darein, wozu er doch keinen Grund hatte. Das Bild! ist nicht sehr ansprechend. Vor allem ist die Gruppirung sehr theatralisch. Wie hinfällig, abgemagert und kraftlos der greise König aussieht, den man sich als tapferen Krieger, als gottbegeisterten Sänger und Dichter in der Blüthe seiner Jahre vorzustellen liebt; wie entsetzt ist der Gesichtsausdruck der schönen Abisag von Sunem; der Eindruck, den das Bild zurückläßt, ist peinlich. Noch bemerkte ich, daß die schöne Abisag, die in Burlington House ihre Reize unbedeckt zur Schau trug, sich für den Aufenthalt in der kälteren Eastcliff Lodge beim Meer weislich ein, wenn auch dünnes Gewand angeschafft hatte. Beim Heraustreten aus dem Eßzimmer fällt Einem noch ein lebensgroßes Portrait des Sir Moses auf, das uns den friedfertigen Mann in der martialischen rothen Uniform eines Lord Lieutenant von Kent vorführt. Man tröstet sich mit dem Gedanken, daß der Degen, den er führt, vermuthlich keine Klinge hatte, wie die bei Hofe üblichen.