Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-03 · Heft 40 (3.10.1889) · p. Seite 635

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 40 (3.10.1889)
Date
1889-10-03
Page
Seite 635 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227812--46549-3266119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

635 Großbritannien. London, 25. Sept. (Privatmitth.) Der große Strike der hiesigen Hafenarbeiter hat ebenso wie der der Bergleute in Westfalen, Rheinland und Schesien die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, um so mehr, als die beiden für die Arbeiter mit günstigen Erfolgen endeten. Jndeß sind hier außerdem noch sehr viele Strikes ebenfalls zu Gunsten der Arbeiter vor sich gegangen, und noch gegenwärtig sind solche theils vorhanden, theils in Aussicht. So feiern seit Wochen im Osten der Stadt über 15,000 Schneider, deren größte Zahl Juden sind, Einwanderer aus Rußland. Ebenso sind die Juden stark unter den Schuhmachern und Bäckern vertreten. So lange es gilt, schlecht bezahlten und bedrückten Arbeitern zu besseren Bedingungen zu verhelfen, hegt die besitzende Bürgerclasse lebhafte Sympathie für die Strikenden und dies hat sich zu Gunsten der Hafenarbeiter durch vielfache Unterstützungen bethätigt. Sobald aber solche Anmaßungen Vorkommen, wie die Hafenarbeiter, welche die Arbeit wieder niederlegen wollten, weil sie mit Arbeitern, die sich dem Strike nicht angeschlosfen hatten, nicht arbeiten wollen, oder Uebertreibungen ihrer Forderungen, wie sie die Schneider stellen, wird diese Sympathie schwinden, und wenn Geldunterstützungen ausbleiben, so können die Arbeiter den Strike nicht lange aufrecht erhalten. Es kommt dann darauf an, ob die Arbeitermassen sich so organisiren können, daß die nichtstrikenden Arbeiterzünfte die Strikenden subventioniren. Wie dem auch sei, es lassen sich hier sehr gewichtige Stimmen vernehmen, welche die eben beendeten Strikes nur für ein Vorspiel halten in dem allgemeinen Kampfe zwischen Capital und Arbeit, der auf der ganzen Linie ausbrechen werde. Es versteht sich aber von selbst, daß jedes Ding seine Grenzen hat. Das Capital kann die Arbeit nicht entbehren, aber ebenso wenig die Arbeit das Capital. Befehden sie sich lange und nachdrücklich, so gehen sie beide zu Grunde. Allerdings hat das Capital Auswege und wenn es sich der Industrie entzieht, bleiben ihm noch andere Wege der Verwendung. Allein es hat noch einen anderen Feind, nämlich sich selbst. Durch die unermeßliche Production werden die Capitalien immer mehr angehäuft und in Folge dessen der Zinsfuß immer tiefer herabgesetzt, also der Werth des Capitals empfindlich vermindert. Wenn die Arbeiter sich durch die sog. Productiv-Gesellschaften, d. h. Unternehmungen, an welchen und deren Erträgen sie selbst unmittelbar betheiligt sind, helfen zu können glauben, so können sie hierzu das Capital auch nicht entbehren und das ganze System hat sich mit wenigen Ausnahmen nicht bewährt, schon weil es seiner Natur nach den Zufälligkeiten, Wechselfällen und Krisen gegenüber nur geringe Widerstandskraft hat. Wenn aber die Führer der Arbeiter stets das Schlagwort „Kampf dem Capital!" im Munde führen, und damit auf die Arbeiter eine niemals ausbleibende Wirkung üben: so gehen sie wissentlich und unwissentlich über einen dritten Factor mit Stillschweigen hinweg, nämlich über die Intelligenz. Diese ist jedoch zur Production ebenso nothwendig wie das Capital und die Arbeit. Beide sind ohne jene so gut wie todt. All' die zahllosen Erfindungen, auf welchen unsere Industrie beruht, und durch welche sie den ungeahnten Aufschwung genommen, die beständigen Fortschritte, wem sind sie zu verdanken, wenn nicht der Intelligenz? Nicht die mechanische Arbeit und nicht das Capital haben sie zu Stande gebracht, sie vermögen es gar nicht. Die Idee jedes industriellen Unternehmens, seine Organisation, die Bezugsquellen des Rohmaterials, die Absatzwege, die technische, wie die kaufmäunische Leitung, sie gehen allein von der Intelligenz aus. Bei jenem großen Kampfe, den hiesige einsichtsvolle Männer, gerade durch die besseren Bedingungen, welche die jüngsten Strikes errungen haben, in immer größerem Maße ausbrechen sehen, bleibt die Intelligenz ganz unberücksichtigt. Sie ist theils mit den Trägern des Capitals verbunden, theils macht sie eine besondere Körperschaft aus, welche sich ebenfalls in keinen glänzenden Verhältnissen befindet. Da könnte es denn geschehen, daß auch sie ihre besonderen Interessen in Betracht zieht und Mittel ergreift, um aufzustellende Forderungen geltend zu machen. Die Verwirrung würde dann um so größer, eine förderliche Umgestaltung desto schwieriger. Das Capital würde sich außer Stande sehen, auch diesen Forderungen zu genügen, und die Arbeiter ihre Hilflosigkeit ohne die Intelligenz erkennen. — Jndeß hat die menschliche Gesellschaft auf dem Wege der Entwickelung schon vielleicht ebenso große Schwierigkeiten überwunden und Verhältnisse neu geordnet, die noch tiefer wurzelten und deren Umgestaltung nicht allmählich und Schritt vor Schritt vor sich gehen konnte, wie die Beseitigung des Sklaventhums, der Leibeigenschaft, der feudalen Einrichtungen. Vertrauen wir deshalb auf die Kraft der Gesellschaft, die zwar bei einem heftigen Jnteressenkampfe äußerliche Schäden erfährt, aber jenen auszugleichen und die Dinge wieder in friedliche Bahnen zu bringen vermag. Wie wir oben bemerkt, nehmen die jüdischen Arbeiter, deren Zahl durch die russische Einwanderung hier so groß geworden und täglich größer wird, an den Strikes in den Zweige», in welchen sie stark vertreten sind, lebhaften Antheil. Sind sie doch durch die Entbehrungen, denen sie in ihrem Vaterlande ausgesetzt waren, und die sie hier zu ertragen hatten, bis sie Arbeitsgelegenheit gefunden, geeignet, die Strikes recht lange auszuhalten. Mögen sie sich schließlich nicht getäuscht finden und sich mit einigen Vortheilen begnügen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.