Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 626 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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626 sehe ich mich genöthigt, dahin zu beantworten, daß auch zu Ostern k. I. die Aufnahme Ihrer Töchter in meine Schule nicht wird erfolgen können. Die gegenwärtig recht bedeutende Zahl jüdischer Schülerinnen bringt mich häufig in die peinliche ^age, darauf bezügliche mißfällige Aeußerungen von Seiten christlicher Eltern entgegennehmen zu müssen unter Hinzufügung des Wunsches einer Aenderung dieser Sachlage; auch Abmeldungen, die mir im höchsten Grade bedauerlich sein mußten, sind aus gleichem Grunde erfolgt. Unter solchen Umständen hat die Erwägung allseitigen Interesses mich zu dem Entschluß geführt, bis auf Weiteres von der Neueinschulung jüdischer Schülerinnen abzusehen, ein Entschluß, dem es an Verständniß und Billigung unparteiischer Beurtheiler kaum fehlen dürfte. Mit der Bitte, sich diesen anschließen zu wollen und diese Zeilen ohne Groll gegen mich entgegenzunehmen, ganz ergebenst Marie Boretius." Man erkennt hieraus, wie weit in Berlin die antisemitische Gesinnung verbreitet ist. — Der „B. B.-C." vom 18. d. schreibt: Am gestrigen Tage sind aus Rußland hier etwa hundert Personen jüdischen Bekenntnisses angekommen, welche die Absicht haben, nach Argentinien auszuwandern, wo ihnen Land zur Bearbeitung überwiesen werden soll. Die Armen waren, nachdem ihnen an der russischen Grenze unendliche Schwierigkeiten, langer Aufenthalt und damit wesentliche Unkosten bereitet worden, mittellos und konnten die Weiterreise erst antreten, nachdem eine umfassende private Wohlthätigkeit ihnen die nöthigen Geldmittel zur Verfügung gestellt hatte. Es muß besonders hervorgehoben werden, daß der Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Berlin sich um diese Angelegenheit nicht gekümmert hat, die ihn freilich amtlich nicht berührte, und daß auch die organisirte Wohlthätigkeit der Alliance israelite universelle bei diesem Anlaß nicht in Wirksamkeit getreten ist. Bon den hierbei in Betracht kommenden Persönlichkeiten ließ sich keine sehen, war keine auffindbar. Glücklicherweise fehlt es in Berlin nicht an Männern von Vermögen und Herz, welche der ihnen begegnenden Noth helfen, ohne daß sie hierfür beamtet sind. — Der „B. B. C. schreibt: Das öffentliche Vorgehen der Schulvorsteherin Fräulein Boretius fordert sowohl die Aufsichtsbehörden, als die Eltern der Schulbesucherinnen zu Gegenmaßregeln heraus; bei den ersten sind die nöthigen Schritte angebahnt; hinsichtlich der Selbsthilfe, die gegen die intolerante Dame am Platze ist, giebt eine der Volkszeitung aus ihrem Leserkreise zugegangene Zuschrift einen beherzigenswerthen Wink. Das Schreiben lautet: Das Vorgehen der Schulvorsteherin Frl. Marie Boretius, welches in Ihrem Blatte besprochen worden ist, errinnert mich an ein ähnliches Vorkommniß hier in Berlin, dessen Mittheilung im gegenwärtigen Augenblick vielleicht recht zeitgemäß ist. Vor einer Reihe von Jahren waren in einer höheren Töchterschule, welche u. A. auch die Tochter des damaligen Cultusministers Falk besuchte, antisemitische Tendenzen in starker Weise hervorgetreten. Als der Minister davon Kenntniß erhielt, nahm er nicht nur seine Tochter sofort aus der Schule, sondern er soll auch an die Eltern der sämmtlichen jüdischen Kinder, welche die Schule besuchten, ein Schreiben gerichtet haben, in welchem er sie von dem Geschehenen benachrichtigte. Natürlich folgten diese alle dem von dem Minister gegebenem Beispiele. Hochachtend S'. Darmstadt, 25. Sept. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit seines Geburtstages am 12. d. M. verlieh der Großherzog von Hessen dem Landräbbiner Dr. I. Landsberger (der vor Kurzem sein 70 stes Lebensjahr vollendet hat), den hohen Orden des Ritterkreuzes I. Klasse des Verdienstordens Philipp des Großmüthigen. Aus Westfalen, 19. September. Die Antisemiten sind die ersten, welche Candidaten für die kommende Reichstagswahl aufgestellt haben. Für den Wahlkreis Bochum ist der Landwirth Dietrich Wilms aus dem Kreise Gelsenkirchen und für den Wahlkreis Dortmund Herr Dr. König in Witten aufgestellt worden. Von der Elbe, 23. Sept. (Privatmitth.) Es ist sehr erklärlich, wenn sich in der Reichshauptstadt und überhaupt in den großen Centren der Staaten eine gewisse Selbstüberschätzung herausbildet, welche gegen die Bewohner der Provinzen eine gewisse Mißachtung bewirkt und sich eine Suprematie über dieselben zueignet. Das rascher pulsirende Leben in den Großstädten, das stärkere Aufeinandertreffen der Interessen, die Anhäufung der Bildungsmittel und der geistigen Kräfte machen diese Erscheinung erklärlich. Man hält sich deshalb daselbst den Provinzen weit überlegen, beachtet die Erzeugnisse derselben als secundär und einseitig nur wenig und hält sich für berufen, den Provinzialbewohnern Vorbild zu geben und Vorschriften zu machen. Dies mag nun auch in mancher Hinsicht richtig sein, weil sich eben gewisse Zweige des Lebens in solchen Centren schneller und weiter zu entwickeln Gelegenheit und Mittel haben. Im Ganzen aber ist es eine recht irrige Vorstellung. Es ist eben eine eigene Sache um die generelle Entfaltung des Menschengeistes. Das Allgemeine kann er sehr schwer einhalten und verfällt immer wieder in Begrenztes und Oertliches. Wer genauer beobachtet, erkennt unschwer, daß in diesen Metropolen sich wieder ein eigener Geist herausbildet, Ansichten erstehen und herrschen, welche aus den örtlichen Verhältnissen erwachsen und die eben nur die Zustände der Großstadt befassen. Es ist eine andere Einseitigkeit, welche die Beschaffenheit und die Bedürfnisse der Provinzen, also der Gesammtheit, nicht kennt und nicht berücksichtigt. Daher stehen sich Großstadt und Provinzen oft gegenüber und wissen sich nicht in einander