Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 627 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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zu schicken. Wer die Geschichte des Judenthums im letzten Jahrhundert überschaut, wird obige Bemerkung als richtig erkennen. Mit dem Tode Mendelssohns hört die Wirksamkeit der Berliner Gemeinde auf die Provinzen für lange Zeit auf. In diesen ist es, daß sich das neu erwachte Leben im Judenthume bethätigt, für Synagoge und Schule, namentlich für Religionsunterricht eine Neugestaltung schafft, welche die Berliner Gemeinde noch lange Zeit fern von sich hält. Als sich die Reform durch die Braunschweiger Rabbinerversammlung, welche von keinem Berliner besucht war, zuerst als bestehend erwies, erstand in Berlin eine Reformgenossenschaft, die sofort ins Extreme überschlug, daß sie in den Provinzen nicht im Geringsten Anktang fand. Ebenso war es die Provinz, welche die jüdische Literatur wieder in Fluß brachte, wenn auch die wissenschaftliche Begründung ihre Betheiligung in Berlin fand. Das lebhaft gefühlte Bedürfniß nach Herstellung von wohl organisirten Seminaren für Rabbiner und Lehrer fand ebenfalls zuerst in den Provinzen seine Befriedigung. Als im Anfang der Regierung Friedrich Wilhelm IV. durch die eigenthümlichen Ideen dieses Königs die damalige Stellung der Juden gefährdet war, als in den fünfziger Jahren die eben erlangte Gleichberechtigung wieder angegriffen wurde, ging der Widerstand der Juden, wie er sich recht wirksam geltend machte, von den Provinzen aus. So war der Einfluß der Berliner Gemeinde auf die Provinzen gleich Null, während die Regsamkeit der letzteren keinen geringen Einfluß, wenn auch nur allmählich, auf Berlin übte. So ist es auch eigenthümlich, daß in Berlin, wie z. B. auch in Wien, nicht aber in Paris und London, die Strömung gegen die confessionelle Schule sich gerichtet hat, während in den Provinzen das tief gefühlte Bedürfniß nach jüdischer Elementarschule aus sehr gewichtigen Gründen sich erhalten hat und von der Gegnerschaft Berlins sich nicht bestimmen läßt. Wir erkennen es deshalb als eine sehr richtige Maßnahme des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes an, daß er das Institut der Delegirten in den Provinzen eingerichtet hat, wodurch er im Stande ist, sich von Zuständen, Bestrebungen und Mitteln der Provinzen eine ausreichende Kenntniß zu verschaffen, wenn wir auch nicht vergessen wollen, daß derselbe seinen Ursprung und seine erste Ausbildung in Leipzig gewonnen hat. Immerhin ist es räthlich, das oben skizzirte Verhältniß zwischen den Großstädten und den Provinzen zu kennen und zu beachten, weil gerade hierdurch die Verbindung beiderseits enger werden und als geboten erscheinen kann. Aus Hessen, 22. September. Heute wird in den katholischen Kirchen der Hirtenbrief zur Verlesung gelangen, welchen die in Fulda versammelt gewesenen Bischöfe erlassen haben, und dessen Hauptpunkte bereits kurz mitgetheilt sind. Der Ton des Hirtenbriefes ist auffallend mild. Unter Anderem wird über die confessionellen Gegensätze in Deutschland bemerkt: Jene Gegensätze aber, die uns trennen, soll mau nicht durch Bitterkeit oder gar Unwahrheiten verschärfen, sondern durch Verständigung und Wohlwollen mildern. Deutschland bedarf sowohl wegen seiner confessionell gemischten Bevölkerung, wie wegen der politischen Weltlage mehr als irgend ein anderes Land des confessionellen Friedens. Dieser aber ist nur dadurch zu erreichen, daß jeder Theil seine heiligsten Rechte und Interessen vollkommen gesichert weiß, damit Alle trotz der Verschiedenheit des Glaubens in treuer Vaterlandsliebe mit freudigem Herzen und opferwilligem Sinne zusammenstehen. Allein wir müßten fürchten, einer neuen Verdächtigung die Thür zu öffnen, wenn wir nicht die Forderung der Liebe noch ausdrücklich euch ans Herz legen wollten. Sie fordert, daß wir unsererseits trotz aller Angriffe und Verdächtigungen Alles vermeiden, was die Leidenschaft reizen und aufregen könnte. Jedoch, geliebte Diözesanen, ob ihr wohl der Mahnung bedürfet? Die Antwort geben die letztvergangenen Jahre. Wenn wir Zeugen waren, wie ihr bei den Prüfungen, welche sie über uns herbeiführten, mit einem Heldenmuth und einer Hingabe, die euch von der ganzen Welt eine ehrenvolle Anerkennung erworben hat, für die geheiligten Rechte der Kirche ein unüberwindliches Bollwerk bildetet; waren wir nicht ebenso sehr auch Zeugen eurer festen Selbstbeherrschung, eures gesetzlichen Verhaltens und eurer geduldigen Ausdauer, welche euch in den schwersten Tagen und bei den bittersten Erfahrungen nie verließen? (Wir können diese Frieden athmenden Aeußerungen der hohen Kirchenfürsten nur mit Befriedigung begrüßen, und möchten nur wünschen, daß dieselben auf die Hetzcapläne und ultramontanen Literaten eine bald fühlbare Wirksamkeit ausüben möchten. Dem katholischen Volke können auch wir Juden in den letzten Jahren keine Vorwürfe machen, vielmehr unsere Anerkennung aussprechen, daß es, aller Wühlereien ungeachtet, den vollen Frieden gegen die Juden bewahrte. Erinnern wir uns aber an die Rohlings und Justus, an die vom Bonifacius-Vercin ausgegangenen judenfeindlichen Schriften, an die zahllosen Artikel der „Germania", der „Deutschen Reichszeitung" und anderer ultramontanen Blätter, so können wir auch in Preußen nicht.von Frieden und Liebe sprechen, sondern nur von gehässigen Leidenschaften, die gegen uns auch von katholischer Seite geübt wurden. Hingegen, wenn die Bischöfe von Angriffen reden, welche gegen die katholische Kirche gerichtet waren, so kann dies am wenigsten uns Juden treffen. Von uns ist niemals ein solcher Angriff ausgegangen und sprachen und stimmten doch die jüdischen Abgeordneten Lasker, Bamberger und Löwe selbst gegen die Austreibung der Jesuiten.)