Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 624 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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624 danern gegenüber. Der evangelischen Kirche hat man das Missioniren unter Heiden und Mohamedanern untersagt, um der griechischen Kirche leine Concurrenz zu erwecken, und nun stellt sich die ungeheuerliche Thatsache heraus, daß seither Hunderte und Tausende russischer Christen im Herzen Rußlands, an der Wolga, von der christlichen Kirche zum Islam übergehen!" Wenn dies wahr ist, so glauben wir nicht, daß die evangelische Mission diesen Abfall verhindert hätte. Die Erfolge, welche die protestantische Mission in den Ländern erreicht hat, in welchen sie seit vielen Jahren besteht, sprechen nicht dafür. Äus dem Midrasch. 11. Einen merkwürdigen Ausspruch, welcher die Geistesfreiheit der talmudischen Weisen, den im Alterthum vorhandenen Begriffen gegenüber erweist, finden wir Sanhedrin 19, 1. 2. Er lautet: „Ein König darf nicht richten und auch nicht gerichtet werden." Die Zweite Hälfte dieses Ausspruches ist nichts Anderes, als was in den modernen Staatsverfassungen lautet: Der König ist unverantwortlich. Die erste Hälfte des Satzes ist ebenfalls ganz modern. Im constitutionellen Staate darf der König, obschon jedes gerichtliche Erkenntniß mit den Worten beginnt „im Namen des Königs", weder selbst ein Urtheil fällen, noch in den Gang der gerichtlichen Verhandlungen eingreifen. Er besitzt das Begnadigungsrecht, um dem Verurtheilten die Strafe ganz oder theilweise zu erlassen; zuvor aber muß das gerichtliche Urtheil erfolgt sein. In dem obigen Ausspruch zeigt sich aber gerade in diesem Punkte, wie sich die talmudischen Lehrer bemühten, den vorhandenen Verhältnissen Zu entsprechen und sich nicht scheuten, dem Gesetz und der Sitte des alten Israel entgegengesetzte Bestimmungen zu treffen. Denn nach dem mosaischen Gesetze war gerade das Oberhaupt des Volkes, sei er „Richter", Hoherpriester oder König mit dem höchsten Richteramte betraut, derselbe bildete die höchste Instanz, deren Urtheil unweigerlich vollzogen werden mußte, und im weiteren Verlaufe, als ein König eingesetzt war, richtete dieser in öffentlicher Audienz, wie wir ausdrücklich von David und Salomo lesen. Allein unter den hasmonäischen Königen hatten sich die Verhältnisse durchaus geändert, und das Synedrium bildete das höchste Gerichtstribunal. Wahrscheinlich bestand dieses Institut schon vor der Einsetzung eines hasmonäischen Königs, und so war es natürlich, daß es sein hohes Attribut zu bewahren entschlossen war, wie sich dies in dem angeführten Ausspruche bethätigte. Um über den Widerspruch gegen Gesetz und Sitte hinwegzukommen, fügt der Midrasch hinzu: „Rab Joseph hat gesagt: Dies gilt nur von den Königen Israels, die Könige des Hauses Davids aber dürfen richten und auch gerichtet werden;" unter „den Königen Israels" verstehen sie also alle israelitischen Könige, die nicht aus dem Hause Davids waren, also die des ehemaligen Reiches der Zehnstämme und die hasmonäischen, später die herodianischen. Hieran schließt sich die folgende Erläuterung und Erzählung. „Denn es steht geschrieben Jerem. 21, 12: „Haus Davids! so spricht der Ewige: Haltet Gericht an jeglichem Morgen." Wenn sie nicht gerichtet werden dürfen, wie dürfen sie selbst richten, es heißt doch Zeph. 2, 1: „Laßt euch reinigen und reiniget?" Resch Lakisch hat gesagt: Zuerst putze (reinige) dich selbst und dann suche Andere zu putzen (reinigen). Warum aber die Könige Israels nicht? Wegen einer Begebenheit, die sich zugetragen hat. Als nämlich der Diener des Königs Jannai (gest. 79 vor der gew. Zeitr.) einst einen Menschen gelobtet hatte, sprach Simeon ben Schetach zu den Weisen: Richtet eure Aufmerksamkeit auf diesen Fall, ihr sollt ihn (den Knecht) vor Gericht ziehen. Sie schickten zum König und ließen ihm sagen: Dein Diener- Hat einen Menschen getödtet. Er schickte ihnen denselben! (damit sie ihn richteten). Darauf ließen sie ihm sagen: Du mußt zu uns kommen. (Warum?) Die Thora sagt 2. Mos. 21, 29: „Und sein Eigenthümer ist verwarnt worden" d. i. wie der Eigenthümer des Ochsen kommen und seines Ochsen wegen (vor Gericht) stehen muß, so mußt auch du kommen. Der König kam und setzte sich nieder. Da sprach Simeon!ben Schetach zu ihm: König Jannai, stehe auf, damit Zeugniß gegen dich abgelegt werde (und bedenke), daß du nicht bloß vor uns stehst, sondern vor dem, welcher sprach, und die Welt ward, wie es heißt 5. Mos. 19, 17: „Es sollen beide Männer, die den Rechtsstreit haben, vor dem Ewigen stehen." Der König sprach: Es kommt nicht nur darauf an, was du sagst, sondern auch auf das, was deine Genossen sagen. Da wandte sich Simeon ben Schetach nach seiner rechten Seite und sie (die Richter dieser Seite) senkten ihre Gesichter zur Erde, dann wandte er sich nach seiner linken Seite und auch sie senkten ihre Gesichter zur Erde. Simeon ben Schetach sprach zu ihnen: Ihr seid Herren der Gedankens, der Herr der Gedanken wird kommen und euch dafür zur Strafe ziehen! Sofort kam der Engel Gabriel und schlug sie zur Erde, daß sie starben. In dieser Stunde sprachen sie: Ein König darf nicht richten und auch nicht gerichtet werden, er darf kein Zeugniß ablegen und es darf auch gegen ihn nicht Zeugniß abgelegt werden." Wir finden hier zuerst den sehr vernünftigen Ausspruch: Reformire vor Allem dich selbst, dann erst denke daran, auch Andere zu reforwiren. Die Erfahrung mußte schon damals 1) D. i. ihr thut, als ob ihr mit euren Gedanken beschäftigt wäret. W. (Soll wohl heißen: Ihr verbergt Eure Gedanken. Red.)