Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 623 (sequence 3)
- Language
- German
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623 lich verschwunden ist, ist eine Consession, die in einem Lande eine andere mißhandelt und bedrückt, nicht sicher, daß ihr in einem anderen Lande dasselbe Schicksal wiederfährt, das sie einer anderen Religionspartei bereitet hat. Hierfür bringt die Gegenwart ein lehrreiches Beispiel, das wir, um unsre Behauptung und Mahnung durch einen recht fühlbaren Beweis zu bekräftigen, nicht mit Stillschweigen übergehen können. — Die Protestantische Orthodoxie sammt der ganzen conservativen Partei war in Deutschland vor 1848 die heftigste Gegnerin der Religionsfreiheit, der Gleichberechtigung aller Konfessionen im Staate, insbesondere der Juden. Nach dem genannten Jahre, da diese Gleichberechtigung verfassungsmäßig ausgesprochen, verbürgt und beschworen war, strebte jene Partei danach, dieselbe wieder zu beseitigen und die alten Beschränkungen wieder zurückzuführen. Aus ihrer, der protestantischen Orthodoxie Mitte ging die jüngste antisemitische Hetzerei hervor und verpflanzte sich nach anderen Ländern; ihr Führer war der Erwählte und Gepriesene der Orthodoxie. Es ist, als ob sich diese Männer von jenem berüchtigten Grundsatz: cujus regio, ejus religio, d. h. daß man sich der Kirche, welcher der Landesherr oder auch die Mehrheit des Volkes angehört, unterwerfen müsse, noch immer nicht trennen können — da natürlich, wo sie die Oberhand haben. Dringen sie doch immer auf einen „christlichen Staat", und sprechen dann von einem „protestantischen deutschen Kaiserthum", obschon unter den Angehörigen des deutschen Reiches ein Drittel Katholiken und über eine halbe Million Juden sind. Nicht minder werden die Staaten, in denen die Mehrheit der katholischen Kirche angehören, „katholische" genannt. Ganz dasselbe Schicksal erleidet nun jetzt die evangelische Kirche und ihre Bekenner in den russischen Ostseeprovinzen. So lange diese die privilegirte Kaste waren, haben sie die Esthen und Letten als Hörige behandelt und bedrückt, die Juden beschränkt, ausgeschlossen, verjagt, wenn sich einige derselben an einem Platze niedergelassen, kurz in jeder Weise mißhandelt. Die maßgebenden Kreise Rußlands sind jetzt wieder, vielleicht mehr als jemals, von dem Bestreben beseelt, das russische Reich, welches ein so außerordentliches Gemisch von Völkerschaften umschließt, wenigstens in seinem europäischen Theile möglichst zu unisiciren. Jetzt, wo es seine Herrschaft in Centralasien immer weiter ausdehnt und bereits seine Fühlfäden nach dem britisch-indischen Reiche ausstreckt, fühlt es das Bedürfniß, einen großen, starken, einheitlichen Grundstock in seiner europäischen Bevölkerung zu haben, dessen vereinigte Kräfte es ihm ermöglichen, nicht bloß seine Grenzen sicher zu stellen, sondern alle jene Völkerschaften unter seiner Herrschaft zu erhalten. Die Russificirung aller seiner Unterthanen ist daher das Ziel, welches mit aller Kraft angestrebt wird. Alle Volkselemente, welche dem Russenthum fremd sind, sollen in dasselbe aufgehen. Ein Hauptmittel hierfür erscheint den Leitern dieser gewaltigen Anstrengung in der Religion zu liegen. In dieser muß zunächst die Unification vollbracht werden: die russischgriechische Kirche muß wo möglich die der gesammten Bevölkerung werden. Was die Geschichte gerade für solche Versuche auf religiösem Gebiete lehrt, daß durch dergleichen, mit Gewaltthaten verbundene Bestrebungen nur das Gegentheil erzielt wird, dessen achten sie nicht. Was bereits nach dieser Richtung hin in Rußland geschehen, ist hinlänglich bekannt. Bisher hat trotz alledem diese Unification nur geringen Er-! folg gehabt; nicht bloß die Polen, sondern selbst die sog.! Kleinrussen (Ruthenen) und die verschiedenen Secten inner-! halb der herrschenden Kirche haben ihren Widerstand nicht S aufgegeben und die Kraft ihrer Opposition nicht verloren, j Seit mehreren Jahren hat sich nun diese Strömung gegen! die evangelische Kirche in den Ostseeprovinzen gerichtet. Was j die allmälige Beseitigung der staatsrechtlichen Stellung ihrer | Bekenner betrifft,so geht man darauf hin aus,ihre bisherigenPrij vilegien und Sonderstellung zu beseitigen, was jenen auch in mate-! rieller Beziehung großen Nachtheil bringt. Doch mehr; man! unterbindet die Lebensnerven jeder Volks- und kirchlichen Ge j meinschaft, die Sprache, die Schule, die Kirche, und die! Anstellung in den öffentlichen Aemtern. Dies sind Schläge, j welche zugleich das Deutschthum und die Consession der Evangelischen in den Ostseeprovinzen aufs Empfindlichste, treffen. Ob auch sie so viel Widerstandskraft besitzen, wie die, von ihnen so oft mißhandelten und verachteten Juden durch viele Jahrhundert hindurch bethätigten, wird die Zukunft lehren. Bei den evangelischen Esthen ist der Erfolg der russischen Kirche schon jetzt ein bedeutender. Wenn der Dichter sagt: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", so möchten wir sagen: Die Zeit ist das Weltgericht, und was die Menschen heute verüben, das rächt sich im weiteren Verlauf der Zeit. Denn in der Menschenwelt kommt es baimtf an, welcher Geist in ihr genährt wird. Dieser Geist läßt sich nicht geographisch begrenzen, sondern er dringt weiter hinaus, verpflanzt sich über weite Fernen hinweg und dringt in Ländern an die Oberfläche, wo er sich früher nicht gezeigt hatte, und verübt da das Strafgericht an denen oder deren Genossen, die ihm anderswo gefröhnt haben. Gewiß, wir schreiben dies nicht etwa aus Schadenfreude, sondern weil wir immer wieder die Mahnung erheben wollen: Schaffet endlich die Intoleranz, die religiöse Berfolgungssucht aus Euch heraus, denn was Ihr Anderen gethan, geschieht Euch selbsten! — Eine Mittheilung wollen wir noch hinznfügen, welche wir in der letzten evangelischen Streitschrift finden. Es heißt da: „Wie wenig es wirklich lebendiges Christenthum ist, das in Rußland propagirend gegen evangelische wie katholische Unterthanen des Czaren vorgeht, zeigt am besten die Kraftlosigkeit der griechischen Kirche den Mobame-- 40*