Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 622 (sequence 2)
- Language
- German
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622 ersehnte Wirkung zu haben. Darum rufen die Propheten unermüdlich dem Volke zu: Kehret zurück zu eurem Gotte, damit eure Schuld vergeben werde! Jedermann verlasse seinen bösen Weg und kehre zu Gott zurück, der wird sich seiner erbarmen und ihn erretten. Dann schwindet die Sünde wie ein Gewölk, dann trifft ein, was Jesaias sagt (1, 18): „Wenn eure Sünden sind wie Karmoisin, wie Schnee sollen sie bleichen, wenn sie roth sind mieScharlach, wie weiße Wolle sollen sie werden". Aber er versichert dies erst, wenn geschehen ist, was er ihnen einschärft: „Waschet euch, reinigt euch, schafft das Böse eurer Werke aus meinen Augen hinweg, höret auf zu freveln, lernet gut thun, suchet Recht, stellt den Unterdrückten her, schafft der Waise Recht, führt der Wittwe Streit!" — Im Cultus selbst, so weit er die Sündenvergebung betrifft, tritt vor Allem der „Tag der Versöhnung" in den Vordergrund. Während die übrigen Feste mit einigen Versen abgethan werden, wird ihm ein ganzes Kapitel gewidmet (?>. Mos. 16), in welchem die an diesem Tage einzuhaltende Liturgie genau bestimmt ist. An ihm allein im ganzen Jahre fungirt nur der Hohepriester, geht in das Allerheiligste ein und ruft den vierbuchstabigen Namen Gottes aus. Dem damaligen Stande des Volksgeistes gemäß wird auch eine symbolische Handlung ausgeführt, daß gleichsam die Sünden des Volkes auf einen Widder gelegt und dieser in die Wüste gebracht wird, mit sich tragend die Schuldhaftigkeit Israels in die unbewohnte, unfruchtbare Oede, ins Nichts.*) Alles dies wurde für so unentbehrlich erachtet, daß Ezechiel, als er die Wiederherstellung des Cultus entwarf, auch diese Sündenvergebung alsbald in Betracht zog. Immer aber war das Bestreben vorhanden, diese cultuellen Verrichtungen vor dem Mißbrauch Zu schützen, daß man mit der Ceremonie selbst, ohne aufrichtige Reue und Besserung genug gethan zu haben glaube. Davor warnten auch die Talmudisten, indem sie sagten: Wer eine Sünde thut in dem Gedanken, es kommt der Versöhnungstag und versöhnt jede Schuld, den versöhnt der Versöhnungstag nicht; ferner: Gott vergiebt jede Schuld, die der Mensch gegen ihn und gegen sich selbst verübt, vergiebt aber das Unrecht nicht, das gegen den Nächsten verübt worden, bevor dieser nicht um Verzeihung angesprochen, oder der ihm zugefügte Schaden ersetzt worden ist. Die Sündenvergebung ist also eine der höchsten Aufgaben der Religion: sie geht unmittelbar zwischen Gott und dem Menschen vor sich und ist bedingt durch aufrichtige Reue und Buße. Der Psalm 32 beginnt: „Heit dem Menschen, wem Missethat vergeben, Sünde verziehen ist. Heil dem Menschen, dem der Ewige Schuld nicht rechnet, weil Trug 1) Dies ist die Bedeutung des so vielfach ausgelegten nach der grammatikalischen Form und den umgebenden Ausdrücken, siehe unsren Commentar zu 3. Mos. 16, 8. nicht ist in seinem Geiste (d. h. weil er aufrichtige Reue empfindet); da ich schwieg, verzehrte mein Gebein sich in meinem Stöhnen den ganzen Tag. Meine Sünde that ich dir kund, meine Schuld verdeckte ich nicht, ich sprach: auf meine Missethat will ich dem Ewigen bekennen — da vergabst du meine Sündenschuld. Selah." — Und hierzu ist der Bersöhnungstag eingesetzt als Mahnung, Aufforderung und Mittel an alle Bekenner Israels zur Einkehr in sich selbst, zu aufrichtiger Reue und Besserung! ... Darum nennt ihn die h. Schrift „Sabbath der Sabbathe" und der Talmud nd^ „der große Tag", auch vorzugsweise NDr „der Tag". — Schauet um euch, Glaubensgenossen! Eine böse Krankheit verbreitet sich immer mehr in der Menschheit, es ist, wie wenn ein schlimmer Geist durch dieselbe einhergehe. Es ist dies die Religionslosigkeit, die Gottesverleugnung, der Mangel an Gottesfurcht und Gotkvertrauen, die Selbstüberhebung, da greifen denn Biele, leider jetzt auch unter uns, wenn ihnen ein schweres Leid widerfährt, wenn ein großer Verlust sie trifft, ihre Aussichten sich verdüstern, sie die Schande zu fürchten haben — zum Revolver oder Cyankali u. dgl. Ob sie Vater und Mutter, Gattin und Kinder in Schmerz und Elend hinterlaffen, das kümmert sie nicht; in ihrer Feigheit und Gottverlassenheit werfen sie das Leben, das ihnen Gott verliehen, von sich, um Alles dessen ledig zu sein, was sie drückt. Ja, meinen sie, ein Thor war Hiob, der nach Verlust seiner Kinder und seines Vermögens und unter den heftigsten Schmerzen sich doch nur in Klagen und verzweiflungsvollen Reden gegen die Gerechtigkeit Gottes erging. Aber dieser Hiob ertrug standhaft sein Leiden und ließ vom Gottglauben nicht ab, und siehe, sein Leiden verschwand und „sein Späteres war mehr als sein Früheres", und noch heute ist er das Vorbild der Leidenden und gerühmt als heldenmüthiger Dulder. Dies gewahret, und das Recht und die Wahrheit erkennend, hallet die Religion eurer Väter hoch und nahet euch mit Ehrfurcht und Aufrichtigkeit dem Tage, der euch zum Heile und zur Umkehr dargeboten worden, eine „ewige Satzung für alle Söhne Israels!" Lin lehrreiches Seijpiel. Als Fürst Pückler-Muskau Irland bereiste und das Verhalten der katholischen Geistlichen zu rühmen hatte, schrieb er: „Die ecelesia pressa ist stets aufgeklärt, d. h. tolerant"; man könnte hinzufügen: die ecelesia dominans, die herrschende Kirche ist stets intolerant, wenn nicht verfolgungssüchtig. Die Beispiele hierfür liefert die Geschichte in Fülle. Unsre These, die wir wiederholt aufgestellt, lautet: So lange nicht die Intoleranz ganz ans der Welt geschafft, so lange die Verfolgungssucht aus confessivnellem Fanatismus nicht ganz-