Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philippson in Kann. Expedition: Leipzig, Kospitakstralre 2. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an Vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 3. Oktober 1889. Nr. 40. Inhalt. Leitende Artikel: D'T.SDn DV— Ein lehrreiches Beispiel. — Aus dem Midrasch. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Darmstadt, Aus Westsalen, Von der Elbe, Aus Hessen. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa, Bukarest. — Bonn: Notizen.. - Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: August Abrahamson. — Der Landsitz des Sir Moses Montefiore. — Hebräische Gedichte. — Nachtrag: Berlin, London. Bonn, 29. September. ''D'iTBan Di' Au den hohen Festen. III. „Es ist kein Mensch, der nicht sündige!" ruft uns die h. Schrift wiederholt zu, mit der Absicht, uns Demuth einzuflößen und das Bedürfniß nach Sündenvergebung zu wecken. Dem entsprechend, hebt sie immer wieder die Barmherzigkeit Gottes hervor, die dem sündigen Menschen entgegenkommt, um seine Schuldhaftigkeit zu tilgen und ihn rein und geläutert vor Gott zu stellen. Hierin identificirt sich die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes und Beide sind Eines, da der Mensch mit freiem Willen und dem Unterscheidungsvermögen zwischen gut und schlecht, zwischen Recht und Unrecht ausgerüstet, ebenso in seinem Herzen die Neigung zum Bösen wie zum Guten trägt und den Versuchungen der Leidenschaft und der gesellschaftlichen Interessen ausgesetzt ist. Einem solchen Wesen gegenüber fordert die Gerechtigkeit Nachsicht und Bereitschaft, ihm die Schuld zu vergeben. Es ist daher bemerkenswert!), daß in der bedeutsamen Offenbarung 2. Mos. 34, 6. Gott als „barmherzig und gnädig, langmüthig und voller Huld und Wahrheit, vergebend Sünde, Missethat und Schuld" vorangestellt, und dann erst hinzui) Der Sing. ^>£0 kommt in der Bibel nicht vor. gefügt wird: „Läßt aber nichts ungestraft,ahnend die Sünde ff." Bekanntlich ist dieser Ausspruch durch die ganze h. Schrift oft wiederholt, geht wie ein rother Faden durch alle Bücher derselben und wurde von der Synagoge nachdrücklich in die Liturgie eingeführt. Das Judenthum kennt hier keinen Unterschied in der Größe der Schuld, sondern preist die Barmherzigkeit Gottes als unbegrenzt dem Sünder gegenüber. Dies spricht der Psalnüst 65, 4 und Ezechiel 16, 63 aus. Es kann deshalb nicht verwundern, daß der mosaische Cultus ganz vorzugsweise Ceremonien, Bekenntnisse und Opfer einrichtete, um das gesammte Volk zur Erkenntniß seiner Schuldhaftigkeit und zur Reue und Buße aufzufordern und anzuspornen. Dies zieht sich durch dasganze Cnltusgesetz und erstreckt sich auf die Priester, die Führer des Volkes, das Volk in seiner Gesammtheit und auf alle Einzelnen. Wo eine Schuld vorhanden, bewußt oder unbewußt vollbracht, da tritt auch der Cultus ein und verlangt Bekesntniß und Sündopfer, selbst z. B. bei dem Auffinden eines' Ermordeten, ohne daß der Thäter ermittelt werden kann (5. Mos. 21, 8). Bemerkenswerth ist, daß das Versöhnen, das Vergeben der Schuld durch das Wort ~dd ausgedrückt wird, welches „bedecken" bedeutet, und im Piel, also ganz und sorgfältig bedecken, zn der Bedeutung vergeben, versöhnen, sühnen gelangt. Es ist hiermit angedeutet, daß die betreffende Ceremonie die Schuld zwar überdeckt, was aber verdeckt wird, ist darum noch nicht verschwunden, noch nicht aus der Welt geschafft. Denn die wirkliche Sündenvergebung kann nur durch aufrichtiges Bekenntniß, durch Reue und Besserung bewirkt werden. Diese muß mit der culturellen Ceremonie verbunden sein, um die 40